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Zurück im TrainingFrühlingsgefühle nach der «Sommerpause»

YB trainiert wieder. Das neu gewonnene Glück bleibt fragil, dennoch steht der Fahrplan: Ziel ist der Kick-off am 19. Juni.

Händereibend zurück zum Glück: Guillaume Hoarau schreitet zum ersten Mannschaftstraining seit acht Wochen.
Händereibend zurück zum Glück: Guillaume Hoarau schreitet zum ersten Mannschaftstraining seit acht Wochen.
Foto: Marcel Bieri

Die ganz kurzen Pässe fehlen noch. Es sind die langen Bälle, die im ersten YB-Mannschaftstraining seit gut zwei Monaten zum Aufwärmen gespielt werden. Mit dem Alltag tastet sich derzeit auch der Fussball in ganz Europa zaghaft zurück in eine fragile Normalität. In der Bundesliga wird wieder gespielt, vor leeren Rängen, mit Stadionton aus der Konserve. Der Ball rollt wieder, und es gibt dazu auf jeden Fall mehr Meinungen als Zuschauer in den Arenen, ob das jetzt richtig oder falsch sei.

«Wir sind einfach glücklich, dass auch wir diesen ersten Schritt Richtung Normalität machen konnten», sagt Gerardo Seoane. Der YB-Trainer empfängt eine fitte Mannschaft, «wir sind sogar topfit, aber vielleicht nicht topfit auf unserer Sportart». Acht Wochen lang haben die Spieler individuell trainiert, das ist mehr als doppelt so lange als normalerweise während einer Winter- oder Sommerpause. Zu Hause vor den Bildschirmen haben sie sich fit gehalten, rund ums Daheim auf der Laufstrecke. «Aber es ist schön, endlich wieder einen Ball zu berühren», sagt Michel Aebischer.

Jeden Tag Fieber messen

Die Rückkehr ist für die Young Boys, wie so vieles gerade, mit strengen Auflagen verbunden. In fünf verschiedenen Garderoben ziehen sich die Profis um. Das Alter markiert die Hierarchie, Spieler wie Fabian Lustenberger oder Guillaume Hoarau besetzen die YB-Kabine, andere die Gäste-, Schiedsrichter- oder Nachwuchsgarderoben. Via App geben die Fussballer jeden Tag Auskunft über ihr Wohlbefinden, die Körpertemperatur wird vor jedem Training gemessen. Spieler mit ungewöhnlichen Werten werden beiseitegenommen und gegebenenfalls auf das Coronavirus getestet.

Die Auflagen des Bundes sehen vor, dass rund um das Training die Abstands- und Hygieneregeln so gut wie möglich eingehalten werden. Die Young Boys sind an diesem ersten Trainingstag übermässig erpicht darauf, keine Angriffsfläche zu bieten – weder für Viren noch für die Öffentlichkeit. Der Fussball steht als gesellschaftliche Grösse gerade unter besonderer Beobachtung. Und so erfolgt selbst das Warm-up in Kleinstgruppen, die Abstände sind grosszügig, die Äusserungen der Exponenten für die peinlich genauen Vorgaben verständnisvoll.

Abstand, bitte! Auch die Pressearbeit verrichten die YB-Profis in ungewöhnlicher Manier.
Abstand, bitte! Auch die Pressearbeit verrichten die YB-Profis in ungewöhnlicher Manier.
Foto: Marcel Bieri

Dass der Kreis, in dem sich die Mannschaft bespricht, ein grosser ist, liegt indes nicht nur am gebotenen Abstand. Die zeitweise prekäre Verletztenlage im YB-Kader hat sich durch die Corona-Pause entspannt. 21 Feldspieler sind am Montag im Training. Die nach ihren Kreuzbandrissen noch länger ausser Gefecht gesetzten Sandro Lauper und Esteban Petignat fehlen, Marco Wölfli (Rücken) und Vincent Sierro (Knie) verzichteten mit leichten Beschwerden auf die erste Einheit.

Aebischer – Körpertemperatur zum Trainingsauftakt: 35,8 Gradhat sich in der langen Pause von einer Zehenverletzung erholt. «Jetzt bin ich heissauf Fussball», sagt er grinsend.

Im Training forciert der Trainerstab die kontaktlosen Übungen. Für die Spieler geht es darum, das Gefühl für den Fussball wiederzubekommenkeiner von ihnen war je so lange ohne Ball unterwegs. Nach der Einheit ziehen sich einige ihre Schuhe aus: Die Füsse brennen, der Körper gewöhnt sich erst wieder an die veränderte Belastung. Trainer Seoane begegnet der Krise nach wie vor optimistisch. «Wir müssen uns glücklich schätzen in der Schweiz, auch aus fussballerischer Sicht.» Seine Spieler hätten ihr Zuhause zu jeder Zeit verlassen dürfen, Joggen sei immer möglich gewesen. Und sollte die Liga wie geplant am 19. Juni starten, so bleibe jetzt noch genügend Zeit, die Fussballer wieder ans Wettkampfniveau heranzuführen.

Spycher: «Ich habe ein Grundvertrauen»

Der 19. Juni ist für die Clubs der Silberstreifen am Horizont. «Wir wollen die Meisterschaft zu Ende spielen, und wir wollen das mit dieser Mannschaft tun», sagt Sportchef Christoph Spycher. Auch er ist am Morgen zur Temperaturmessung angetreten, auch bei ihm zeigte das Thermometer exakt 35,8 Grad.

Verständlicherweise beschäftigt ihn anderes. Nächste Woche muss erst der Bundesrat, dann die Liga grünes Licht für den Kick-off geben. «Ich habe ein Grundvertrauen in die involvierten Parteien», sagt Spycher, «und sobald diese Entscheide gefällt sind, suchen wir mit den Spielern Lösungen.» Es gibt verdienstvolle YB-Spieler, die aktuell mit auslaufenden Verträgen in eine ungewisse Zukunft blicken, allen voran Miralem Sulejmani und Guillaume Hoarau. Die Situation von Leihspielerndarunter Frederik Sörensen, Saidy Janko oder Jordan Lefortist ebenso unklar. Mit ihnen allen dürfte im Falle eines Wiederbeginns im Juni zumindest bis Ende August verlängert werden.

Auf Abstand: Warm-up in Kleingruppen.
Auf Abstand: Warm-up in Kleingruppen.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Daneben gibt es nach wie vor viel zu klären. Bei YB gilt für die Belegschaft Kurzarbeit, nicht jedoch für die Profis der ersten Mannschaft. Deshalb konnte man den Entscheid mit der Rückkehr ins Mannschaftstraining ungeachtet der Kurzarbeit treffen, was auf die Mehrheit der Super League nicht zutrifft. Das Staatssekretariat für Wirtschaft hat entschieden, dass Teams im Training nicht unter die Kurzarbeitsentschädigung fallen. «Das geht aus meiner Sicht nicht auf, da muss man vielleicht auch mal mit anderen Branchen vergleichen», sagt Spycher.

Die Bewegungen auf dem sportpolitischen Parkett interessieren in den kommenden Wochen noch mehr als jene auf dem Fussballplatz. Nach viel Klein-Klein-Spiel hoffen die Clubs da auf einen öffnenden Pass. Der eine oder andere lange Ball würde für Klarheit sorgen.