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Experten-Info zur Corona-LageIntensivstationen bald voll: «Frankreich hat angeboten, Schweizer Patienten aufzunehmen»

Die Fallzahlen sind am Dienstag nur moderat gestiegen, doch die Experten von Bund und Kantonen warnen vor einer besorgniserregenden Entwicklung in den Spitälern.

Zur Corona-Lage in der Schweiz informieren: Virginie Masserey (BAG), Rudolf Hauri (Präsident Kantonsärzte), Daniel Albrecht (BAG), Amedeo Cianci (BAG)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Am Dienstag meldet das BAG 6126 neue Coronavirus-Ansteckungen. Es ist erstmals seit Wochen nur ein moderater Anstieg gegenüber dem gleichen Tag in der Vorwoche (5949).

  • Die Hospitalisationen haben sich hingegen von 167 auf 315 fast verdoppelt.

  • Das BAG meldet zudem 72 Todesfälle, 56 mehr als vor einer Woche.

  • Die Spitäler in der Romandie sind am Anschlag, insbesondere in Genf und Freiburg.

  • Neuenburg testet ab Donnerstag nur noch Risikopersonen auf Covid-19 und schliesst Restaurants und Museen.

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Zusammenfassung

Der Bund beobachtet erstmals seit längerem eine Tendenz zu einer Verlangsamung des Anstiegs der Corona-Fallzahlen. «Wir sehen eine leichte Abflachung der Kurve», sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle im Bundesamt für Gesundheit (BAG). Weil man bei den Tests und in den Laboren aber teilweise in Rückstand sei, könnten die Zahlen auch unterschätzt sein. Für eine Entwarnung sei es deshalb noch zu früh.

Die Entwicklung bei den Hospitalisationen sei zudem weiterhin besorgniserregend, sagte Masserey am Dienstag vor den Bundeshausmedien. 45 Prozent von den sich derzeit auf Intensivstationen befindenden Personen in Schweizer Spitälern seien Covid-Patienten.

«Wir haben noch Reserven», sagte Masserey. Auf den Intensivstationen gebe es derzeit noch 27 Prozent Kapazität. Engpässe bei den Beatmungsgeräten gebe es derzeit aber nicht. «Die Armee hat genügend Geräte an Lager», sagte Masserey. Einige Kantone hätten schon Beatmungsmaschinen bestellt.

Wenn die Zahlen weiter wachsen wie aktuell, seien die Intensivstationen aber in fünf Tagen voll. Das hatte in der vergangenen Woche bereits die wissenschaftliche Taskforce des Bundes errechnet.

Einige Kantone haben bereits Massnahmen getroffen. So wurden nicht dringliche medizinische Eingriffe verschoben. Die 14-Tage-Inzidenz ist im innerschweizerischen Vergleich in der Romandie am höchsten.

Hilfe könnte von Nachbarländern kommen. So gibt es bereits Angebote aus Frankreich, um Schweizer Patienten aufzunehmen, wie Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, bestätigte. Bisher wurden diese Plätze aber von den Kantonen noch nicht benötigt. Im Frühjahr nahm die Schweiz Patienten aus Frankreich auf, als dort die Spitäler überlastet waren.

Die Wirkung der strengeren Massnahmen auf Bundesebene lässt sich laut Masserey noch nicht detailliert eruieren. Erste Indizien deuteten aber darauf hin, dass die Mobilität der Bevölkerung abnehme. «Das sollte uns darin bestärken, die Massnahmen weiterhin umzusetzen.» Es sei aber noch zu früh, um festzustellen, welche Massnahmen welche Wirkung zeigten, dazu brauche es noch mehr Daten.

Ende der Medienkonferenz

Es gibt keine weiteren Fragen. Damit endet die Medienkonferenz der Experten.

Patienten nach Frankreich verlegen?

In der ersten Welle nahm die Schweiz Patienten aus Frankreich auf. Nun könnte dies auch andersrum gehen, wie Hauri bestätigt. Es habe aus Frankreich bereits Angebote gegeben, um Schweizer Patienten aufzunehmen, falls das nötig wäre. Von der Schweiz gingen noch keine Anfragen aus, aber man habe Angebote aus dem Ausland erhalten.

Weitere Massnahmen des Bundesrats?

In dieser Hinsicht sei nach ihrem Wissen nichts geplant, sagt Masserey.

Kantonale Unterschiede?

Es kann sein, dass Massnahmen wie eine frühe Maskenpflicht in einzelnen Kantonen wirken, sagt Hauri, das sei aber schwierig zu belegen, da immer viele Faktoren zum Rückgang der Fallzahlen wirken. Masserey ergänzt, dass es derzeit noch zu wenig Daten gebe, um wissenschaftlich zu sagen, welche Massnahmen welche Auswirkungen haben. Mit der Zeit könne man da mehr sagen.

