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Leserdiskussion zum Thema ProstitutionFreier: «Sexualität hat das Leben lebenswert gemacht»

Das Interview mit Buchautorin Aline Wüst über Prostitution hat viele Reaktionen ausgelöst. Wir haben einige Kommentare herausgepickt.

Die Leuchtanzeige eines Sexshops (Symbolbild).
Die Leuchtanzeige eines Sexshops (Symbolbild).
Getty Images / iStockphoto

Die Journalistin Aline Wüst hat mit hundert Prostituierten gesprochen und zwei Jahre recherchiert, um in ihrem Buch «Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz» das Rotlichtmilieu zu porträtieren. Im Interview mit dieser Zeitung beschreibt sie Situationen von Zwang und Missbrauch und sagt: «Wir hören lieber den wenigen Sexarbeiterinnen zu, die sich für Prostitution starkmachen, anstatt den Prostituierten, die sie anprangern.»

Über zweihundertmal wurde das Interview kommentiert. Hier sind sechs Kommentare und Antworten, welche die Diskussion widerspiegeln:

1. «Für mich als Mann beschämend»

Danke für diesen super Artikel! Ich selber arbeite hin und wieder (als männlicher Osteopath) mit Frauen aus diesem «Dienstleistungssektor» – und glaubt mir, der Körper einer solchen Frau erzählt Geschichten, die mich als Mann beschämen. Kommentar von Edward Muntinga

«Es ist komisch, dass wir in unserer Gesellschaft einen solchen Machtmissbrauch dulden und verteidigen.»

Jacqui Wirz

2. «Das ist ignorant»

«Männer tun es, weil sie können.» – Das ist der klassisch einseitige Blick von Prostitutionskritikern (-innen). Den banalsten Grund erwähnt die Journalistin mit keinem Wort. Viele Männer haben ein starkes physisches Bedürfnis nach Sex, aber keine Partnerin. Diesen pauschal Missbrauch zu unterstellen, ist ignorant. Kommentar von Dan Harver

@Dan Harver: Das hormonelle Bedürfnis über die Menschenwürde zu stellen, finde ich schon ein starkes Stück. Kommentar von Mina Peter

@Dan Harver: Selbstbefriedigung ist nicht mehr verboten wie in früheren Zeiten, als die Kirche noch mehr moralisiert hat. Kommentar von Carmen Siegrist

Journalistin Aline Wüst: «Ich habe mit hundert Frauen gesprochen, die sich prostituieren oder prostituiert haben. Alle erzählen dasselbe: von Schmerz, Leere, Gewalt, von Alkohol und Drogen, um all dies auszuhalten.»
Journalistin Aline Wüst: «Ich habe mit hundert Frauen gesprochen, die sich prostituieren oder prostituiert haben. Alle erzählen dasselbe: von Schmerz, Leere, Gewalt, von Alkohol und Drogen, um all dies auszuhalten.»
Foto: Andrea Zahler

3. «Sex hat das Leben lebenswert gemacht»

Ich habe Erfahrung mit der Prostitution. Einerseits als Freier. Aber ich habe auch hinter die Kulissen der Prostitution gesehen. Ich habe für Prostituierte Websites erstellt, Computer repariert und Katzen gehütet. Prostitution ist extrem heterogen. Vom Strassenstrich über Sexclubs bis hin zu Luxus-Escorts. Was im Artikel geschrieben ist, ist nicht falsch, aber es gibt das Phänomen Prostitution völlig unvollständig wieder. In vielen Clubs arbeiten Frauen selbstbestimmt und einfach, weil es ein lukrativer Job ist. Meine Einschätzung ist, dass dies eine grosse Mehrheit ist. Als Mann fühle ich mich vom Artikel nicht ernst genommen. Ich habe Prostituierte besucht, weil ich ein starkes Bedürfnis hatte, meine Sexualität ausleben zu können. Das hatte nichts mit Macht zu tun. Sexualität ausleben zu können, hat mich extrem entspannt, hat das Leben lebenswert gemacht. Folgenden Spruch kann ich für mich voll unterschreiben: «Sex ist nicht alles im Leben, aber ohne Sex ist alles nichts.» Ich befürworte, dass Probleme rund um die Prostitution aufgedeckt werden. Nachhaltige Lösungen erfordern aber ein sachliches und umfassendes Herangehen an diese Thematik. Kommentar (gekürzt) von «Ein Freier»

«Das Gefühl, erniedrigt zu werden, ist sehr individuell, und auch der Konsument kann es haben.»

