Er redete lieber mit dem Hund

Wie die Premières Dames an der Seite des französischen Präsidenten liebten und litten, auf- und abstiegen, betrogen wurden und sich rächten. Acht Geschichten.

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Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Yvonne de Gaulle

1962 feuern Attentäter in der Nähe von Paris 187 Kugeln auf die französische Präsidentenlimousine ab. Das Präsidentenpaar bleibt unverletzt. Charles de Gaulle zürnt: «Diese Leute haben wissentlich auf einen Wagen geschossen, in dem eine Frau sass. Und diese Frau hat nichts mit Politik zu tun.» Diese Anekdote erzählt der altgediente Politjournalist Rober Schneider in seinem soeben erschienen Buch «Premières Dames». Yvonne de Gaulle, tiefgläubige Katholikin aus reichem Haus, ist dazu erzogen, ihrem Gatten zu dienen, der Jahrhundertfigur Frankreichs. Mit 68 Jahren wird er 1958 zum Präsidenten gewählt. Man zieht in den Elysée-Palast, den sie hasst, weil sie nun noch weniger von ihm hat. Interviewanfragen lehnt sie ab: «Mein Mann ist der Hausherr, er redet.» Politische Meinungen äussert sie auch ihm gegenüber nicht, sie würden ihn nicht interessieren. Allerdings nimmt sie bei der Wahl seiner Mitarbeiter bisweilen Einfluss; sie ist gegen Ehebrecher, Geschiedene, Homosexuelle. François Mitterrand ist als Sozialist für sie «der Teufel». Ihre letzten Lebensjahre ab 1970 ist sie eine stille Witwe und zieht am Ende zu den Nonnen. Yvonne de Gaulles Begräbnis fällt diskret aus, wie es zu diesem Exempel weiblicher Unterordnung passt.

Claude Pompidou

Sie liebt die Öffentlichkeit, sieht die Macht nicht als Askese: Claude Pompidou raucht, fährt Auto, trägt Hosen, verkehrt im Jet Set, derweil ihr Mann Georges für die Rotschilds als Bankier arbeitet. Die beiden sind ein glückliches Paar. Den Elysée-Palast empfindet sie beim Einzug 1969 als «Kloster oder Gefängnis»; das Paar schläft auch nur montags und dienstags dort. Auf den Auslandreisen wird Claude Pompidou zur Botschafterin der heimischen Haute Couture, ihre zweite Domäne sind wohltätige Stiftungen. 1974 erscheint sie allein am jährlichen Abendessen des diplomatischen Corps, der Staatspräsident siecht. Er stirbt Tage später an einer Leukämie-ähnlichen Krankheit. Sie macht sich daran, sein Erbe zu verteidigen. Die Feinde des Verstorbenen wollen insbesondere das Centre Pompidou in Paris verhindern. 1977 eröffnet, gerät das staatliche Kunst- und Kulturzentrum zum Riesenerfolg. Dank Claude Pompidou, die ihren Gatten um 33 Jahre überlebt.

Anne-Aymone Giscard d’Estaing

In den Wahlkämpfen steht Anne-Aymone Giscard d’Estaing ihrem Mann bei; gemeinsam tourt man durch die Provinz, er hält Reden, sie klebt im Schneetreiben Plakate. Dabei ist ihre Mutter eine geborene Prinzessin aus dem Hochadel Savoyens. Anne-Aymone, die zeitlebens volksnah sein will und doch steif wirkt, ist eine loyale Gattin. Ihr Mann aber hat Affären noch und noch, er ist ein krankhafter Verführer. Als er 1974 Präsident wird, ist die Ehe zerrüttet. Gleichen Jahres berichtet eine Zeitung, dass der Präsident frühmorgens einen leichten Unfall hatte. Bei ihm im Auto sass eine Cousine seiner Frau, eine seiner Mätressen. Anne-Aymone Giscard d’Estaing fühlt sich gedemütigt; jetzt wissen alle, was sie längst weiss. Verlassen würde sie ihren Mann Valéry nie, dazu ist ihr Katholizismus zu strikt. Sie hat gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken, siezt ja auch ihre Kinder. Einmal allerdings, gegenüber einer Journalistin, verliert sie die Contenance: «Sensibel, meinen Sie. Das ist nur für die Galerie. Für das Bild, das er von sich abgeben möchte. Er hat sich nie um jemand anderen gekümmert als um sich selbst.»

