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Sexuelle Gewalt in Japan«Es ist immer noch die Hölle»

Die Journalistin Shiori Ito kämpft für ein Strafrecht in Japan, das Opfer von Vergewaltigung besser schützt. Ihren eigenen Fall hat sie öffentlich gemacht. Und einen hohen Preis gezahlt.

«Warum wurde ich vergewaltigt?»: Shiori Ito nach einer Anhörung vor Gericht in Tokio.
«Warum wurde ich vergewaltigt?»: Shiori Ito nach einer Anhörung vor Gericht in Tokio.
Foto: Charly Triballeau (AFP)

Im Sommer 2017 mahnte die Lektorin nach einiger Zeit zur Eile. Shiori Ito war noch nicht fertig mit ihrem Buch über Sexismus in Japan. Es war einige Wochen her, dass sie bei einer Pressekonferenz in Tokio erzählt hatte, wie ihre Anzeige wegen Vergewaltigung gegen den bekannten regierungsnahen Journalisten Noriyuki Yamaguchi gescheitert war. Sie verstand, dass der Verlag nicht zu lange warten wollte. Aber sie durfte auch nichts überstürzen.

Sie musste die Geschichte von jener Nacht im April 2015 bis zur Pressekonferenz klar, aber sachlich erzählen. Sie musste sorgfältig trennen zwischen Fakten und Verdacht, eigenem Leid und gesellschaftlichem Problem. Das Buch durfte keine billige Abrechnung sein. «Ich musste hundertprozentig sicher sein, dass ich die Verantwortung tragen kann für das, was ich schreibe.» Shiori Ito bat die Lektorin um die Zeit, die sie brauchte – und bekam sie für ihre Geschichte, mit der sie Japans Macho-Gesellschaft gegen sich aufbrachte.

Manifest gegen Missverständnisse

Heute schaut die Journalistin Shiori Ito, 31, auf ihr Buch «Black Box» mit der stillen Zufriedenheit einer Autorin, die ihrer Botschaft treu geblieben ist. «Black Box» war ein preisgekrönter Verkaufsschlager in Japan. In China standen die Menschen Schlange dafür. In Amerika und Europa hat das Buch ihr Profil als Frauenrechtlerin geschärft. Für Shiori Ito selbst ist es vor allem ein Manifest gegen Missverständnisse in ihrem Heimatland, die Dokumentation einer persönlichen Erfahrung, die sie mit 30 Stunden Interviewmaterial aus eigenen Recherchen untermauert hat.

Sie hatte davor zwei Jahre lang ohne Erfolg versucht, bei der Polizei und vor dem Strafgesetz als Opfer ernst genommen zu werden. Als es endlich einen Haftbefehl gab, kassierte ihn ein hoher Beamter der Präfekturpolizei. Es war, als könnte sich Yamaguchi, 54, der Biograf des rechtskonservativen Premierministers Shinzo Abe und frühere Washington-Büroleiter des Senders TBS, auf mächtige Freunde verlassen. Das Buch sollte zeigen, dass Frauen in Japan gegen Macho-Bündnisse und ein veraltetes Sexualstrafrecht anrennen. Es sollte etwas verändern.

Sie ist blass und voller Gedanken. Sie erzählt vom Erzählen und von den Folgen der Offenheit.

«Warum wurde ich vergewaltigt?», fragt Shiori Ito in «Black Box». «Es ist passiert, ganz einfach. Und leider ist das, was passiert ist, durch nichts zu ändern. Aber ich möchte glauben, dass die Erfahrung nicht vergeblich war. (...) Wenn ich über die Vergangenheit rede, dann nur, um über die Zukunft nachzudenken.»

Shiori Ito sitzt in einem Café am Meguro-Fluss, der zwischen Steinmauern durch die Häuserschluchten Tokios fliesst. Sie hat ihre Kappe und ihre Schutzmaske abgenommen, die sie draussen wegen Sonne und Coronavirus getragen hat. Sie ist blass und voller Gedanken. Sie erzählt vom Erzählen und von den Folgen der Offenheit.

30’000 Franken Schadenersatz

Ihre Geschichte ist im Grunde gut weitergegangen nach dem Buch. Sie arbeitet frei für Radio und Zeitschriften. Sie hat in London mit einer Partnerin eine Produktionsfirma für Dokumentarfilme mit Schwerpunkt Gleichstellung gegründet. Zuletzt war sie für Projekte in Afrika zuständig. Und das Zivilverfahren gegen Yamaguchi hat sie in erster Instanz gewonnen – 3,3 Millionen Yen Schadenersatz, knapp 30’000 Franken.

