Party, Prunk und viele Probleme

Kommentar

Die Euro 2012 könnte für die Ukraine und Polen zu einem Festschmaus werden, doch die erste Phase hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Sebastian Rieder@RiederSebastian

Russische Hooligans schlagen in Breslau nach dem Sieg gegen Tschechien vier Sicherheitskräfte spitalreif, vor dem gestrigen Duell Russland – Polen gibt es 130 Festnahmen und zehn leicht Verletzte. Kroatische Ultras schleudern in Posen während des Spiels gegen Irland brennende Fackeln aufs Feld. Und deutsche Anhänger bewerfen die portugiesische Elf im Stadion von Lemberg mit Papierkugeln – gewiss, es ist einfach, nur die dunkle Seite der Euro zu beleuchten, aber der Auftakt des EM-Turniers wirft viele Fragen auf: Wann kommt es zum grossen Knall der Kulturen? Bricht das Verkehrsnetz komplett zusammen? Werden die Stadien in den Viertelfinals halbleer sein, wenn Polen oder die Ukraine frühzeitig ausscheiden?

Noch sieht es trotz allem recht gut aus. Die Ukraine hat mit dem 2:1 gegen Schweden das Zentrum von Kiew in eine rauschende Partymeile verwandelt. Bei herrlichem Wetter feierten Hunderttausende bis tief in die Nacht, die Vorausetzungen für ein zweites Sommermärchen wie an der WM 2006 in Deutschland sind gegeben, zumindest vom sportlichen Standpunkt. Die grosse fussballerische Offenbarung hat bis anhin noch nicht stattgefunden. Das liegt aber am Charakter der ersten Runde, die wegen der grossen Nervosität selten spielerische Höhepunkte liefert. Ziemlich spektakulär war das Eröffnungsspiel zwischen Polen und Griechenland, wobei vor allem die Fans in der Arena für eine fantastische Atmosphäre sorgten.

Ein organisatorisches Debakel

Ohne die nervigen Vuvuzelas strapazierten die Polen nur ihre kräftigen, wodkagetränkten Stimmbänder und liessen im prunkvollen Nationalstadion von Warschau Gänsehautstimmung aufkommen. Weniger prickelnd waren die Spiele in den Stadien in Lemberg und Donezk. Obwohl die Tickets auf dem Schwarzmarkt teilweise zu Spottpreisen zu haben waren, bliebe viele Sitze leer. Schuld daran ist das organisatorische Debakel der beiden Gastgeberländer. So gibt es zwischen Polen und der Ukraine mit dem öffentlichen Verkehr keine vernünftige Verbindung. Die Flüge von Lemberg oder Kiew sind völlig überteuert und zudem oft verspätet. Wer in Warschau nach mühsamer Suche tatsächlich einen Zug über die Grenze findet, muss bei einer über 15-stündigen Fahrt sicher zweimal umsteigen, und das mitten in der Nacht.

Etwas besser sieht es innerhalb der beiden Länder aus. Die Städte sind gut vernetzt, allerdings sind die Züge schnell ausgebucht. Erfreulich ist dafür der Preis: Für 25 Franken kommt man in der Ukraine überall hin, und das erster Klasse. Zweitklassig, wenn nicht gar eine Zumutung sind die Zustände an den Flughäfen, wie zum Beispiel in Kiew. Am Samstag verpassten unzählige deutsche Fans die Partie in Lemberg, weil am Airport Borispol das blanke Chaos herrschte. Verspätet waren die Flüge auch am Montag in Richtung Donezk, wo im prächtigen Fussballpalast Tausende Sitze unbesetzt blieben. Englische Fans berichteten, dass viele ihre Reise gar schon vorher abgesagt hatten, weil in Donezk wenige Tage vor der Euro ein spanischer Fussballtourist unter rätselhaften Umständen umgekommen war.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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