Ein Nachmittag bei den Superreichen in Gstaad

Wer das Gstaad der Superreichen verstehen will, muss an zwei Orten gewesen sein: im legendären Eagle Club auf dem Wasserngrat und zu Hause bei Taki Theodoracopulos, dem Gstaad-Grandseigneur und letzten lebenden Playboy.

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Benjamin Bitoun

Unter den Schweizer Wintersportorten ist Gstaad ein Sonderfall. Auf engstem Raum leben drei Klassen von Menschen in fried­licher Koexistenz miteinander: der Saanenländer Durchschnittsbürger, der Reiche und der Superreiche. Die drei laufen sich täglich über den Weg, können sich gut leiden – und trotzdem leben sie in Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die Welt der Stars und der Superreichen, in Gstaad findet sie hinter zugezogenen Vorhängen statt: in den zahlreichen Luxusvillen, die sich hinter unscheinbaren Chaletfassaden verbergen, in den Suiten der Nobelhotels oder in exklusiven Mitgliederklubs. Für alle, denen nicht der Geruch des internationalen Jetset anhaftet, bleibt das Tor zu dieser Welt verschlossen.

«Zutritt nur für Mitglieder»

Es sei denn, man hat einen Türöffner. Mit meinem habe ich mich um 13 Uhr bei der Talstation des Wasserngrat-Sessellifts verabredet. Er hat versprochen, mich in die bestbewachte Bastion der Gstaader High Society reinzubringen: ins Stammlokal des Eagle Ski Club, des wohl exklusivsten Klubs der Welt.

Kurz vor 13 Uhr. Bei der Talstation sehe ich nur wenige Skifahrer. Dafür viele echte Nerzpelze und noch mehr falsche Kollagenlippen. Die Damen vor mir sehen eine wie die andere aus wie Donatella Versace. Die erste kramt ihr Portemonnaie hervor und drückt dem Mann im Kassenhäuschen für die Fahrkarte zur Bergstation (20 Franken) eine Tausendernote in die Hand. Er nimmt sie an. Ich denke: Hier bin ich richtig.

Mein Mann erscheint pünktlich: braun gebrannt, in legerer Skikleidung und gut gelaunt. Auf dem Sessellift nennt er mir die Spielregeln des Nachmittags: «Keine Fotos im Klub und sag keinem, dass du Journalist bist.» Journalisten im Eagle – ein Frevel. Zudem will er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Das auf der Bergspitze gelegene, trutzige Klubhaus wirkt so einladend wie das Hauptquartier von Bond-Bösewicht Ernst Stavro Blofeld. «Privat – Zutritt nur für Mitglieder», warnt ein Schild. Dahinter eine massive Holztür, die von einer grimmig drein-schauenden Réceptionistin bewacht wird. «Wir sind gerne unter uns», sagt mein Gastgeber.

Die Holztür ist gleichzeitig eine Schranke, welche die Oberschicht von der Superoberschicht trennt. 1957 wurde der Eagle Ski Club von 81 Jetsettern gegründet, denen das Pendant in St. Moritz zu plebejisch geworden war. Daher sei das Klubhaus auch auf der Berg- und nicht wie in St. Moritz bei der Mittelstation gebaut worden, erzählt mein Gastgeber. «Wer hier drin ist, kann nicht mehr weiter aufsteigen.»

Das teuerste Essen der Welt

«Drin» sind nach seinen Angaben insgesamt rund 600 Personen aus über dreissig Ländern. Weniger als auch schon. Das Mitgliederfeld sei «ausgedünnt» worden. Für Aspiranten gilt: Man fragt nicht, sondern wird gefragt, und Name und Blutsbande gehen vor Bankkonto. Allzu leicht darf dieses aber nicht sein, denn die Aufnahmegebühr beträgt 40 000 Franken. Das macht den Teller Pasta, der für rund 50 Franken zu haben ist, zum wohl teuersten Mittagessen der Welt.

Nach dem Entrichten der Gebühr heisst es drei Jahre schmachten auf der Warteliste, inklusive gelegentliche Klubbesuche. Abschliessend folgt ein Verhör durch das Aufnahme­komitee, das meistens mit einem «Leider nein» endet. Entgegen anders lautenden Nachrichten hat etwa der französische Sänger Johnny Hallyday keine Chance auf Aufnahme («Sein Niveau ­entspricht nicht ganz dem un­seren»).

