Es ist kalt in San Francisco

Es ist die Stadt, die weltweit am meisten Milliardäre produziert. Aber gleichzeitig wächst die Zahl der Obdachlosen.

Alamo Square Park, eine der begehrtesten Wohnlagen in San Francisco. Dahinter lungert das Elend. Foto: Kevin McNeal (laif)

Alamo Square Park, eine der begehrtesten Wohnlagen in San Francisco. Dahinter lungert das Elend. Foto: Kevin McNeal (laif)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

An klaren Tagen im Herbst und im Frühling ist San Francisco die schönste Stadt der Welt. Weiss und blau und golden liegt sie da, wie eine Ferieninsel im griechischen Meer. Doch San Francisco hat auch eine andere Seite, und das liegt nicht nur am nassen Nebel, der sich fast jeden Abend über die Stadt legt.

Je grösser der Boom der Techindustrie im Silicon Valley und je erfolgreicher die Angestellten von Google, Facebook und Twitter, desto kälter wird es in der Stadt. Freunde und Bekannte überlegen sich ernsthaft wegzuziehen, so teuer ist das Wohnen geworden. In einer der neuen Tech-Zentren in Utah, Idaho oder Texas zu arbeiten, erscheint plötzlich verlockend.

Begonnen hat die Klimaänderung nach der Wirtschaftskrise vor zehn Jahren. Die Stadtbehörden fürchteten, von den sozialen Missständen überrollt zu werden. Die Market Street, die Lebensader der Stadt, glich einer offenen Anstalt. Drogenabhängige, Kriegsveteranen, Obdachlose und Bettler lagen auf den Trottoirs, in den Parks und den Hauseingängen. Touristen waren entsetzt ob dem Elend in einer der reichsten Städte der Welt; die Anwohner versuchten damit zu leben.

Verpasste Chance zum Kurswechsel

An diesem Punkt entschied sich die Stadt zur Offensive: Sie bot Unternehmen massive Steuergeschenke an und räumte ihnen günstige Standorte für ihre Büros an, oft gerade dort, wo das soziale Elend am grössten war. Die Idee schien bestechend. Firmen wie Airbnb, Uber, Lyft oder Twitter würden neues Einkommen in die Stadt bringen und neue Ideen. Sie würden nach und nach das Stadtbild positiv verändern, so der Glaube, und ihren Beitrag zur Bewältigung der Kluft zwischen der Tech-Elite und dem grossen Rest leisten.

Vor fünf Jahren aber verpasste die Stadt und verpassten die Tech-Firmen die Chance zum Kurswechsel. Zur Debatte stand eine neue Verkehrspolitik, die Google, Yahoo, Apple und die anderen Tech-Firmen gezwungen hätte, ihre privaten Busdienste ins Silicon Valley zu überdenken und einen substanziellen Beitrag ans öffentliche Netz zu leisten. «Ich bin so stolz, in San Francisco zu leben und Teil dieser Gemeinschaft zu sein», beteuerten Google-Angestellte in der City Hall. Doch das waren nur Worte, eingeflüstert von den PR-Verantwortlichen der Firmen. Die privaten Busse, Symbole der wachsenden Ghettoisierung, fuhren weiter. Und zwei Jahre später scheiterte auch der Versuch, die Wohnungsnot mit einer «Tech-Steuer» zu mildern.

Öffentliche Schulen am Boden

San Francisco macht heute als jene Stadt Schlagzeilen, die weltweit am meisten Milliardäre produziert. Doch niemand ist stolz darauf, auch die Reichen nicht. Sie fürchten, dass die Stadt an ihrem eigenen Erfolg erstickt. Die Zahl der Obdachlosen ist in den letzten zwei Jahren weiter gestiegen, ohne dass erkennbare Fortschritte in der Drogenprävention gemacht worden wären. Die öffentlichen Schulen liegen am Boden, während Privatschulen ausserhalb der Stadt florieren und die Kluft zwischen oben und unten vergrössern.

Salesforce-Chef Marc Benioff, in der Stadt aufgewachsen und einer der wenigen politisch aktiven Tech-Unternehmer, spricht offen von einem «Train-Wreck» – einem totalen Fiasko der Stadtentwicklung. «Wir haben eine unglaubliche Tech-Industrie, um die uns die Welt beneidet», sagt er. «Aber wir kümmern uns nicht um jene, die uns am meisten brauchen.» Das tönte, als sei es aus dem Neuen Testament, und so war es wohl auch gemeint.

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