Polizeialarm via private Smartphones

Hintergrund

Polizisten, die dem Kommando ihre private Handynummer bekannt geben, erhalten ein verbilligtes Smartphone und eine monatliche Entschädigung von 20 Franken.

Der Auslöser für das neue Alarmierungssystem: Die «Reclaim the Streets»-Demo vom Februar 2010.

Der Auslöser für das neue Alarmierungssystem: Die «Reclaim the Streets»-Demo vom Februar 2010.

(Bild: Reto Oeschger)

Martin Huber@tagesanzeiger

«NAK» wird es im Polizeijargon genannt, das Kürzel steht für Neues Alarmierungskonzept. Es soll dafür sorgen, dass bei ausserordentlichen Grossereignissen in Zürich künftig genügend Stadtpolizisten aufgeboten werden können. Kernstück des neuen Konzepts: Stadtpolizistinnen und -polizisten sind jederzeit auf ihren privaten iPhones oder anderen Smartphones erreichbar, also auch in der Freizeit.

Im Detail funktioniert das Ganze so: Korpsangehörige, die sich freiwillig bereit erklären, dem Kommando ihre private Handynummer bekannt zu geben, erhalten ein vergünstigtes Smartphone sowie eine Entschädigung von monatlich 20 Franken für Abo- und Gesprächskosten. Im Gegenzug verpflichten sie sich, das Handy «im Rahmen des Zumutbaren» in der Freizeit auf sich zu tragen, im Alarmfall einzurücken und das Handy während des Dienstes für dienstliche Zwecke zu benutzen.

Pilotversuch seit September 2012

Einen Pilotversuch mit dem neuen Alarmsystem hatte die Stadtpolizei im September 2012 gestartet. Auslöser waren Ausschreitungen bei einem Umzug der «Reclaim the Streets»-Bewegung im Februar 2010. Damals standen wenige Dutzend Polizisten plötzlich einer Menschenmenge von 500 Personen gegenüber. Die Zentrale war an diesem Tag durch die spontane Demonstration überrumpelt worden und schaffte es nicht, innert nützlicher Frist genügend Polizisten aufzubieten.

Seit Beginn des Pilotversuchs nutzten mehr als 840 Polizisten das Angebot. Nun soll das ursprünglich bis Ende 2013 befristete Projekt in einen dauerhaften Betrieb überführt werden, wie es im bisher unveröffentlichten Stadtratsbeschluss vom 5. Februar heisst. Dafür hat die Exekutive in eigener Regie jährlich wiederkehrende Ausgaben von 620'000 Franken bewilligt. 420'000 Franken entfallen auf die Entschädigung an die Polizisten für die Abonnements- und Gesprächsgebühren. Die restlichen 200'000 Franken stehen für die jährliche Ersatzbeschaffung von vergünstigten Smartphones zur Verfügung. Der Stadtrat rechnet mit einer Vergrösserung des Teilnehmerkreises auf maximal 1750 Polizisten.

Fahndungsbilder abrufen

Die Vorteile des Smartphone-Alarms liegen für die Stadtregierung auf der Hand. Die Erreichbarkeit innerhalb und ausserhalb des Dienstes werde gegenüber der heutigen Alarmierung «substanziell» verbessert, heisst es im Beschluss. Dies sei vor allem bei Grossereignissen von zentraler Bedeutung. Bisher lief der Alarm bei aussergewöhnlichen Grossereignissen vor allem über die jeweiligen Festnetzanschlüsse.

Im Weiteren können Mitarbeitende mobil telefonieren, SMS empfangen und versenden sowie rasch Abklärungen vor Ort vornehmen. Das Smartphone erlaubt ihnen zudem, Recherchen in der Polizeidatenbank Polis vorzunehmen, Fahndungsbilder zu empfangen und polizeiliche und öffentliche Apps zu nutzen. «Dank des schnellen, direkten Kommunikationsmittels können viele Abläufe beschleunigt werden», schreibt der Stadtrat. Und es sollen auch Kosten eingespart werden, weil auf die Aufrechterhaltung eines Pikettdienstes verzichtet werden kann.

Verband: «Win-win-Situation»

Bei den Stadtpolizisten kommt das neue Alarmsystem gut an. «Das stösst bei der grossen Mehrheit auf Zustimmung», sagt Werner Karlen, Präsident des Polizeibeamtenverbands der Stadt Zürich. Er spricht von einer «Win-win-Situation»: Die Mitarbeiter ermöglichen dem Korps, im Notfall auf sie zurückzugreifen, als Gegenleistung erhalten sie eine finanzielle Entschädigung.

Mit den 840 Polizisten, die bisher freiwillig mitmachen, wird gemäss Karlen bereits ein grosser Teil des Frontbetriebs abgedeckt. Gerade für jüngere Polizistinnen und Polizisten sei es selbstverständlich, das Smartphone stets auf sich zu tragen, auch in der Freizeit. Viele bevorzugten deshalb dieses Alarmsystem gegenüber der Pager-Tragpflicht. Zudem können die Handys nicht nur für den Alarm im Notfall genutzt werden. Mit ihnen lassen sich etwa auch kurzfristig Dienste untereinander abtauschen.

Anderswo muss gespart werden

Bedenken, dass sich wegen der ständigen Erreichbarkeit der Stress für die Polizisten erhöht, gibt es laut Karlen kaum. Zwar seien sie schon mehrmals durch Probealarme auf ihr Handy aufgeschreckt worden. Aber im Ernstfall werde man ja nicht zu irgendeinem Verkehrsunfall aufgeboten, sondern nur zu wirklichen Grossereignissen, und die seien selten. Zudem würden jeweils nicht alle 840 Polizisten alarmiert. Das System lasse sich so steuern, dass nur bestimmte Gruppen aufgeboten werden.

Als Erfolg wertet Karlen, dass sich der Stadtrat trotz finanziell angespannter Lage für die Einführung des neuen Alarmsystems entschieden hat. In andern Bereichen mussten die Stadtpolizei und der Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) dagegen Kürzungen hinnehmen. So hatte der Gemeinderat im Dezember Sparmassnahmen bei den Nachteinsätzen und der Personalwerbung durchgesetzt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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