Kapazitäten erreicht?

Wenn Kantone die Spitalkapazitäten erreichen, werden Patienten verlegt, dafür gibt es eine nationale Stelle, sagt Masserey. Auch die Rega helfe mit. Die Zentrale könne helfen, um Betten für Patienten zu finden, wenn in einer Region alle Plätze belegt sind.

Es kann sein, dass ein Patient dann quer durch die gesamte Schweiz transportiert wird, ergänzt Hauri. Zudem gibt es Konzepte für zusätzliche Plätze, die nicht wie die aktuellen Intensivbetten zertifiziert sind, aber trotzdem genügen. Erst wenn das ausgeschöpft wird und auch nicht notwendige Behandlungen aufgeschoben wurden, dann komme die Triage ins Spiel, wo entscheiden werden muss, welche Patienten behandelt werden können.

FMH-Ärzte lehnen Schnelltests ab?

Das BAG wurde von der Stellungnahme der FMH-Ärzte überrascht, man müsse nun Kontakt aufnehmen und schauen, was die Ärzte bei den Schnelltests evtl. nicht verstanden haben. Bei den Schnelltests gebe es bei den täglichen Zahlen keine Doppelungen, eine infizierte Person wird einmal gezählt, auch wenn sie zweimal positiv getestet wurde.

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Bund, Ärzte und Apotheken zeigen sich erstaunt über das Bremsmanöver von Ärztepräsident Jürg Schlup. Entgegen seiner Empfehlung soll der Schnelltest ab nächster Woche breit eingesetzt werden.
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Bund, Ärzte und Apotheken zeigen sich erstaunt über das Bremsmanöver von Ärztepräsident Jürg Schlup. Entgegen seiner Empfehlung soll der Schnelltest ab nächster Woche breit eingesetzt werden.
Foto: Keystone

Wirken die Massnahmen des Bundesrats?

Die Massnahmen des Bundesrats vom 18. Oktober waren nicht ausreichend, sagt Masserey, deshalb wurden am 28. Oktober nochmals schärfere Einschränkungen ausgesprochen. Weil aber Kantone schon vorher und zwischendurch regionale Massnahmen verfügt haben, sei es schwierig zu erkennen, was wann wo genau gewirkt hat. Die Gesamtheit der Massnahmen müsse nun wirken und dazu müsse auch die Bevölkerung ihren Teil beitragen, indem man Kontake reduziere.

Wie ist die Testsituation?

Es gibt verschiedene Faktoren für das Testen, die Zugänglichkeit der Testzentren oder die Anzahl der verfügbaren Tests an den jeweiligen Orten. Die Schnelltests verzögern sich noch. Man müsse sicher auch noch Testkapazitäten aufbauen, mehr Orte anbieten, beispielsweise in Apotheken.

Zudem gibt es Grenzen bei den Labors, bei 30'000 Tests pro Tag wird es dort eng und es kommt zu Verzögerungen. Deshalb sei der möglichst rasche Einsatz der Schnelltests wichtig, sagt Daniel Albrecht vom BAG.

Spitalkapazitäten

Es gibt Richtlinien für Triagen, wenn die Kapazitäten nicht mehr ausreichen. Dann müssten auch nicht zwingende Eingriffe aufgeschoben werden.

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Foto: Keystone

Wie hoch ist Dunkelziffer?

Man kann nicht sicher sein, dass alle Infizierten gefunden werden. Man versuche alle zu testen, die Symptome aufweisen. Es gebe auch einen Verzug der Tests, sagt Masserey, man komme an die Kapazitätsgrenzen, somit werden die Fälle eher unterschätzt, weil es teilweise länger dauert. Deshalb sei man bei der aktuellen Verlangsamung der Fälle auch noch vorsichtig, ob das wirklich der Realität entspreche.

Prognose für fünf Tage?

Wenn der Anstieg der Neuinfektionen sich verlangsamt, dann dauere es einige Tage, bis man das auf den Intensivstationen auch sieht. In fünf Tagen können die Intensivstationen voll sein, lautet die derzeitige Prognose. Man stosse da an die Grenze, die Situation sei angespannt. Es könnten natürlich auch Plätze frei werden, aber die Prognose verheisse nichts Gutes, man müsse nun bis in zehn Tagen sehen, dass die Hospitalisierungen zurückgehen, sonst werde es schwierig.

Arbeit trotz Quarantäne?

Ein kleines Restrisiko bleibe, wenn beispielsweise das Pflegepersonal trotz Quarantäne arbeitet, sagt Hauri, damit müsse man richtig umgehen. Es gebe immer ein kleines Risiko.