Danielle Mitterrand

Sie ist die reisende Menschenrechtlerin und Kurdenmutter, er der Machtpolitiker, der sie um ihren moralischen Aktivismus beneidet. Danielle Mitterrand ist die erste Präsidentengattin in der von de Gaulle geformten Fünften Republik, die eine befreite Frau ist. Er muss Diplomaten abdelegieren, die sie ins Ausland begleiten und die Wellen glätten, wenn sie wieder einmal die türkische Regierung oder Chinas Herrscher beleidigt hat. 1981, am Tag seiner Wahl, fahren sie zusammen im alten Renault in Paris ein; sie singt die Internationale. Allerdings sind sie da schon weit auseinandergedriftet. François Mitterrand betrachtet seine Frau samt den zwei Söhnen bloss als das eine seiner Leben. Das andere heisst Anne Pingeot: Das Geschenk des Präsidenten an seine Schattenfrau, eine Kunstgeschichtlerin und Kuratorin, ist die Glaspyramide im Louvre-Innenhof. Einige Wochen vor François Mitterrands Krebstod 1996 lernt Danielle auch Mazarine Pingeot kennen, die Tochter, die ihr Mann mit Anne zeugte. Danielle Mitterrand sagt: «François war so glücklich, eine Tochter zu haben. Ich konnte ihm nur Söhne geben. Mazarine hat sein Leben erhellt.»

Bernadette Chirac

Jacques Chirac, 1995 zum Staatspräsidenten gewählt, ist ein Simpel. Er treibt seine Bernadette, die aus reichem Haus kommt und glamouröse Anlässe liebt, zum Wahnsinn, indem er sich Abende lang Western, Judo-Übertragungen und Sumo-Ringkämpfe anschaut und lieber mit dem Hund redet als mit ihr. Er hält seine Frau für politisch unbrauchbar und sagt ihr: «Sie verderben alles und verderben den anderen alles.» Die ersten Jahre im Elysée-Palast sind für sie die Hölle. Ihr Mann vertraut in erster Linie Tochter Claude, die massgeblich die politische Strategie formuliert. Nicht ihr. Aber Bernadette Chirac, die Ausgeschlossene, ist zäh. Sie erarbeitet sich einen Ruf und eine Gefolgschaft, erringt Macht in der Partei und Charisma durch öffentliche Auftritte: Ihr Vorbild ist Hillary Clinton. In seiner zweiten Amtszeit kann Chirac seine Frau nicht mehr ignorieren. Nun ist sie der Star der Gaullisten und verdrängt ihre Tochter. Ihre Rache währt länger als Chiracs Präsidentschaft. Über ihren Mann im Ruhestand sagt sie einmal: «Schauen Sie nur, was aus ihm geworden ist. Ein Greis. Kaum zu glauben, dass der einst Präsident war.» Bei anderem Anlass antwortet sie auf die Frage, wieso ihr Mann nicht mitgekommen sei: «Er passt auf den Hund auf.»

