«Die Anschläge sind ein Signal, Europas Werte zu verteidigen»

Terrorattacken von Jihadisten seien bloss die Spitze eines Eisbergs, warnt der arabisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour. Europa habe es mit einem Generationenproblem Jugendlicher zu tun.

Es ist ein Abbild des gesellschaftlichen Wirgefühls, zu dem Ahmad Mansour aufruft: Die Zuschauer strömen in Paris nach ersten Terrorattacken auf dem Rasen des Stade de France zusammen.

Es ist ein Abbild des gesellschaftlichen Wirgefühls, zu dem Ahmad Mansour aufruft: Die Zuschauer strömen in Paris nach ersten Terrorattacken auf dem Rasen des Stade de France zusammen.

(Bild: Keystone)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Herr Mansour, Sie arbeiten in Berlin mit Eltern junger Extremisten. Nimmt deren Zahl zu? Wollen immer mehr nach Syrien in den Krieg ziehen?
Ahmad Mansour: In den letzten Monaten ja. Aber diese Gewaltbereiten sind nur die Spitze des Eisbergs. Problematisch sind nicht nur junge Menschen, die andere umbringen wollen. Sondern auch solche, die andere Menschen abwerten, die die Gleichberechtigung der Geschlechter ablehnen, die an einen strafenden Gott glauben und Feindbilder aufbauen. Die müssen wir erreichen.

Offenbar waren einige der Attentäter von Paris besonders jung. Werden die Radikalen immer jünger?
Ich kann bestätigen, dass der religiöse Radikalismus vor allem ein Jugend- und Pubertätsphänomen ist. Das sind Jugendliche auf der Suche nach Orientierung, nach einer starken Vaterfigur, nach Abgrenzung. Es ist wahr, dass die nach Syrien Ausreisenden immer jünger werden. Erst waren sie volljährig, jetzt haben wir es mit Minderjährigen zu tun.

Will der Islamische Staat mit den Anschlägen von Paris neue Kämpfer rekrutieren, weil er in der Defensive ist?
Wo Jihadisten im Westen die Gelegenheit zu Anschlägen sehen, versuchen sie diese zu begehen, egal, wie die militärische Lage in Syrien gerade ist. Aber es stimmt, dass der IS mit den Anschlägen auch zeigen will: Wir können in Europa zuschlagen, auch wenn wir in Syrien und im Irak an allen Fronten bekämpft werden.

Haben Sie seit dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» unter jungen Extremisten eine Verschärfung des Klimas beobachtet?
Nein. Aber ich sehe, dass das Problem der sich radikalisierenden Jugendlichen in Europa unverändert besteht. Es muss endlich ernst genommen werden.

Ist seit «Charlie Hebdo» in Sachen Prävention zu wenig passiert?
Es ist etwas passiert. Aber es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Mit ein paar Millionen Euros für ein paar Präventionsprojekte in Schulen kann man nicht ein Generationenproblem lösen. Es gibt zahllose Jugendliche in Europa, die aus ganz unterschiedlichen Gründen anfällig für Radikalisierung werden. Wir müssen sie erreichen, bevor es die Salafisten tun. Diese haben leider immer noch ein viel zu leichtes Spiel. Ich bin überzeugt, dass wir 80 Prozent jener erreichen könnten, die auf dem Weg in die Radikalität sind. Aber dafür müssen wir viel mehr tun.

Was genau?
Es braucht breite Angebote, die diesen verführbaren Jugendlichen Alternativen aufzeigen. Wir müssen mit ihnen direkt ins Gespräch kommen, mit ihnen über ihre Schwarzweissbilder und ihre Verschwörungstheorien reden, die ihnen die Salafisten eintrichterten. Es braucht auch Aufklärungsarbeit bei den Eltern der Jugendlichen. Ohne ein generelles Umdenken in der Gesellschaft und eine Schulreform geht es nicht.

In den grossen französischen Banlieues mit ihren abgeschlossenen muslimischen Welten ist die Aufklärung schwierig.
Natürlich ist das schwierig. Aber wir haben keine andere Wahl, als auch dort dem «Der Westen gegen uns»-Opfergefühl ein Wirgefühl entgegenzusetzen. Und natürlich braucht es einen innerislamischen Dialog über die Gründe der Radikalisierung.

Findet er statt?
Es gibt viele mutige muslimische Einzelstimmen. Aber die etablierten muslimischen Verbände in Europa tun noch viel zu wenig für eine Vertiefung des Themas. Wir brauchen einen Islam, der ohne Wenn und Aber die westlichen Grundwerte und die Menschenrechte anerkennt.

Wie werden die Attacken von Paris auf arabischen Internetportalen kommentiert?
Die Mehrheit der Muslime lehnt die Anschläge ab. Sie haben das Gefühl, ihre Religion werde missbraucht. Aber es gibt auch eine kleine Gruppe, die die Attacken als legitimen Akt des Jihad gegen den Kreuzzug des Westens in Syrien betrachtet. Und es gibt eine unentschlossene Gruppe in der Mitte, die findet: Wer unsere Brüder und Schwestern in Syrien angreift, muss sich nicht wundern, wenn auch bei ihm etwas passiert. Es kursieren auch Verschwörungstheorien, wonach Geheimdienste hinter den Attacken stünden.

Kommen vermehrt Kämpfer aus Syrien zurück nach Europa?
Ja, aber sie bilden keine homogene Gruppe. Nicht alle kehren nach Europa zurück, um hier Anschläge zu verüben. Es gibt unter den Rückkehrern auch Aussteiger und Traumatisierte.

Kommen Extremisten nun auch mit den Flüchtlingsströmen nach Europa?
Davon habe ich keine Kenntnis. Und ich warne davor, den Islamismus mit den Flüchtlingen kurzzuschliessen. Die Mehrheit der Flüchtlinge sucht hier Freiheit und Schutz. Viele sind vor den Extremisten geflohen. Sie in Europa zu integrieren, ist nicht leicht, aber notwendig, weil sie anders sozialisiert worden sind.

Erschwert die wachsende Ablehnung der Flüchtlinge den Dialog zwischen Europa und dem Islam, den Sie fordern?
Die Ängste sind da. Deshalb müssen wir sie umso mehr in der Mitte der Gesellschaft diskutieren und sie nicht der fremdenfeindlichen Rechten überlassen. Wir müssen verhindern, dass die politische Rechte in Europa und die Islamisten gegenseitig voneinander profitieren.

Rauben Ihnen Anschläge wie die von Paris manchmal den Elan und den Kampfgeist?
Die Anschläge machen mir Angst und stimmen mich traurig. Aber ich bin voller Hoffnung, dass die westlichen Gesellschaften sie als Signal verstehen: dass wir jetzt erst recht unsere demokratischen Grundrechte und Werte verteidigen müssen.

Berner Zeitung

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