Lehrer verhindern Tagesschule in Riesbach

Die Schule Balgrist-Kartaus in Riesbach wird keine Tagesschule light. Das ist ein Dämpfer für Gerold Laubers Schulreform.

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Martin Huber@tagesanzeiger

Der Brief der Kreisschulpflege Zürichberg hat es in sich. In dem Schreiben vom 8. Juli informiert Schulpräsidentin Mirella Forster (FDP) die Eltern der Schulkinder der Schule Balgrist-Kartaus über einen Beschluss mit weitreichenden Folgen: Die Schule werde aus dem Pilotprojekt «Tagesschule 2025» aus­steigen und in den nächsten Jahren keine Tagesschule anbieten. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung seien nicht gegeben.

Der Entscheid kommt überraschend. Letztes Jahr hatte die Kreisschulpflege noch mitgeteilt, die Schule Balgrist-Kartaus werde ab nächstem Sommer zusammen mit sechs weiteren Schulen am Tagesschulversuch von Stadtrat Gerold Lauber (CVP) teilnehmen. «Aufgrund des grossen Interesses der Schulleitung und der Kreisschulpflege, die Zukunft der Zürcher Volksschule gewissermassen als Pioniere mitzugestalten», wie Forster damals an die Eltern schrieb.

Doch nun wird nichts aus der Pionierrolle der Schule in Riesbach. Es habe sich im Verlauf der Diskussionen gezeigt, dass viele Mitglieder des Schulteams «grossen Respekt vor den mit dem Pilotprojekt verbundenen Veränderungen haben, manche auch mit Skepsis in die Zukunft als Tagesschule blicken», begründet Forster den Rückzieher. «Wenn auch nicht einhellig, so doch unüberhörbar wird die Teilnahme in der ersten Versuchsphase als verfrüht betrachtet.» Die Basis für einen Start auf das Schuljahr 2016/17 erscheine zu schmal.

Ängste und prinzipielle Kritik

Was im Brief diplomatisch-verklausuliert daherkommt, heisst konkret: Ein Teil der Lehrerschaft im Schulhaus Kartaus hat sich heftig gegen den Tagesschulversuch gewehrt und geriet dadurch in Konflikt mit der Schulleitung. Die Lehrerschaft im Balgrist-Schulhaus hingegen war für den Versuch. Es folgten eine Grundsatzabstimmung in der Lehrerschaft und eine Umfrage unter Eltern. Jessamyn Graves vom Elternrat Kartaus: «Viele Eltern, unabhängig von ihrer Einstellung zur Tagesschule, empfanden ein Unbehagen, mit einem Schulhausteam in das Projekt einzusteigen, das fast einstimmig gegen eine Teilnahme ist. Und dazu noch uneinig mit der Schulleitung.»

«Vielen Lehrern graut es bei der Vorstellung, mit ihren Schülern auch noch die Mittagspause verbringen zu müssen.»Jessamyn Graves, Elternrat Kartaus

Die Gründe für den Widerstand der Lehrerinnen und Lehrer sind laut Graves vielschichtig. Ängste vor Veränderungen und die teils ungeklärten Raumfragen hätten ebenso eine Rolle gespielt wie prinzipielle Einwände, etwa: Kinder sollten über Mittag zu Hause bei der Familie essen. Viele Lehrpersonen lehnten zudem die Mitarbeit bei der Mittagsbetreuung ab. «Ihnen graut es bei der Vorstellung, mit ihren lauten und teils widerspenstigen Schülern auch noch die Mittagspause verbringen und dabei als Streitschlichter amtieren zu müssen.»

Viele Kündigungen

Der Konflikt gipfelte darin, dass auf Ende dieses Schuljahres auffallend viele Lehrpersonen an der Schule kündigten. Das Unbehagen wegen der Tagesschule sei sicher ein Faktor für die Kündigungen gewesen, heisst es bei der Schulleitung. Doch dahinter steckten auch andere Gründe wie Pensionierung, Aufhebung von Kleinpensen, persönliche Konflikte mit der Schulleitung oder eine gewisse Reformmüdigkeit.

