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Wie lenkt Sprache das Handeln?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema über die Verbindung von Handeln und Sprache.

Der gezielte Einsatz von Sprache ist auch eine Form des Handelns. Politiker nutzen das bewusst.
Der gezielte Einsatz von Sprache ist auch eine Form des Handelns. Politiker nutzen das bewusst.
Alex Brandon, Keystone

Im Essay «Die neue Grausamkeit» von Philipp Loser und Alan Cassidy (TA vom 11.7.) steht: «Politik ist Sprache, und wenn Sprache sich verändert, verändert sich das Wesen der Politik – die Verrohung durch Taten beginnt mit der Verrohung von Worten.» Aber vor der Sprache kommen doch die Gedanken. Und wie ist es mit dem Handeln, wo doch Sprache selber Handlungen beinhaltet? Können Sie mein Gnuusch büschele? Y. K.

Liebe Frau Y.

Gnuusch zu büschelen, ist mein Job. Aber ich glaube, Sie haben gar kein Gnuusch, sondern sehen die Sache ziemlich klar und geordnet: nämlich, dass nicht nur Handeln Handeln ist, sondern ebenso Sprechen (davon handelt die von mir hier schon des Öfteren ins Feld geführte «Sprechakttheorie» Gilbert Ryles) und in gewissem Sinne eben auch Denken. Freud zum Beispiel nennt es «Probehandeln».

Trotzdem sind diese drei Tätigkeiten nicht Handlungen völlig gleicher Art. Ich kann «Du Arschloch!» denken, aber es macht – zum Beispiel strafrechtlich – einen grossen Unterschied, ob ich das auch sage. Die Gedanken sind frei. Gleichzeitig schaffen Gedanken mindestens eine starke Disposition für das, was man sagt und tut. Es dürfte schwierig sein, ausschliesslich in Gedanken ein glühender Antisemit zu sein. Andererseits gibt es natürlich auch unzählige Gelegenheiten, bei denen man sich in seinen bösen Gedanken ein Ventil dafür schafft, was man niemals sagen oder tun würde. Nicht nur, weil man sich nicht traut, sondern auch, weil man es gleichzeitig für verwerflich, unanständig, gemein, unmoralisch hält.

Eine ähnliche Schranke wie zwischen Denken und Sprechen gibt es zwischen Sprechen und Handeln. Nicht alles, was man sagt, würde man auch tun. Aber manches hat man schon dadurch getan, dass man es sagt. Wer etwas Beleidigendes über einen anderen sagt, muss nicht noch etwas Zusätzliches tun, bis er den anderen beleidigt hat.

Es ist nicht so, dass immer zuerst das Denken kommt, dann das Sprechen und schliesslich das Handeln als Teile einer Kausalkette. In Wirklichkeit bilden die drei Aspekte ein Knäuel, in dem alle drei einander beeinflussen, produzieren, hemmen. Dann etwa, wenn mir eine eigene Tat, nachdem ich über sie nachgedacht und darüber gesprochen habe, im Nachhinein als falsch erscheint.

Es mag auf den ersten Blick wünschenswert erscheinen, dass der Mensch genau das sagt, was er denkt, und auch so handelt. Mir erscheint das keine besonders verlockende Vorstellung. Himmler zum Beispiel dachte, redete und handelte gleichermassen antisemitisch. Das kann man ihm wohl kaum zugutehalten.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

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