Der frostige Gesichtsausdruck der Réceptionistin schmilzt dahin wie der Schnee auf dem Vordach, als sie meinen Begleiter erkennt. Er meldet mich an, und sie führt uns durch den dunklen Bauch des Natursteinhauses ­hinauf ins Restaurant. Mit den langen Holztischen und dem ­offenen Kamin strahlt es alpine Gemütlichkeit aus, aber keine Exklusivität – ein typisches Bergrestaurant, nur mit besseren Servietten.

Dass es mehr ist als das, daran erinnern die Fotos an der Wand: Schauspielerlegenden David Niven und Roger Moore beim Skirennen, Sir Peter Ustinov auf der Terrasse; mein Gastgeber mit Playboy-König Gunter Sachs beim Feiern, umgeben von Fürsten, Prinzessinnen, Grafen und Baroninnen. Es scheint, der gesamte europäische Hochadel und halb Hollywood habe hinter den Mauern des Eagle Club Händchen gehalten.

Der Sohn von 007 taucht auf

Um uns kümmert sich Paolo. Er führt uns auf die Terrasse zu einem Tisch, auf den die Höhensonne heller scheint als auf alle anderen um uns herum. «Reserviert auf Lebenszeit» steht darauf. «Nur Designer Valentino lasse ich ab und zu hier sitzen», scherzt mein Begleiter.

Er fühlt sich hier sichtlich zu Hause und geht auf in seiner Rolle als mein Gastgeber. Ich bekomme Weisswein (aus klubeigenen Flaschen mit Adlerlogo). Ich bekomme Essensempfehlungen (Arancini-Reisbällchen, hausgemachte Meringue mit Doppelrahm) – und einen roten Kopf von der Höhensonne und dem Weisswein.

Rasch sind wir umringt von Stammgästen. Die nötigen Informationen werden mir von meinem Gastgeber zugeflüstert. Ein älterer Herr im mitternachtsblauen Zweireiher freut sich, uns bei guter Gesundheit zu sehen («ein Investor aus Syrien, aber ein anständiger Kerl»). Mercedes-Erbe und Kunstsammler Mick Flick kommt grüssen («Mick schmeisst die besten Partys, immer junge Leute, sensationell»).

Gegenseitige Einladungen in die neuen Chalets werden ausgetauscht. Dann folgen Umarmungen von Geoffrey Moore, Sohn von 007, braun gebrannt, die Zähne von weissestem Weiss. Tochter Ambra Chiara bedankt sich bei meinem Gastgeber artig für das Geschenk zum 18. Geburtstag.

Andere sind neu in der Klubszene und noch keine Mitglieder, man erkennt sie auf den ersten Blick. Da ist die Dame mit dem nervösen Augenlidzucken, die meinen Gastgeber in ein Gespräch verwickelt. Sie: «Weisst du noch, Yannis, der Kapitän, den wir uns einmal für unsere Segeljachten teilten? Yannis ist gestorben: T-o-t.» Er zu ihr: «Aha. Wie unglücklich für ihn.» Und dann zu mir: «Keine Ahnung, wer diese Frau ist.»

Oder das Paar, das vom Tisch aufspringt, um unsere Rechnung zu bezahlen. Er ist Grieche. Sie Deutsche. Sie sprechen Englisch, wie alle hier. Doch weder ist ihr Hautteint so mahagonifarben wie der von Daueraufenthalter Geoffrey Moore, noch besitzen sie die lässige Sicherheit meines Gastgebers, mit der dieser durch sein Revier streift. Auch lachen sie ein wenig zu laut über die Witze der Mitglieder. Und springen einen Tick zu hastig auf, wenn Loula Chandris, die Reedertochter und neue Klubpräsidentin, mit angeborener Eleganz die Treppe hochschreitet.

Es sei erst ihr zweiter Besuch auf dem Wasserngrat, sagt der Grieche entschuldigend, als er Paolo beim Zahlen Tommaso nennt. Dann setzt seine Frau zu einer überschwänglichen Beschreibung ihrer Eindrücke an. Der Klub, das Essen, das Wetter und Gstaad überhaupt: fan-tas-tisch.