Fernunterricht für Sekundarstufe II?

Es sei ein ständiges Abwägen zwischen Pädagogik und der Gesundheit, sagt Hauri, die Massnahmen in den Schulen seien grundsätzlich genügend. Beim Sportunterricht müsse man gute Schutzmassnahmen wie bei Erwachsenen haben und diese auch umsetzen, also beispielsweise in den Garderoben, dann sei das dort auch sicher.

Wie häufig finden Ansteckungen an Schulen statt?

Das sei sehr schwierig zu beantworten, sagt Masserey. Kinder unter 12 übertragen das Virus deutlich weniger, in dem Alter gibt es nur wenig Infizierte. Eher übertragen die Lehrkräfte das Virus auf die Kinder. In Restaurants, in Innenräumen, sind viele Personen auf wenig Raum, da ist das Risiko viel höher.

Gibt es genügend Beatmungsgeräte?

Ja, die Kantone haben noch Reserven, auch die Armee hat noch Reserven. Einzelne Kantone haben bereits bei der Armee um zusätzliche Geräte gebeten.

Was ist denn die nationale Teststrategie?

Es stimme nicht, dass gewisse Kantone leicht symptomatische Personen nicht mehr testen. Dies gelte auch in Neuenburg, wo Patienten mit Corona-Symptomen ebenfalls getestet werden. Die nationale Strategie gelte in den Kantonen. Neu könne man mit den Schnelltests auch Personen testen, die vor fünf Tagen via App eine Warnung erhielten.

Fragerunde: Strategiewechsel in Neuenburg?

Die Fragerunde beginnt mit der Situation in Neuenburg, wo ab Donnerstag gemäss Medienberichten nur noch Risikopatienten getestet werden. Hauri sagt, das sei kein Strategiewechsel in der Schweiz. Masserey ergänzt, dass Neuenburg nicht nur gefährdete Personen testet, sondern es werde geschätzt, wie wahrscheinlich eine Infektion war. Also Patienten mit Symptomen werden weiter getestet in Neuenburg, nicht nur Risikopersonen.

Rudolf Hauri: «Es wird noch etwas auf uns zukommen»

Der Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte informiert über das Contact Tracing in den Kantonen. Es gebe eine Zunahme von Anfragen für Ausnahmen von der Quarantäne, beispielsweise für Pflegepersonal. Diese gelte dann aber nur für die Arbeit, unter strengen Schutzvorkehrungen. Im Privaten gelte die Quarantäne weiter. Die Quarantäne sei eine gute Massnahme, die man nicht aufweichen sollte.

Alle Patienten auf gewohntem Niveau zu behandeln, sei zunehmend herausfordern, sagt Hauri. Man sei aber noch in einer frühen Phase. «Es wird noch etwas auf uns zukommen», warnt Hauri. Man habe zwar die Behandlungen verbessern können gegenüber dem Frühjahr, auch die Zeit auf der Intensivstation konnte verkürzt werden. Aber teilweise steigen die Ausbrüche in Pflegeheimen bereits wieder an. Man müsse nun vorsichtig sein.

Hauris Fazit: «Wir alle müssen uns am Riemen nehmen.»

Masserey: «Intensivstation stossen in 5 Tagen an Grenzen der Kapazität»

Die Leiterin des Sektion Infektionskontrolle des BAG sagt, dass die Fallzahlen sich zwar stabilisieren, aber die Anzahl der Todesfälle und der Hospitalisationen sei bereits hoch. Diese Zahlen haben immer 10 bis 14 Tage Rückstand gegenüber den Fallzahlen und wenn man sehe, wie die Neuansteckungen in den letzten zwei Wochen gestiegen sind, bedeute das «nichts Gutes». In 5 Tagen stossen die Intensivstationen laut dieser Berechnung an die Grenze der Kapazitäten. Und man sieht bereits eine Übersterblichkeit bei den über 65-Jährigen, sagt Masserey. Ob die Massnahmen wirklich schon wirken, sei noch nicht genau zu sagen, die Mobilität nehme zwar ab, aber man habe auch weniger Tests durchgeführt, daher lasse sich das noch nicht genau feststellen. Man müsse weiter die Anzahl der Kontakte reduzieren, sich nicht mehr als mit 10 Personen treffen, je nach Lage in den Kantonen auch weniger. Jeder müsse selber versuchen, die Kontakte möglichst tief zu halten und seine Angehörigen und Risikopersonen zu schützen.

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232 Kommentare
    vico

    Viele Covid-Patienten sind wieder gesund und haben dass Spital verlassen,leider hört man da kaum etwas,und ein Fall heisst längst nicht, krank zu sein