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Christoph Kunz hat genugEs begann im Stillen – und endete im Live-TV

Christoph Kunz ist der erfolgreichste Monoskifahrer, den die Schweiz je hatte. Nun will der Frutiger mehr Zeit für seine Grossfamilie haben.

Christoph Kunz gewann an den Paralympics zweimal Gold und einmal Silber.
Christoph Kunz gewann an den Paralympics zweimal Gold und einmal Silber.
Foto: Marcus Hartmann

38 Jahre alt ist Christoph Kunz am Dienstag geworden. Die Geburtstagsfeier fand zu Hause im – gezwungenermassen – kleinen Rahmen statt. Wobei das natürlich Ansichtssache ist, schliesslich ist Kunz stolzer Vater von vier Kindern. Und sie sind es auch, die eine wesentliche Rolle spielten, dass der Frutiger genau zehn Jahre nach seinem ersten grossen Sieg seine Karriere beendete. Im März 2010 triumphierte er in Vancouver in der Paralympics-Abfahrt, im März 2020 zieht er den Schlussstrich.

«Die Goldmedaille von Vancouver ist für mich die speziellste», sagt Kunz, «dieser Erfolg steht noch ein bisschen über den anderen.» Zur Erinnerung: Ein paar Tage nach seinem Coup wurde er im Riesenslalom von Vancouver Zweiter, und vier Jahre später sicherte er sich in jener Disziplin in Sotschi nochmals Paralympics-Gold. «Doch nach 2010 fand ich Sponsoren und Gönner und konnte dadurch später Profi werden», erklärt er.

Der Sport gibt ihm Lebensqualität

Eigentlich lässt sich die Entwicklung des Behindertensports perfekt an der Karriere Kunz’ erklären. 18 Saisons bestritt der Oberländer im Ski-Weltcup. Als er 2006 zum ersten Mal an Paralympics teilnahm, war die Aufmerksamkeit an den Spielen gering, die Medien berichteten nur spärlich darüber. Vor zwei Jahren in Pyeongchang zeigte das Schweizer Fernsehen die Rennen live. «Der Sport ist attraktiver für Sponsoren und Medien geworden, weil sich die Leistungen entsprechend entwickelten», sagt Kunz und nennt ein Beispiel: Als er 2002/03 seine erste Saison bestritt, waren die Teilnehmerfelder in den Rennen viel grösser. Und die meisten Athleten hätten «mindestens» Teilzeit gearbeitet. Das sei die vielleicht grösste Veränderung zu heute. «Es gibt zwar längst nicht mehr so viele Teilnehmer an einem Rennen. Aber der Weg an die Spitze ist länger geworden, weil professioneller gearbeitet wird», hält Kunz fest. Er realisierte das und setzte vor vier Jahren ebenfalls ganz auf die Karte Sport.

Stolz und auch ein bisschen wehmütig schaue er zurück, sagt Kunz. Wobei er nicht der Typ ist, der sich oft mit Vergangenem beschäftigt. In jungen Jahren war er ein begeisterter Mittel- und Langstreckenläufer, träumte von der Teilnahme an einer Junioren-WM – bis ein Motorradunfall alles veränderte. 20 Jahre sitzt er nun bereits im Rollstuhl – er liess sich von diesem Schicksalsschlag aber nicht entmutigen, sondern setzte sich neue Ziele. «Der Sport war immer ein Teil meines Lebens», sagt er. «Und als Rollstuhlfahrer gibt er mir nicht zuletzt Lebensqualität, weil sich die Fitness vom täglichen Training positiv auswirkt.»

Seine wichtigste Medaille: In der Paralympics-Abfahrt von Vancouver triumphiert Christoph Kunz. Dieser Erfolg sollte seine Karriere verändern.
Seine wichtigste Medaille: In der Paralympics-Abfahrt von Vancouver triumphiert Christoph Kunz. Dieser Erfolg sollte seine Karriere verändern.
Foto: Keystone
Kunz war nicht nur in den Speeddisziplinen, sondern auch im Riesenslalom erfolgreich.
Kunz war nicht nur in den Speeddisziplinen, sondern auch im Riesenslalom erfolgreich.
Foto: Marcus Hartmann
Sein dritter Coup: Bei den Paralympics 2014 in Sotschi gewinnt Kunz die einzige Medaille für das Schweizer Ensemble.
Sein dritter Coup: Bei den Paralympics 2014 in Sotschi gewinnt Kunz die einzige Medaille für das Schweizer Ensemble.
Foto: Keystone
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Der Sturz als letztes Argument

Anfang Winter allerdings stellte sich Kunz erstmals die Sinnfrage: Soll er bis zu den Paralympics 2022 noch mal alles dem Sport unterordnen? Die Antwort fiel rasch, und sie war deutlich. «Ich bin nicht mehr bereit, 120 Skitage pro Jahr zu absolvieren», sagt er. Der Aufwand ist zu gross geworden, er will nicht mehr so oft von der Familie getrennt sein. Den Entscheid zweifellos beeinflusst hat auch ein Sturz im Januar. Zwar verletzte sich Kunz dabei nicht gravierend, doch plagten ihn lange Schmerzen in der Schulter. «Der Sturz hat mir gezeigt, dass ich dieses Risiko nicht mehr eingehen will. Denn wenn ich mich an der Schulter operieren lassen müsste, dann würde es für die ganze Familie schwierig», sagt er.

Nun blickt Kunz einmal mehr nach vorn. Der gelernte Bankkaufmann möchte in sein Metier zurückkehren, sucht derzeit nach einer entsprechenden Stelle. Dem Sport wird er erhalten bleiben, als Berater seines bisherigen Skiteams. Und Kunz wird weiterhin Referate halten. «Der Rollstuhl gehört zu meinem Leben dazu, aber er schränkt mein Leben nicht extrem ein», sagt er. «Ich möchte vermitteln, dass viel mehr möglich ist, als wir es uns vorstellen können.» Er ist das beste Beispiel dafür.