Authentisch und diskret

Doch was genau ist an Gstaad fantastisch? Als Wintersportort ist das Dorf nichts Besonderes. Auf 1050 Metern über Meer liegt es alles andere als schneesicher. Dann die Berge. Interlaken hat das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau, Zermatt das Matterhorn. Gstaad hat das Eggli. Den Schafberg. Die Wispile. Für Flachländer, die einen Berg nicht von einem Hügel unterscheiden können, sind die drei hübsch anzusehen.

Sie sind aber nichts, was es wert wäre, auf einer Schoko­ladenpackung verewigt zu werden. Und das würde auch nicht zu Gstaad passen, denn dem Dorf kommt es auf die inneren Werte an: auf Authentizität und Diskretion. Das zieht: Nach Schätzungen des lokalen Tourismusbüros schwillt das Dorf in der best­besuchten Zeit um Weihachten von 3500 Einwohnern auf rund 22 000 an.

Auch meine Tischgenossen im Eagle Club glauben, dass die Gstaader Diskretion beim Aufstieg zum exklusivsten Kurort der Schweiz stark geholfen hat. Paparazzi stören sie hier nicht, und die Gstaader lassen sie in ­Ruhe. «Sie interessieren sich mehr für mein Auto als für mich», hat auch James Bond Roger Moore über die Bewohner seiner Wahlheimat gesagt.

Zu Besuch bei «Mr. Gstaad»

16.30 Uhr. Ich steige vom Olymp wieder hinab. Mein Ziel: das neue Chalet von Taki Theodoracopulos, dem weltbekannten Playboy und einem der reichsten Männer Griechenlands. Taki (80) hat kürzlich sein Anwesen am Oberbort verkauft, dem Milliardärshang hinter dem Hotel Palace. Es wurde ihm dort zu eng und zu laut. Er ziehe die Ruhe eines unbebauten Hügels dem Lärm der Ferrari neureicher Idioten vor, hat er am Telefon gesagt. Sein neues Heim liegt etwas abseits, scheint aber einfach zu finden: Nur er und Roger Moore würden an dem Hang wohnen, «ich oben und Sir Roger unten».

Taki hat einen festen Händedruck und gleichzeitig Hände wie Samt. Es sind die eines Mannes, der nie gearbeitet hat. Dafür ist der Reedererbe zu beschäftigt: Als ehemaliger Judoweltmeister und Kapitän der griechischen Karatenationalmannschaft hält er sich noch immer in Topform. Ausserdem schreibt er bitterböse Kolumnen für das britische ­Magazin «Spectator» und feiert nebenbei jede wichtige Party in Paris, London und New York mit.

Ich folge ihm durch das lichtdurchflutete Entree an einer ­antiken Marmorstatue vorbei ins Arbeitszimmer. Takis Gang ist ­zackig, um seinen Mund spielt das vielsagende Lächeln eines Grandseigneurs, dem ein Leben lang die Welt zu Füssen lag – ein Exemplar aus einer anderen, vergangenen Zeit.

Mein Blick bleibt an den Sporttrophäen hinter dem Schreibtisch hängen und an der riesigen Bibliothek. Und an den Schwarzweissfotos an der Wand: Ernest Hemingway, hier beim Schreiben, dort beim Fischen. Dazu ein Bild des legendären Fotografen Henri Cartier-Bresson mit Widmung. «Für meinen guten Freund Taki», steht da geschrieben.

Suche nach schönen Frauen

Vor knapp sechzig Jahren, als er Tennisprofi war, kam Taki nach Gstaad. Vierzig Winter verbrachte er im Palace, immer auf der Suche nach der schönstmöglichen Zeit – und den schönstmöglichen Frauen. Die anderen Salonlöwen aus seiner Clique, Gianni Agnelli oder Gunter Sachs, sie sind alle tot – nicht aber die Erinnerungen an damals: «Als ich 1955 zum ersten Mal hierherkam, war das Dorf ein unberührtes Paradies», schwärmt Taki.

«Jeder kannte jeden. Wir spielten nach den ­Regeln, trugen Dinner-Jacketts am Abend und standen auf, wenn eine Frau den Raum betrat.» Unvergesslich seien sie gewesen, die Nächte mit Geigengott Yehudi Menuhin, mit David ­Niven oder Hollywoodschönheit Audrey Hepburn.