Kevin Balmer

4. «Männer können sich untergeben fühlen»

Was ist mit Männern, die sich eigentlich nur nach Zuneigung sehnen, sich aber bewusst sind, dass ihnen die Prostituierte diese nur gegen Bezahlung gibt? In anderen Branchen (z. B. Handys, Autos, Lebensmittel) gilt der Konsument auch eher als Opfer, der sich etwas kauft, weil er glaubt, es sei gut, es sich zu leisten. Hier fehlt die Sicht der Männer, die schliesslich nicht alle gleich sind. Männer können sich der Prostituierten auch untergeben fühlen, weil diese bestimmt, wie viel Geld er zu zahlen hat, und weil sie etwas hat, das er gern möchte. Prostituierte können auch sehr bestimmt auftreten – in manchen Fällen sogar auf den Mann als Bedürftigen herunterblicken. Das Gefühl, erniedrigt zu werden, ist sehr individuell, und auch der Konsument kann es haben. Zudem ist dieses Gefühl absolut nicht abhängig vom Geschlecht. Kommentar (gekürzt) von Kevin Balmer

@Paolo Martinoni: Interessante Gedanken. Ich würde allerdings «Begehren» und «Lieben – geliebt werden» nicht gleichsetzen. Es gibt auch den Schmerz vieler Frauen, die wegen ihres weiblichen Körpers von Männern begehrt werden, doch geliebt werden sie damit nicht unbedingt. Dabei sehnen sich alle Frauen nach Liebe. Im Artikel geht es um Migrantinnen, die zumeist im Frauenhandel von Menschenhändlern gefangen sind. Kommentar (gekürzt) von Carmen Siegrist

5. «Damen könnten andere Berufe lernen»

Es ist immer von Zwang die Rede. Aber wer zwingt wen eigentlich? Diese Damen könnten durchaus einen anderen Beruf lernen oder an einer höheren Schule studieren oder anderswo arbeiten oder einen finanziell bessergestellten Mann heiraten, wie das ihre Altersgenossinnen tun, die ihren Körper nicht für Sex vermieten («verkaufen» ist nicht das treffende Wort). Wieso tun sie das nicht? Es ist sicher evident, dass man als Prostituierte in der Schweiz sehr viel Geld in relativ kurzer Zeit verdienen kann, mit dem man locker ein halbes Jahr in Rumänien oder Ungarn leben kann. Könnte das nicht ein Grund sein, der viele der Frauen bremst, ihr Leben anders zu gestalten? Kommentar von Carmelo Di Stefano

@Carmelo Di Stefano: Wo genau erlernen Sie als Roma in Ungarn einen Beruf oder besuchen eine höhere Schule, wenn nicht mal der Grundschulbesuch möglich ist? Als was arbeiten Sie auf dem Land in Thailand oder Kamerun «anderswo»? Ist Ihnen klar, dass etliche dieser Frauen eine ganze Familie ernähren? Kommentar von Astrid Meier

6. «Sex sollte kein Geschäft sein»

Auch ich vertrete die Ansicht, dass Frau über ihren Körper frei entscheiden darf, aber Prostitution nicht eine freie Entscheidung ist. Es ist komisch, dass wir in unserer Gesellschaft einen solchen Machtmissbrauch dulden und verteidigen und ihn hinstellen, als gings um ein Geschäft wie jedes andere. Sex sollte kein Geschäft sein! Einer Frau es so einfach zu machen, sich selbst zu verkaufen, ist… das stammt noch aus einer Zeit mit frauenverachtenden Strukturen. Ja, die gibt es noch, und ich schäme mich dafür vor meiner Tochter! Kommentar von Jacqui Wirz

@Jacqui Wirz: «Einer Frau es so einfach zu machen, sich selbst zu verkaufen, ist…» – also sollte man Frauen die Freiheit nehmen, etwas zu tun? Das ist sexistisch und abwertend. Sind denn Frauen keine selbstständigen Wesen? Kommentar von Danilo Schlumpf