Trotzdem ist nicht alles gut, und das liegt weniger daran, dass sie demnächst wieder vor Gericht muss. Yamaguchi hat wie erwartet Berufung eingelegt. Er sagt, der Sex mit ihr nach jenem Treffen, bei dem es um einen Job in Amerika gehen sollte, sei einvernehmlich gewesen. Er habe «nichts Illegales gemacht». Shiori Ito, damals Praktikantin beim Medienkonzern Thomson Reuters, sagt, sie habe das Bewusstsein verloren und sei erst aufgewacht, als Yamaguchi in seinem Hotelzimmer auf ihr lag. Sie hat den Verdacht, mit K.-o.-Tropfen betäubt worden zu sein.

Ein preisgekrönter Verkaufsschlager: Das Buch «Black Box» der Journalistin Shiori Ito.
Ein preisgekrönter Verkaufsschlager: Das Buch «Black Box» der Journalistin Shiori Ito.
Foto: Imago

Aber Shiori Ito plagt etwas anderes noch mehr: die harte Kritik, die ihr im eigenen Land entgegenschlägt, gerade von Frauen, seit ihrer ersten Pressekonferenz. Häme, Anfeindungen, sogar Drohungen. Japanerinnen schrieben ihr, dass sie selbst schuld sei, als Frau wissen müsse, wie man sich verhält. «Es war die Hölle», sagt Shiori Ito, «es ist immer noch die Hölle.» Sie lebt längst in London, um ihre Ruhe zu haben. Aber jetzt findet der Prozess statt, und wegen der Pandemie kommt sie so schnell nicht raus aus Tokio. Sie muss sich arrangieren.

Sexuelle Gewalt ist auf der ganzen Welt ein Thema. In Japan kommt dazu, dass die traditionelle Rolle der Frau als züchtiges Familienmitglied tief verankert ist im Bewusstsein der Konsensgesellschaft. «Daher kommt die Tendenz, es auf ein Fehlverhalten der Frauen zu schieben, wenn sie Opfer eines Übergriffes werden», sagt die Soziologin Chizuko Ueno, Japans bekannteste Feministin, Präsidentin der Non-Profit-Organisation Women's Action Network. Japans Sexualstrafrecht ist dafür ein Symbol. Es wurde 2017 leicht verschärft. Aber im Kern stammt es noch von 1907, als Frauen in Japan kein Wahlrecht hatten. Vergewaltigte müssen demnach beweisen, dass ihr Peiniger ihnen körperlichen oder seelischen Schaden zugefügt hat. Die Hürde für eine Anklage ist hoch.

Eine neue Chance

Schon lange kämpfen Ueno und andere für ein neues Gesetz, mit Demonstrationen, Symposien, Online-Foren. «Shiori gehört zu den tapferen Frauen, die diesen Aktivismus angeschoben haben», sagt sie. Aber: «Die japanischen männerdominierten Massenmedien haben darüber nicht berichtet.» Unterdrückte Auflehnung gegen sexuelle Gewalt? «Wenn man bedenkt, was Shiori an negativen Antworten bekommen hat, ist es riskant, sich öffentlich zum Opfer zu machen», sagt Chizuko Ueno, «so gesehen hat ihr Fall das Eis gebrochen.»

Shiori Ito versucht, ihre Kritikerinnen zu verstehen. «Ich habe zurückgemailt: Danke für Ihren Gedanken, aber ich wüsste wirklich gerne, warum Sie so denken.» Keine Antwort. Vielleicht stört es diese Frauen, dass eine junge Landsfrau nicht hinnimmt, was sie selbst als gute Japanerinnen immer klaglos ertragen haben.

In der japanischen Erziehung spielen die Rechte der Einzelnen eine untergeordnete Rolle. Aber Shiori Ito ist in den USA zur Schule gegangen, sie hat in New York Journalismus studiert. Unbegrenzte Möglichkeiten sind für sie ein natürlicher Anspruch. Sie will dazu beitragen, dass sich mehr Frauen trauen, ihre Rechte einzufordern. 2020 bringt eine neue Chance, Japans Strafrecht weiter zu verschärfen, es vielleicht sogar so zu verändern, dass jeder Sex ohne Einvernehmen strafbar ist.