Und auch das Dorf sei ein anderes gewesen. Die Hauptstrasse gesäumt von lokalen Geschäften, eins hübscher als das andere; ­Käsereien, Metzgereien, Skigeschäfte und Buchläden. «Heute gibt es dort nur noch Cartier, Ralph Lauren, Prada, Chanel und Banken», sagt Taki. Die Buch­läden seien als Erstes verschwunden, «weil die Neureichen zwar auf eine Milliarde zählen, aber nicht lesen können».

«Barbaren» im Anmarsch

Taki mag keine Neureichen. Ex-Formel-1-Chef Bernie Ecclestone etwa, der das traditionsreiche Hotel Olden aufkaufte und daraus ein sündhaft teures Boutiquehotel machte, ist ihm ein Dorn im Auge – er nennt ihn den «raffgierigen Milliardärszwerg».

Noch weniger übrig hat er für Russen und Araber. In ihnen sieht er die Hauptschuldigen für die negativen Veränderungen im Ort: für die Protzerei, für die schlechten Manieren, den Verkehrslärm und die astronomisch hohen Immobilienpreise. Deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, «die Barbaren vor den ­Toren in Schach zu halten».

Beim Eagle Club, dessen ältestes lebendes Mitglied er ist, gelinge es ihm ganz gut, sagt Taki. Nur ein oder zwei Araber seien an ihm vorbeigekommen. Aber für Russen gelte: Keiner kommt rein, dessen Nachname nicht Romanow lautet. Prinz Romanow, Nachfahre von Nikolaus II. (1868–1918) und ehemaliger Klubpräsident, ist ein Freund.

Ich frage Taki nach dem Geheimrezept von Gstaads Erfolg. «Das Saanenland ist gemütlich. Ein schöner Fleck Natur mit einem Schuss Extravaganz», so seine Antwort. Sein Zauber liege im Understatement. «Die Idee, dass man Gstaad nur in einem 50-Millionen-Dollar-Chalet mit ­Indoor-Olympiapool und eigenem Kinosaal ertragen kann, ist lächerlich.»

Zudem habe der Gstaader Jetset ein Nachwuchsproblem. Das exklusive Internat Le Rosey, neben dem Eagle Club ein weiterer Eckpfeiler der internationalen Elite, könne da kaum Abhilfe schaffen. «Le Rosey war früher die Schule der Könige und ein ­Garant für gute Manieren. Heute wird es überrannt von den Kindern der Neureichen», sagt Taki.

Wenig Glamour im Palace

Diesen Kindern begegnet man auch in einer weiteren Gstaader Institution, dem Hotel Palace. Es ist 19 Uhr und die Lobby voll – voll mit jungen Leuten. Die Champagnerflaschen in den Eiskübeln auf den Tischen vor ihnen bleiben unberührt – die «rich kids» scheinen Bier zu bevorzugen.

Beim Trinken sehen sie kaum von ihrem Smartphone auf. Gesprochen wird nicht. Im Hintergrund zwingt eine angeheiterte Dame mit russischem Akzent und einem zu knappem Cocktailkleid dem gequälten Pianoman ihre eigene Interpretation von Gloria Gaynors Überhit «I Am What I Am» ab. Glamour sieht anders aus – und hört sich auch anders an.

Darum lässt sich Taki nur noch selten im Palace blicken. «Der Service dort ist immer noch der beste der Welt. Das Problem sind die Gäste», klagt er. Dennoch ­habe er Verständnis für Andrea Scherz, den Hotelier. Dieser sei auf die neue Kundschaft angewiesen. Die grosse Zeit des Abendlandes sei halt vorüber, «jetzt kommen die Horden des Dschingis Khan zurück».

Und Veränderungen hin oder her: Angesichts der dunklen Wolken, die sich über Europa zusammenbrauen würden, sei Gstaad immer noch das sonnigste, freundlichste Dorf der Welt, so Taki, ungewohnt versöhnlich. «Etwa im September, wenn die blumengeschmückten Kühe von ihren Alpweiden herab auf die Promenade und zwischen die Boutique-Kunden geführt werden», schwärmt Taki – und macht keinen Hehl aus seinen Präferenzen: «Ich bevorzuge die Kühe.»

Berner Zeitung

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