Was vom Handy übrig bleibt

Seit Smartphones und Tablets flacher werden, wird es schwieriger, ihre Einzelteile wiederzuverwerten. Das Problem liesse sich lösen, wenn man Hersteller dazu bringt, recyclingfreundlicher zu bauen.

Schrottschatz: Ein Arbeiter in einem Recyclingwerk wägt ein aus E-Abfällen gewonnenes Metallgemisch. Foto: Cheryl Ravelo (Reuters)

Schrottschatz: Ein Arbeiter in einem Recyclingwerk wägt ein aus E-Abfällen gewonnenes Metallgemisch. Foto: Cheryl Ravelo (Reuters)

Jan Rothenberger@janro

Wer recycelt, hat ein reines Gewissen: Jeder, der in der Schweiz sein Tablet oder Smartphone retourniert, kann sich darauf verlassen, dass es nicht auf einer Müllhalde in der Dritten Welt endet. Doch auch bei korrekter Entsorgung hat Wiederverwertung Grenzen. Gerade neuere Smartphones und Tablets stellen Recycler vor Probleme.

Rund 60 000 Tonnen Elektronikschrott sammelt das Swico-Recycling-System in der Schweiz jedes Jahr. Hier verzeichnen die Spezialisten einen klaren Trend – weniger Gewicht, dafür immer mehr kleinere Geräte. Dieser Trend ist bereits messbar, obwohl die neueste Gerätegeneration noch im Einsatz ist: Erwartungsgemäss landen Geräte erst vier bis sieben Jahre nach dem Kauf im Recycling. Dies hat den Vorteil, dass die Recycler wissen, was auf sie zukommt. Das bestätigt Edy Birchler, der beim ­Unternehmen Immark den Wertstoff­verkauf leitet. Auch er rechnet für die Zukunft mit mehr mobilen Geräten. Das nicht nur aufgrund ihrer zunehmenden Beliebtheit, sondern auch wegen der ­immer kürzeren Nutzung: «Unser Umgang mit Geräten wird eindeutig schnell­lebiger», so Birchler.

Akkus sind explosionsgefährlich

Immark ist einer von 90 Betrieben, die in der Schweiz gesammelten Elektroschrott zerlegen. Bei Handys findet hierzulande aber nur eine Vorbehandlung der Geräte statt. Denn Schweizer Unternehmen fehlt die Infrastruktur zur weiteren Verwertung.

In der Schweiz entfernen Unternehmen wie Immark aus Sicherheitsgründen lediglich die Akkus aus Geräten. Das liegt daran, dass Lithium-Ionen-Akkus bei Beschädigung in Brand ge­raten oder sogar explodieren können. Schweizer Smartphones und Tablets gehen anschliessend ins europäische Ausland, nach Norddeutschland oder Belgien. Dort setzen spezialisierte Gross­unternehmen das Recycling fort.

Deren Job wird schwieriger. Die zunehmende Miniaturisierung bewirkt, dass die Wiederverwertung von Elektronik technisch immer anspruchsvoller wird. Ob verleimt oder verlötet: Gerade die immer kompaktere Bauweise sorgt längst dafür, dass Recycler Handys oder Tablets nicht auseinandernehmen, ­sondern komplett einschmelzen. Dabei verbrennt schlicht ein Grossteil des ­Geräts mitsamt Glas und Kunststoff­teilen. Die Metalle – vor allem Kupfer – werden chemisch und physikalisch aus dem entstehenden Materialgemisch ­zurückgewonnen. ­

Schätze in der Schlacke

Das Problem: Dabei wird nur ein Teil der verbauten Rohstoffe gerettet. Bei Gold oder Kupfer betragen die Quoten zwar über 50 Prozent, andere Elemente bleiben trotz ihres Werts aber in der Schlacke zurück. Von insgesamt rund 60 Stoffen können heutzutage erst 17 aus dem Elektroschrott herausgeholt werden. Gerade bei der Rückgewinnung von ­Metallen aus Seltenen Erden, die wegen der oft bedenklichen Arbeitsbedingungen bei ihrer Förderung berüchtigt sind, hapere es, sagt Heinz Böni von der Eidgenössischen Material­prüfungs- und Forschungsanstalt (Empa): «Entweder lohnt sich die Rückgewinnung der Stoffe ökonomisch zu wenig, oder es ist ­technisch zu schwierig, sie aus den Geräten herauszuholen.» Dies, obwohl in­zwischen massgebliche Anteile der Weltproduktion wertvoller Metalle in Mobiltelefonen landen.

Die Bauweise moderner Geräte steht dem Recycling zunehmend im Weg. Das moniert auch eine Untersuchung von Tablets durch das deutsche Fraunhofer-Institut. Besonders robuste und hochwertige Geräte machten Recyclern die Materialtrennung schwer. Meist können diese nicht einmal den Akku ent­nehmen. Ein problematischer Trend sei auch das Verkleben von Touchpanel und Bildschirm, kritisieren die deutschen Forscher. Das erlaube zwar eine dünnere Bauweise, verunmögliche aber eine Demontage der Einzelteile. Selbige wäre nicht nur beim Recycling nützlich, sondern würde auch Reparaturen erleichtern. Diese Meinung teilt man auch bei der Empa: Besser zerleg- und re­parierbare Geräte wären insgesamt nachhaltiger, so Heinz Böni.

Druck könnte helfen

Das Problem lösen könnte laut Böni eine Erweiterung der Produktverantwortung der Hersteller. Vereinfacht gesagt ginge es darum, die vorgezogene Recycling­gebühr auszubauen: Sie liesse sich um einen Betrag erhöhen, der die Rück­gewinnung von mehr Stoffen aus den Geräten deckt. Dies böte einen doppelten Anreiz. Erstens liesse sich darüber eine verbesserte Rückgewinnung be­zahlen, zweitens würde es Druck auf die Hersteller aufbauen, ihre Geräte ­recyclingfreundlicher zu konstruieren. Angesichts der wachsenden Nachfrage und des steigenden Rohstoffverbrauchs ein dringender Schritt: «Die Erneuerung von Geräten wird immer schneller. Auch deshalb muss die Diskussion um Produktverantwortung neu lanciert werden», sagt Böni.

Wie eine solche Verantwortung für die Hersteller funktionieren könnte, untersucht die Empa noch bis Ende Jahr in einem Forschungsprojekt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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