Fünf vor zwölf für Tesla

Elon Musks Konzern hält Lieferversprechen nicht ein und kämpft mit hohen Schulden – und nun auch mit Qualitätsproblemen.

Vom Erfolg mit dem Model 3 hängt für Tesla viel ab: Ein Typ davon in einem Schauraum in Chicago. Foto: Scott Olson (Getty-Images)

Vom Erfolg mit dem Model 3 hängt für Tesla viel ab: Ein Typ davon in einem Schauraum in Chicago. Foto: Scott Olson (Getty-Images)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Bis vor einem Jahr schien Elon Musk nichts falsch machen zu können. Er verpasste zwar immer wieder seine ehrgeizigen Liefertermine, orchestrierte ein dubioses Übernahmemanöver einer kriselnden Solarfirma und schien mehr mit Weltraumplänen als mit Tesla beschäftigt. Doch die Investoren und Kunden ignorierten solche Rückschläge und bewerteten das Unternehmen höher als Ford und General Motors. Doch seit ­wenigen Wochen hat sich das Blatt total gewendet: Tesla musste den grössten Rückruf in der Firmengeschichte starten, kämpft mit einer bedrohlichen Finanzlage, sieht das Konzept autonomes Fahren durch Unfälle infrage gestellt.

«Die Welt beobachtet uns sehr genau und will wissen: Wie viele Modelle 3 kann Tesla produzieren? Dies ist ein kritischer Moment in der Geschichte von Tesla», machte Vizepräsident Doug Field dieser Tage in einem internen E-Mail den Ernst der Lage deutlich. Jedermann müsse sich einen «Schlag in den Bauch» versetzen und alles tun, um die aktuellen Produktionsziele zu erreichen. Wie wirksam der Aufruf war, wird in Kürze klar. Tesla soll diese Woche die letzten Produktionszahlen bekannt geben und beweisen, dass für einmal die Vorgaben von Musk mehr sind als nur Worte. Die Zeichen stehen auf Sturm, wie das von «Bloomberg» zitierte E-Mail von Field erahnen lässt. Nach seinen Worten wäre es bereits ein «unglaublicher Sieg», wenn in einer einzigen Woche 300 Modelle 3 gefertigt werden könnten.

Investoren zweifeln

Musk hatte zunächst versprochen, bis Ende dieses Jahres 500'000 Modelle 3 herstellen zu können, schraubte dann auf 100'000 zurück und erklärte im letzten August, bis Dezember würden monatlich 20'000 Exemplare gefertigt. Die Realität sieht anders aus. Im vierten Quartal 2017 kamen nur 2425 Modelle 3 auf den Markt. Selbst wenn nun 1500 Stück pro Woche gebaut werden, wie Field hofft, reicht das nicht. Solange Tesla nicht konstant 5000 Modelle 3 pro Woche produziere, warnt UBS-Analyst Colin Langan, wird Cash verbrannt.

Tesla hat in seiner 15-jährigen Geschichte den Sprung in die Gewinnzone noch nicht geschafft. Dafür stehen inzwischen 10 Milliarden Dollar an längerfristigen Schulden, während die gesamten Verbindlichkeiten sich auf 23 Milliarden Dollar belaufen. Die Ratingagentur Moody’s hat letzte Woche die Schuldscheine von Tesla noch weiter in Richtung Junk-Niveau herabgesetzt, was das Vertrauen der Finanzmärkte sichtbar erschütterte. Die Tesla-Aktie hat in nur einem Monat fast 30 Prozent verloren, und eine Anleihe vom letzten Jahr über 1,8 Milliarden schmierte dramatisch ab und wirft eine Rendite von 7,8 Prozent ab. Das sind Zinsen, wie sie überschuldete Drittweltländer zahlen müssen.

Toys R Us: Plötzlich wird es eng

Das Unternehmen hatte Ende 2017 offene Rechnungen im Umfang von 2,4 Milliarden Dollar. Verlieren die Zulieferer ihre Geduld und fordern die prompte Bezahlung der Rechnungen, kann es schnell prekär werden. So musste letzte Woche die Spielwarenkette Toys R Us Bankrott anmelden, weil die Zulieferer das angeschlagene Unternehmen nicht mehr beliefern wollten.

Deshalb ist der «Volks-Tesla» für die Zukunft des Unternehmens entscheidend. Das ab 35'000 Dollar erhältliche Modell 3 muss Tesla auf eine finanziell sichere Grundlage bringen. Es muss in so grossen Mengen produziert werden und so viel Cashflow abwerfen, dass Tesla auch die hohe Bewertung an den Finanzmärkten rechtfertigen kann. Nur so werden die Anleger bereit sein, die mehr als zwei Milliarden Dollar zu investieren, die die Firma innerhalb der nächsten acht Monate braucht. Mehrere Hedgefonds lecken bereits Blut. Sie spekulieren bereits auf einen Konkurs des Unternehmens.

Fragen zum Autopilot

Unerwartet muss Tesla auch erstmals in grossem Stil mit Qualitätsproblemen kämpfen. Der laufende Rückruf von 123'000 Modellen S entspricht fast der Hälfte aller bisher 280'000 gefertigten Fahrzeuge. Einzelne Bolzen haben in den Wintermonaten wegen des salzhaltigen Schmelzwassers Rost angesetzt und behindern die automatische Lenkung. Die Probleme seien leicht zu beheben, verspricht Musk, doch kratzt der Rückruf am Image des Unternehmens, das die überragende Qualität und Zuverlässigkeit als grossen Konkurrenzvorteil betrachtet.

Während dieser Krise kam es vorletzte Woche auch noch zu einem tödlichen Unfall eines Apple-Ingenieurs, der mit einem autonom fahrenden Tesla X auf der Autobahn ungebremst in einen Verkehrsteiler prallte. Die Ursache ist noch ungeklärt, doch hatte sich der ­Fahrer angeblich mehrmals bei Tesla ­beklagt, weil das Auto von sich aus auf den Verkehrsteiler zusteuerte.

Ersten Erkenntnisse zufolge dürfte der Fahrer zwar Warnsignale missachtet haben, doch soll der Autopilot nicht wie vorgesehen automatisch gebremst haben. Im Vorfeld kam es bereits zu einem tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Uber-Fahrzeug. «Ein wesentlicher Teil von Tesla ist Marketing, nicht Substanz», sagt Karl Bauer, Analyst des renommierten Fachmagazins «Kelley Blue Book». «Unfälle, Qualitätsprobleme und Produktionsengpässe sind die Realität. Das wirft die Frage auf, ob das Unternehmen leisten kann, was es verspricht.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt