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Im Fernduell mit SionErst der «Cupfinal», dann die Ferien

Der FC Thun will mit einem Sieg im letzten Saisonspiel beim FC Zürich den Ligaerhalt sicherstellen. Die Zuversicht bei den Berner Oberländern ist gross.

Grégory Karlen (Mitte) und Stefan Glarner (rechts) gehen optimistisch in die «Finalissima» gegen den FCZ.
Grégory Karlen (Mitte) und Stefan Glarner (rechts) gehen optimistisch in die «Finalissima» gegen den FCZ.
Keystone/Peter Klaunzer

Um 22:20 ist alles vorbei. Als Schiedsrichter Alain Bieri am Freitagabend mit seinem Pfiff die Partie zwischen dem FC Thun und dem FC Basel beendet, schlägt Marc Schneider mit dem Arm in die Luft und dreht sich vom Spielfeld ab. Der Thuner Cheftrainer erkundigt sich beim vierten Offiziellen, ob die vier Minuten Nachspielzeit tatsächlich schon um seien. Er gestikuliert, weist darauf hin, dass sich die Basler bei ihren Aktionen doch sehr viel Zeit gelassen hätten, dass doch zumindest ein Angriff seines Teams noch hätte drinliegen müssen. Logischerweise findet Schneider mit seinem Begehren kein Gehör.

Derweil sinken einige Akteure erschöpft zu Boden. Stürmer Simone Rapp stützt sich auf die Knie, der Blick geht ins Leere, und die Gedanken kreisen um die zahlreichen vergebenen Chancen. Um seinen Kopfball, der auf der Linie geklärt wurde, um den Lattenschuss von Nias Hefti, um die beiden exzellenten Möglichkeiten von Ridge Munsy in der Schlussphase, die ebenfalls nicht zum erlösenden Tor für die Thuner führten.

Glarners Vergleich

Die Erklärungen für dieses 0:0 gegen den FCB reichen im Anschluss an die Partie von «fehlender Konsequenz auf den letzten 30 Metern» (Trainer Marc Schneider) über «zu wenig Überzeugung im Abschluss» (Captain Stefan Glarner). Und Ridge Munsy meint: «Uns hat einfach auch das nötige Glück gefehlt.» Die Enttäuschung ist in den Voten der Berner Oberländer spürbar. Sie wissen, dass sie die Chance verpasst haben, mit einem Vorsprung von drei Punkten auf Sion und den Barrageplatz in die letzte Runde dieser langen und komplizierten Spielzeit zu steigen. Die Ausgangslage wäre formidabel gewesen, am Montag (20:30 Uhr) mit einem Punkt beim schwächelnden FC Zürich, der in den sechs Partien seit der zehntägigen Quarantäne gegen das gesamte Team noch keinen einzigen Punkt geholt hat, endlich den Ligaerhalt sicherzustellen. Doch der dicht getaktete Spielplan erlaubt es nicht, sich lange damit aufzuhalten, was hätte sein können. Glarner sagt: «Wir liegen einen Punkt voraus und wollen nun in Zürich unbedingt gewinnen.»

Klar, die Vorteile im Fernduell mit Sion, das bei Servette antreten muss, liegen bei den Thunern. Dennoch ist die Ausgangslage für die Berner Oberländer ungewohnt. Ausser im Cupfinal letztes Jahr gegen Basel (1:2) sind sie selten in der Situation, dass sich die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg auf 90 Minuten reduzieren lässt. Dass ein Spiel unter Umständen die sportliche Zukunft in die eine oder die andere Richtung lenken kann.

Es sind Aspekte, welche die Partie gegen den FCZ mit ungewöhnlich viel Druck aufladen könnten, die lähmen und Angst schüren könnten davor, im entscheidenden Moment zu versagen. Doch die Thuner lassen derartige Gedanken nicht an sich herankommen. Trainer Schneider sagt: «Wir haben unser Glück in den eigenen Füssen. Das ist eine coole Situation, und das haben wir uns gewünscht.» Captain Glarner zieht derweil einen Vergleich zu einem Cupfinal, sagt, dass es vielleicht ein gutes Omen sei, habe er in seiner Karriere in einer solchen Partie schon reüssiert (2014 mit dem FCZ gegen Basel / die Red.). Und sowieso ist für den 32-Jährigen klar: «Wenn uns jemand in der Winterpause angeboten hätte, mit einem Sieg in der letzten Runde den Ligaerhalt zu schaffen, hätten wir das alle unterschrieben.»

Munsys Erfahrung

Den Thunern ist bewusst, woher sie kommen. Sie wissen, dass sie in der Winterpause mit nur 9 Punkten abgeschlagen am Tabellenende gelegen waren und die wenigsten Aussenstehenden daran geglaubt hatten, dass der erste Abstieg seit 2008 noch würde abgewendet werden können. Sie wissen aber auch, dass sie sich seither massiv gesteigert haben, dass nur YB und St. Gallen in der Rückrunde mehr Punkte geholt haben. In der Mannschaft des FCT hat sich ein bemerkenswertes Selbstvertrauen entwickelt, etwas, das Teams, die gegen den Abstieg kämpfen, nur selten haben. Und die Überzeugung, diesen letzten Schritt zum Ligaerhalt nun auch noch nehmen zu können, ist in den Sätzen der Akteure offensichtlich. Die Angst, an der Situation zu zerbrechen, scheint weit weg. Ridge Munsy sagt es so: «Wir sind schon die gesamte Rückrunde lang unter Druck und sind sehr gut damit umgegangen. Ich glaube, dieser Druck tut der Mannschaft gut. Deshalb mache ich mir keine Sorgen, dass wir gegen Zürich parat sein werden.»

Munsy kennt die Situation, gegen den Abstieg spielen zu müssen. Und er kennt auch das, was die Thuner mit allen Mitteln verhindern möchten wenn auch unter anderem Namen. Als der 31-Jährige vor zwei Jahren bei Erzgebirge Aue engagiert war, musste er mit den Sachsen die Relegationsspiele gegen das unterklassige Karlsruhe bestreiten. Der Abstieg in die dritte deutsche Liga konnte jedoch abgewendet werden.

Der Luzerner hat mit seinen zehn Toren in der zweiten Saisonhälfte grossen Anteil daran, dass die Thuner überhaupt noch die Chance auf den direkten Ligaerhalt haben. Wäre gegen Basel das elfte hinzugekommen, wäre dieser nun fast gesichert. Doch eben: Zum Hadern bleibt keine Zeit. Marc Schneider nimmt seinen Stürmer in Schutz: «Wir können nicht davon ausgehen, dass Ridge in jedem Spiel ein Tor schiesst.» Und Stefan Glarner sieht es pragmatisch: «Wenn er jede seiner Chancen verwerten würde, würde er nicht in Thun spielen. Er hat mit seinen Treffern viele Punkte geholt für uns. Hoffen wir, dass die Bälle gegen Zürich wieder reingehen.»

Der Rechtsverteidiger sagt, die Partie im Letzigrund müsse mit Freude und Lust angegangen werden und das Team dürfe sich nicht davon verunsichern lassen, sollte auf der Anzeigetafel mal eingeblendet werden, dass Sion in Genf in Führung gegangen sei. «Wir müssen in erster Linie unseren Job erledigen», sagt Glarner. «Dann ist egal, was Sion macht.» Das sieht auch Munsy so. Er sagt: «Wir können noch oft auf den Totomat schauen. Solange auf unserer Anzeigetafel 1:0 für Thun steht, spielt alles keine Rolle.»

Karlens Bekenntnis

Für einen ist es noch etwas spezieller, dieses Fernduell mit den Wallisern: Grégory Karlen ist ein waschechter Sittener, ist dort geboren und aufgewachsen, hat sämtliche Stationen im Nachwuchs des örtlichen Fussballclubs durchlaufen. Vor zweieinhalb Jahren hat der Mittelfeldspieler die Heimat verlassen und ist ins Berner Oberland übersiedelt. Schlagen da zwei Herzen in der Brust des 25-Jährigen? Karlens Antwort ist unmissverständlich: «Mein Club ist der FC Thun, und ich will unbedingt mit ihm in der Super League bleiben. Wenn Sion in die Barrage muss, ist das nicht mein Problem.» Auch der Walliser ist ein Gesicht des Thuner Aufschwungs. Nach der Corona-Pause hat er nur einmal nicht gespielt. Nun wartet die «Finalissima» gegen die Barrage. Auch für Karlen kein Grund, ängstlich zu werden. «Solche Spiele sind eine Extra-Motivation für mich.»

Die Möglichkeit, gegen den FCZ zu scheitern und am 7. und 10. August die Barragespiele gegen Vaduz bestreiten zu müssen, scheint in den Gedanken der Thuner Exponenten nicht zu existieren. Oder wie sieht das Programm für den Montag aus, Stefan Glarner? «Wir holen drei Punkte, und dann gehen wir in die Ferien.»