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Mamablog: Corona-Koller in FamilienEs ist okay, wenn wir straucheln

Unsere Autorin klatscht für all jene Beifall, die im persönlichen Familien-Lockdown feststecken. Und fordert: Bitte seid verständnisvoll mit euch selbst!

Erschöpft? Völlig verständlich – wir alle sind Protagonisten in einem Ausnahmezustand.
Erschöpft? Völlig verständlich – wir alle sind Protagonisten in einem Ausnahmezustand.
Foto: Getty Images

Es ist wirklich erstaunlich, dass es diesen heutigen Blogbeitrag gibt. Ich selbst hatte nicht mehr an ihn geglaubt. Denn so leicht mir das Schreiben normalerweise fällt, so aussichtslos schien es mir in den vergangenen Wochen, meine Gedanken zu irgendetwas Lesbarem zu verdichten. Jede Idee verschwamm in meinem Kopf so konturlos wie Wasserfarbe auf einem zu nassen Blatt Papier. Das wiederum machte mir deutlich, dass mich der «coronisierte» Ausnahmezustand allmählich ähnlich zermürbt wie die Darvidas, die im Rucksack meiner Kinder aus unerfindlichen Gründen immer zuunterst liegen. Dass er mich zeitweise so unbeweglich macht wie der Ritter auf der Zürcher Gemüsebrücke, den mein Sohn früher so liebte. Und dass ich mich von diesem Zustand manchmal ähnlich zerzaust fühle, wie die langen Haare meiner Tochter in einem Novembersturm.

Das alles macht die Sache mit der Inspiration natürlich etwas schwierig. Und dies, obwohl unsere Familie nicht von Existenzängsten geplagt ist, sondern hauptsächlich von der – zugegebenermassen manchmal etwas nervenaufreibenden – Verdichtung von Jobstress und Familienarbeit. Doch ebenso belastet mich die anhaltende Stimmung in der Öffentlichkeit, geprägt von Trennung und Unsicherheit, von Angst und Spaltung. Dass seit so langer Zeit kein Leben ist, wo Leben sein sollte. Wir uns millionenfach in Einzeller verwandelt haben, die füreinander von einer Bereicherung zur Bedrohung wurden.

«Jammere bloss nicht rum!»

«Ha! Was für Luxusprobleme!», zischt mir mein Über-Ich bei solchen Gedanken postwendend ins Ohr. Und zwar in einem Tonfall, gegen den jener von Fräulein Rottenmeier dem einer übereifrigen Montessori-Praktikantin gleicht. «Andern geht es imfall viel schlechter als dir. Ausserdem sind wir in der Schweiz ja geradezu verwöhnt, wenns um Freiheiten geht. Schau dir mal andere Länder an! Jetzt jammere hier also bloss nicht rum und reiss dich mal zusammen und zwar dalli!»

Also reisse ich mich zusammen. Bis der Befehl auch die hinterletzte Zelle erreicht hat, und diese brav mit der angeordneten Verkrampfung reagiert, die aber weder mir noch meinem Umfeld etwas bringt. Daraus kann sich nichts Schlaues entwickeln, denn die Akzeptanz des Aussen bedingt nun mal die Akzeptanz des Innen. Und Zusammenreissen ist das Gegenstück davon.

Klatschen wir Beifall

Es geht hier nicht um ein politisches Statement. Null. Es geht vielmehr darum, all die Familien zu würdigen, die gerade in ihren Grundfesten erschüttert werden – denn von ihnen gibt es viele. Ich möchte ihnen Beifall für all ihre Leistungen in dieser Zeit schenken, wie ihn im letzten April das Pflegepersonal erhielt. Denn viele Familien hat die anhaltende Enge ins Schleudern gebracht. Hat in ihren Beziehungen zueinander jene Themen verdichtet und hochgeschwemmt, die die Anker im Aussen bis anhin unter dem Deckel zu halten vermochten. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie die Massnahmen nun für richtig, falsch oder irgendwas dazwischen hielten.

Sie und Ihrer Familie betrifft das nicht? Sie gehen problemlos durch diese eigentümliche Zeit? Wunderbar! Dann schenken Sie Ihre Empathie für einen Moment doch jenen Menschen, die laut Statistik besonders von der Überforderung in dieser Krise betroffen sind:

Protagonisten im Ausnahmezustand

Wir befinden uns zurzeit nicht auf einem sonntäglichen Spaziergang mit nettem Schwäne-Füttern zum Schluss, sondern mitten in einer riesigen, globalen Krise. Wir alle sind Protagonisten in einem Ausnahmezustand, der zur Regel geworden ist. Und es ist verständlich und in keinster Weise persönlichem Versagen zuzuschreiben, wenn wir straucheln.

Bitte seid verständnisvoll mit euch, wenn sich Müdigkeit und Ratlosigkeit in eurem Leben, euren Beziehungen, mit euren Kindern zeigen. Holt euch Hilfe, wenn ihr welche braucht. Und packt immer wieder mal eins der Geschenke aus, die diese Zeit auch mit sich bringt: Denn vielleicht ist das, was unter der unwirtlichen Verpackung steckt, auch die Antwort auf eine Frage, die ihr euch schon lange gestellt habt.

6 Kommentare
    MichaelAndreas

    Wenn man diesen Links folgt, kommt man zu Artikeln, die, wenn man sie wirklich durchliest banal in ihrer Auswirkung klingen.

    Ja man kann gerade nicht wegfahren und ja, essen gehen ist auch nicht drin. Aber man kann vor die Tür gehen ohne Angst haben zu müssen, erschossen zu werden. Man kann jegliche Spezerei zu Essen kaufen, es wird weder das Wasser noch der Strom rationiert und wenn man krank wird, wartet eine Heerschaar von Medizinern auf einen, um einen wieder fit zu machen. Man kann Demos anzetteln ohne Angst haben zu müssen, anschliessend in irgendeinem Knast verrotten zu müssen. Man kann zwar nicht mit seinen Freunden abhängen, aber man kann mit ihnen skypen, WA oder sonstige Kommunikationsmittel gebrauchen, um mit ihnen zu chatten.

    Mir geht dieses Gejammer sowas von auf den Geist, egal wie smooth er auch verpackt wird.

    Meckert nicht so viel rum, haltet Euch strikt an die AHA-Regeln und dann ist der Spuk auch bald vorbei. Tut ihr es nicht, haben wir noch lange was davon.