Frage des Tages: Obligatorische Kinderarztbesuche?

SP-Politiker fordern ein Obligatorium für Kinderarztbesuche. Kinderärzte befürworten den Vorstoss. Melden sie den Behörden einen Verdacht auf Misshandlung, können diese handeln. Was meinen Sie? Stimmen Sie am Ende des Artikels ab!

Besuche beim Kinderarzt sind für die meisten Eltern selbstverständlich. Doch obligatorisch sind sie nicht: Zweimonatiges Baby in der Vorsorgeuntersuchung.

Besuche beim Kinderarzt sind für die meisten Eltern selbstverständlich. Doch obligatorisch sind sie nicht: Zweimonatiges Baby in der Vorsorgeuntersuchung.

Claudia Blumer@claudia_blumer

2006 starb die fünfjährige Gabriela aus Wila an einem Schütteltrauma, nachdem sie durch Nahrungsentzug und körperliche Misshandlung schon massiv geschwächt gewesen war. Fassungslos machte auch der Fall des zu Tode misshandelten Säuglings in Dietikon im Jahr 2004: Das viermonatige Mädchen starb an einem Schütteltrauma, zuvor war es auf schwerste Weise misshandelt worden. Bei der Einlieferung ins Spital wog das Baby ein halbes Kilo weniger als bei der Geburt.

Ein Besuch beim Kinderarzt würde solche Fälle aufdecken, bevor es zu spät ist, glauben ein Dutzend Politiker der SP-Fraktion, die in einer parlamentarischen Initiative ein Obligatorium für Kinderarztbesuche im Vorschulalter fordern. Stellt ein Arzt Hinweise auf Misshandlung fest, informiert er die zuständigen Behörden.

«Gesundheitliche Nachteile»

Kindsmisshandlungen, die im Vorschulalter besonders häufig vorkommen, könnten so frühzeitig erkannt werden, schreibt Nationalrätin Chantal Galladé, die den Vorstoss eingereicht hat. Auch abgesehen von Kindsmisshandlungen führe die heutige Situation dazu, dass Kinder von Eltern, welche die kinderärztliche Dienstleistung nicht beanspruchen, gesundheitliche Nachteile hätten.

«Der Besuch beim Kinderarzt wird als selbstverständlich erachtet, weshalb viele ein Obligatorium für nicht nötig halten», sagt Simon Hubacher, Geschäftsführer des Forums Praxispädiatrie. Doch der Eindruck täusche. Familien mit Migrationshintergrund hätten beispielsweise weniger Zugang zu Arztpraxen, sie gingen direkt ins Spital. Und die Spitäler wiederum seien mit den Direktkonsultationen überfordert.

Immer mehr Fälle werden entdeckt

Die Fälle von Kindsmisshandlungen nehmen tendenziell zu, wie Ulrich Lips vom Kinderspital Zürich feststellt. 2009 zählten die Kliniken schweizweit 785 Fälle, wobei die Westschweizer Kantone nicht erfasst sind. Die aktuelle Zahl, die in wenigen Wochen publiziert wird, dürfte laut Lips um einiges höher liegen. Die steigenden Zahlen seien paradoxerweise ein gar nicht so schlechtes Zeichen, denn faktisch würden immer mehr Fälle entdeckt: «Die Leute sind zunehmend sensibilisiert und getrauen sich einzugreifen, wenn sie etwas bemerken. Nur entdeckten Opfern kann geholfen werden», sagt Lips zu Bernerzeitung.ch/Newsnetz.

Die registrierten Missbrauchsfälle hätten teilweise verhindert werden können, wenn Arztbesuche obligatorisch wären, sagt Lips. Über eine allfällige Erfolgsquote wagt er keine Prognose. Doch er halte es für sehr wichtig, dass alle Kinder ärztlich untersucht würden. Auch er selber habe mehrmals die Behörden informiert wegen Verdachts auf Misshandlung. «Das erlebt jeder Kinderarzt und jede Kinderärztin, nicht häufig, aber immer wieder.»

Behördenaufruf ist verbindlich

Lips erinnert sich an ein sechsmonatiges Baby mit Blutergüssen. In Gesprächen mit der Mutter stellte sich heraus, dass sie den schreienden Säugling aus Überforderung geschlagen hatte. «In solchen Fällen wird klar, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Erziehungsperson Hilfe braucht», sagt Lips. Er meldete den Fall der Vormundschaftsbehörde, die zwei Sozialarbeiter losschickte, um den Fall abzuklären und Massnahmen einzuleiten: Eine Behandlung des hyperaktiven älteren Bruders des Säuglings, eine Ehetherapie, Massnahmen gegen die Arbeitslosigkeit – alles Faktoren, welche die Mutter überfordert hatten.

Den Handlungsspielraum der Behörden schätzt Ulrich Lips als hoch ein: «Wer eine Vorladung zum Gespräch ignoriert, wird notfalls polizeilich aufgeboten. Und wenn überhaupt nicht kooperiert wird, können die Behörden im Extremfall ein Kind fremdplatzieren.»

Kindsmisshandlungen seien immer noch stark tabuisiert, «der Reflex, wegzuschauen, ist gross», sagt Flavia Frei von der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Ein Obligatorium für Vorsorgeuntersuchungen könne das Netz engmaschiger machen. «Doch um eine Wirkung zu erzielen müssten die pädiatrische Ausbildung um ein entsprechendes Modul ergänzt werden, in dem die angehenden Kinderärzte im Erkennen von Misshandlungsfällen geschult werden und erfahren, was sie im Verdachtsfall tun können. Sonst nützt die Bestimmung in Bezug auf den Kindesschutz nur bedingt», sagt Frei. Heute ist dieser Teil der Ausbildung fakultativ.

«Wie sollen Eltern gezwungen werden?»

Die parlamentarische Initiative, die heute in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit diskutiert wird, ist von elf SP-Parlamentariern mitunterzeichnet worden. Mitglieder anderer Fraktionen äussern Vorbehalte: «Wie wollen Sie ein solches Obligatorium durchsetzen, wenn sich Eltern weigern?», fragt Toni Bortoluzzi (SVP/ZH). Er gehe eigentlich davon aus, dass alle Kinder ärztlich untersucht würden. Doch wie im Einzelfall Eltern zum Arzt gezwungen werden sollen, sei ihm schleierhaft. Zudem lege er Wert «auf die individuelle Freiheit».

Marianne Kleiner (FDP/AR) ist gegenüber der Forderung der Initiative «offen», wie sie auf Anfrage von Bernerzeitung.ch/Newsnetz sagt. Doch stellten sich noch Fragen, etwa nach dem Verwaltungsaufwand und der Umsetzbarkeit. «Gerade jene Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, können dies in der Regel gut verstecken. Es ist mir wichtig, dass man am Schluss nicht mit ‹Schrot auf Spatzen schiesst› und gerade jene unter dem Gesetz leiden, die ihre Kinder gut versorgen», sagt Kleiner.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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