Die Schulleitung weist zudem darauf hin, dass die Mittagsbetreuung in der Tagesschule den Lehrern speziell vergütet wird und Lehrpersonen zu diesem Mehraufwand nicht gezwungen werden können. Und: Die Schule habe frühzeitig alle offenen Stellen wieder besetzen können.

Enttäuschte Eltern

Dennoch hat die Kreisschulpflege jetzt die Reissleine gezogen. Schulpräsidentin Mirella Forster: «Die Erfahrung zeigt, dass schulische Projekte nur dann gelingen können, wenn die überwiegende Mehrheit des Teams mit voller Überzeugung dahintersteht.» Sie bedauert den Schritt, hält ihn aber unter den genannten Vorzeichen für richtig. Obschon die Schulleitung und ein Teil des Teams eine Teilnahme am Pilotprojekt gewünscht hätten, akzeptierten diese den Entscheid «im Sinne einer konstruktiven Schulkultur». Forster zeigt sich überzeugt, dass die «Tagesschule 2025» ein Modell der Zukunft sei und das Projekt weiter auf Kurs bleibe.

Bei gewissen Eltern ist die Enttäuschung gross. «Ärgerlich», meint ein Vater aus dem Seefeld, der seinen Sohn gerne in die Tagesschule geschickt hätte und bereits fest damit rechnete. Zumal die Schule den Tagesschulversuch bereits angekündigt hatte. Jetzt müsse er nach einem alternativen Betreuungsmodell Ausschau halten.

Eine Enttäuschung sei der Entscheid auch für die Schulleitung und Elternschaft im Schulhaus Balgrist, sagt Jessamyn Graves vom Elternrat. Sie hätten sich sehr für eine Teilnahme am Projekt eingesetzt und würden jetzt hängen gelassen. Letztlich habe die Schulbehörde die Bedenken einer grossen oder zumindest lautstarken Minderheit aus dem Schulhaus Kartaus höher gewichtet als die Chancen. Graves wünscht sich, dass die Schulbehörden und insbesondere CVP-Schulvorsteher Gerold Lauber die positiven Seiten der privaten Familien­tische künftig stärker würdigen und sie explizit als Ressource beim Tagesschulversuch definieren.

Lauber: «Nicht demotiviert»

Lauber selber gibt sich trotz des Dämpfers optimistisch: «Das demotiviert uns nicht.» Es sei von Anfang an Teil der Versuchsanlage gewesen, einer Schule die Möglichkeit zum Ausstieg zu geben, wenn sich zeige, dass sie noch nicht so weit sei. Das Ausscheiden habe in dem Sinn keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Pilotprojekts, versichert der Schulvorsteher.

Wichtig sei nun, die Erkenntnisse aus den Vorgängen an der Schule Balgrist-Kartaus in die kommenden Projektphasen einfliessen zu lassen. Ob eine andere Schule den Tagesschulversuch durchführen wird, ist laut Lauber offen, da die Vorbereitungszeit bis zum Start 2016 doch sehr knapp sei. «Den Versuch können wir sehr gut auch mit sechs statt sieben Pilotschulen durchführen.» In den andern Pilotschulen fänden zwar auch «intensive Diskussionen» statt, jedoch mit einer durchwegs positiven Grundhaltung gegenüber dem Pilotprojekt, so Lauber.

Erfreut über die Neuigkeit aus Riesbach zeigt sich die SVP, die dem Tagesschulmodell von Anfang an kritisch gegenüberstand. Er sei sehr froh, dass sich Lehrerinnen und Lehrer nun einmal deutlich zu Wort meldeten, sagt Gemeinderat Daniel Regli. Es gebe noch zu viele offene Fragen, die bisher von den Behörden ausgeblendet worden seien.

Erst vor wenigen Tagen hatte die SVP für Schlagzeilen gesorgt, als sie in Affoltern Flyer gegen die Tagesschule an Schulkinder verteilte, was für Empörung bei Eltern und der SP sorgte. Inzwischen hat die Partei laut Regli die Verteilaktion vor Schulhäusern gestoppt.

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