Cécilia Sarkozy

Sie ist die erste, die sich von ihrem präsidentiellen Gatten scheiden lässt. Nach 159 Tagen im Elysée-Palast. Und Cécilia Sarkozy hat von allen Premières Dames bisher die meiste Macht. Nicolas Sarkozy ist vernarrt in sie. Zwei Jahrzehnte haben sie zusammen gekämpft, sie führte zeitweise seine Agenda, entschied über Journalistenkontakte, begleitete ihn zu den wichtigsten Sitzungen. Die Ernennung ihrer Freundin Rachida Dati zur Justizministerin soll massgeblich auf sie zurückgehen. Doch Cécilia Sarkozy ist der Politik schon überdrüssig, als ihr Mann zum Präsidenten gewählt wird. Damals, 2007, treten sie zwar beide vor die jubelnde Menge. Doch als er ihre Wange tätschelt, weicht sie leicht zurück. Zwei Jahre sind sie da bereits getrennt, doch er hofft immer noch. Sie aber hat einen anderen, später wird sie ihn heiraten. Cécilia sagt über Nicolas Sarkozy: «Er ist ein Kind.» Und: «Er liebt auf dieselbe Weise, wie man einsperrt.» Anders als frühere Präsidentengattinnen schafft sie es, sich zu lösen.

Carla Bruni-Sarkozy

An jenem Abendessen am 14. November 2007 wäre man gern dabeigewesen: Der frisch geschiedene Nicolas Sarkozy lernt bei Freunden Carla Bruni kennen. Die beiden werden «hinweggetragen von einer Attraktion, die sie übersteigt», so der Gastgeber. Sarkozy dreht den Stuhl von der Gastgeberin weg, redet nur mit Bruni, sie flüstern, kichern, gurren. Zweieinhalb Monate später die Hochzeit. Bruni ist eine millionenschwere Industriellentochter, die in einem Schloss bei Turin aufwuchs, bevor der Clan vor den Roten Brigaden nach Paris floh. Sie ist das Model, die Sängerin, die Bohémienne, der alles leicht fällt – samt Liaisons; sie hatte Männer wie Mick Jagger. Und nun wird die Salonrebellin mit ihren Gutmenschen-Ansichten in die brutale Realpolitik geschleudert. Sarkozy beraubt sie ihrer Überzeugungen. Im Juni 2008 sagt sie noch trotzig: «Ich bin eine Linke bis unter die Haut.» Drei Jahre später erklärt sie: «Ich bin ultra-sarkozystisch, ich bin überhaupt nicht mehr links.» Carla Bruni leidet im Politbetrieb, den sie nicht durchschaut. Als er 2012 gegen François Hollande scheitert, ist ihr das recht. In den letzten Wochen soll sie denn auch verzweifelt versucht haben, ihren Gatten von einem Wiedereinstieg in die Politik abzuhalten. Er aber hasst das Privatdasein. Ein Paar mit zwei sehr verschiedenen Lebenselixieren.

Valérie Trierweiler

Ihre zwei Jahre im Elysée-Palast sind dermassen turbulent – würde ein Roman so was schildern, hiesse es: «Unrealistisch! Total überzeichnet.» Valérie Trierweiler nimmt sich beim Einzug 2012 vor, keine Repräsentationsdame sein zu wollen. Die Lebensgefährtin von François Hollande bleibt Journalistin, schreibt weiter für «Paris Match», über Kultur. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt bereits ihr Tweet, der alles ruiniert. Sie plädiert für einen sozialistischen Abweichler, der in einem Provinzwahlkreis gegen Ségolène Royal antritt: ihre Vorgängerin an Hollandes Seite und die Mutter seiner vier Kinder. Ist Trierweiler krankhaft eifersüchtig auf Royal? Es hagelt Häme, Hollande geht auf Distanz, die Affäre wuchert weiter, in Dijon schleudert eine Frau dem Präsidenten entgegen: «Heiraten Sie die nicht, wir mögen sie nicht!» Anfang 2014 dann die Enthüllung, dass Hollande eine Affäre mit einer Schauspielerin hat. Trierweiler, die Verhasste, die Unperson, bricht zusammen, muss ins Spital. Es besiegelt das Ende der Beziehung. Von allen Premières Dames der letzten 50 Jahre musste sie am meisten einstecken. Mittlerweile hat sie ein verheerendes Buch publiziert. Darin enthüllt sie, dass der Sozialist François Hollande arme Leute als «Zahnlose» verhöhne.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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