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Ruhe bitte!Flucht ins Kloster – wegen Corona-Stress

Homeoffice, Kindergeschrei, Spannungen in der Beziehung – vielen fällt zu Hause die Decke auf den Kopf. Manche fliehen für eine Auszeit ins Kloster.

Zulauf von Teilzeit-Aussteigern in Zeiten der Pandemie: Kloster Engelberg im Kanton Obwalden.
Zulauf von Teilzeit-Aussteigern in Zeiten der Pandemie: Kloster Engelberg im Kanton Obwalden.
Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Er wollte ausbrechen aus der Hektik. Den Kopf mal frei machen. Michael, 31, hat Wirtschaft studiert, arbeitete als Unternehmensberater, heute ist er Projektleiter in einem Industrieunternehmen mit 5000 Mitarbeitern. Achstundentage? Kann er vergessen.

Wegen Corona hat er die Ferien verkürzt, im Job gab es viel zu tun, und verreisen konnte man ohnehin nicht gross. Im Oktober zog er mit seiner Freundin zusammen eine Woche später sassen die beiden im Homeoffice fest. «Kaum in der gemeinsamen Wohnung, sassen wir auch schon 24 Stunden aufeinander», sagt Michael. «Wir hatten keine Zeit, uns an das gemeinsame Leben zu gewöhnen. Das war eine Herausforderung. Da hat es zwischendurch auch mal richtig geknallt.»

Michael, der eigentlich anders heisst, merkte: So geht es nicht weiter. Er muss über die Bücher, sein Leben neu sortieren. Normalerweise wäre er dafür vielleicht in ein indisches Ashram zum Meditieren gegangen jetzt in der Pandemie entschied er sich für ein Schweizer Kloster. Für drei Tage zog er sich diese Woche in das Benediktinerkloster Engelberg OW zurück. «Mir war plötzlich klar: Wie du lebst, entscheidest du selbst. Stress? Dagegen kann man etwas tun.»

Die Teilzeit-Aussteiger kommen aus allen Altersgruppen

Viele verbinden mit dem Leben im Kloster Askese und Enthaltsamkeit. Doch in Corona-Zeiten wird die Abgeschiedenheit hinter dicken Klostermauern, fern von aller Alltagshektik, immer populärer. «Wir haben deutlich mehr Anfragen von Leuten, die eine Auszeit wollen. Viele suchen wegen der Corona-bedingten Belastungen zu Hause nach Rückzugsmöglichkeiten», sagt Daniel Amstutz, Geschäftsführer beim Kloster Engelberg. «Die Leute haben genug von Homeoffice und den Spannungen in den eigenen vier Wänden. Sie merken, dass es mehr gibt als Arbeit und Stress. Ein Kloster ist ein idealer Ort, um zur Ruhe zu kommen.»

An die Teilzeit-Aussteiger vermieten die Klöster das, was sie im Überfluss haben und vielen fehlt: Ruhe in stressigen Zeiten. Das war zwar schon vor der Pandemie gefragt doch Corona verstärkt den Trend. Die meisten, die in Engelberg Zuflucht suchen, sind in den Vierzigern und Fünfzigern, sagt Amstutz. «Aber das Spektrum reicht durch alle Altersgruppen von unter 30 bis über 60.»

Corona-Flüchtlinge beherbergt auch das Kloster Baldegg im Kanton Luzern. Solche Gäste habe man in letzter Zeit immer wieder gehabt, sagt eine Nonne. Im Kloster Fahr ZH gehen pro Woche im Schnitt etwa drei Anfragen ein, schätzt eine Mitarbeiterin – Frauen, Männer, aber auch Ehepaare klopften an die Klosterpforte. Zurzeit allerdings vergeblich: Das Kloster Fahr nimmt momentan nur Stammgäste auf eine Corona-Schutzmassnahme.

Das Auszeithaus des Chorherrenstifts Beromünster LU musste im November sogar Wartelisten führen. Hier können die weltlichen Kurzzeit-Adepten Einkehr halten mit Entspannungsübungen, Meditationen, Begleitgesprächen und meditativem Tanz.

Nicht nur Gläubige zieht es hinter Klostermauern

Längst nicht alle, die es hinter Klostermauern zieht, sind gläubig. Sie treibt der Wunsch, mit sich ins Reine zu kommen. Viele suchen einen kurzen Ausstieg aus dem schnellen Leben. Wie der junge Kadermann Michael.

In seiner Mönchszelle im Kloster Engelberg schaltet er sein Handy aus, freiwillig, eine Vorschrift ist das nicht. Er las keine Zeitungen, setzte sich in die Kirche, wenn die Pater ihre Gebete sangen. «Ich hatte keine Ablenkung mehr und war plötzlich auf mich selber zurückgeworfen», sagt Michael. «Da stellt man sich den Fragen, die man in der Alltagshektik meist verdrängt. Wo will ich hin? Persönlich, beruflich, in der Beziehung zu meiner Partnerin und zu Freunden? Und: Worauf kommt es im Leben eigentlich an?»

Im Kloster Engelberg herrscht weitgehend Normalbetrieb, trotz Pandemie. Geschäftsführer Amstutz hat das Haus seit Monaten auf Corona-Tauglichkeit umgerüstet. In allen Gängen und Büros gilt Maskenpflicht. Im Speisesaal und in den Büros wurden Luftreiniger aufgestellt und die Abstände zwischen den Tischen und Stühlen vergrössert. Auch in der Kirche herrscht Maskenpflicht, eine Vorschrift des Bundes.

Wegen der steigenden Nachfrage wird ausgebaut

Zurzeit baut Engelberg sein Angebot aus, auch eine Folge von Corona. Neu werden 40 Gastzimmer im Hotel St. Josefshaus angeboten, das direkt neben dem Kloster liegt. «Das haben wir von Ordensschwestern im deutschen Gegenbach übernommen, zufällig schon vor der Pandemie», sagt Amstutz. «Es wird seit Anfang November vom Kloster geführt

In der Kartause Ittingen TG hegt man ebenfalls Expansionspläne. Das ehemalige Kloster wird heute als Hotel mit 68 Zimmern betrieben und bietet Workshops mit Übernachtung an. «Die Nachfrage ist so gross, dass wir uns jetzt überlegen, das Angebot auszubauen», sagt Valentin Bot, Direktor in Ittingen. Zur Gästeschar gehören auch hier Corona-Gestresste. «Die Leute wolle aus den eigenen vier Wänden ausbrechen», sagt Bot. «Sie haben genug von dem, was sie wegen Corona schon lange erdulden mussten.»

Für Michael hat sich der Abstecher ins Kloster gelohnt. «Die Gespräche mit den Patern haben mir viel gebracht. Ich war überrascht, wie bodenständig sie sind», sagt er. «Eine Auszeit kann ich jedem wärmstens empfehlen.» Jetzt ist er wieder am Arbeiten – zurück in den eigenen vier Wänden. Mit seiner Freundin.