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Lukas Bärfuss’ Corona-PolemikEr sieht die Schweiz als nächsten Corona-Hotspot

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss meint es gut mit seinen Warnungen. Aber sein System-Bashing ist momentan kontraproduktiv.

MeinungAlexandra Kedves
Auch Lukas Bärfuss, hier beim Erhalt des Büchnerpreises 2019, macht sich grosse Sorgen um die Schweizer Bevölkerung. Mit dem Fokus aufs Kapitalismus-Bashing zielt er aber an seinem eigenen Anliegen vorbei.
Auch Lukas Bärfuss, hier beim Erhalt des Büchnerpreises 2019, macht sich grosse Sorgen um die Schweizer Bevölkerung. Mit dem Fokus aufs Kapitalismus-Bashing zielt er aber an seinem eigenen Anliegen vorbei.
Foto: EPA

Die Fallzahlen steigen, und inzwischen ist es Konsens, dass man die Corona-Krise in den meisten Ländern unterschätzt hat. Nicht zuletzt auch in der Schweiz. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» hat dazu den international gefeierten Schriftsteller Lukas Bärfuss – der als das Gewissen der zeitgenössischen Schweiz gehandelt wird – um eine Stellungnahme gebeten. Die ist ausgefallen, wie man es von Bärfuss kennt: knallhart, polemisch, grundsätzlich. Er haut das Schweizer Wesen an und für sich in die Pfanne wie schon 2015 im Aufregeressay «Die Schweiz ist des Wahnsinns».

Der Titel seines aktuellen Gastbeitrags macht die Stossrichtung klar: «Das Kapital hat nichts zu befürchten, der Mensch schon». Dann folgt eine Aufzählung der Missstände, die der Romancier ausgemacht haben will, von der Inkompetenz bis zur Intransparenz.

Bärfuss führt aus: Das Land sei überhaupt nicht auf eine Pandemie vorbereitet gewesen. Kein Computerprogramm zur Erfassung von Krankheitsfällen habe existiert, die Zahl an Intensiv-Betten sei lamentabel. Und während man, in der Gewissheit eigener Überlegenheit, bedauernd nach Italien geschaut habe, sei verpasst worden, selbst schnell zu reagieren. Zudem sei die Kommunikationsstrategie des Bundes Beschwichtigung, selbst nach der Verkaufsbeschränkung von Medikamenten wie Aspirin und Dafalgan. Treffen von fünfköpfigen Kindergruppen wurden als harmlos abgenickt, kritisiert er. Generell spiele man die Bedrohungslage herunter.

«Die meisten werden nicht an einem Virus aus China sterben, ersticken werden sie an der helvetischen Ausprägung der menschlichen Dummheit.»

Lukas Bärfuss

Der Büchnerpreisträger nennt auch den Grund für diese von ihm vermutete Taktik: die hiesige Priorisierung der Wirtschaft, für die man über die Leichen der Grosseltern und Schwächeren gehe. «Es wird wahrscheinlich unnötig viele Tote geben, und die meisten werden nicht an einem Virus aus China sterben, ersticken werden sie an der helvetischen Ausprägung der menschlichen Dummheit, an jener Krankheit, die hier auch in besseren Zeiten grassiert, am allgegenwärtigen Geiz nämlich», formuliert er drastisch. Und: «Unnötig verlorene Menschenleben wird dieses Land verkraften … Was den Schweizer nachhaltiger und tiefer ängstigt, ist der drohende wirtschaftliche Abstieg.»

Mit anderen Worten: Lukas Bärfuss zeichnet als helvetischen Ansatz, was US-Präsident Trump schamlos zur offiziellen Haltung erklärt hat. Die Therapie dürfe nicht schlimmer sein als das Problem, tweetete Trump. Für ihn und sein Umfeld gilt als gesetzt, dass eine funktionierende Wirtschaft gesamtgesellschaftlich wichtiger ist als die Rettung eines ungewissen Prozentsatzes an Älteren und Kranken.

In der Corona-Krise melden sich zwei Lager lautstark zu Wort – die Pandemie-Apokalyptiker und die Ökonomie-Apokalyptiker.

Halten wir fest: Bärfuss steht mit seiner Deutung nicht allein. In der Corona-Krise melden sich zwei Lager lautstark zu Wort – die Pandemie-Apokalyptiker und die Ökonomie-Apokalyptiker. Wissenschaftler mit mehr oder minder schlagkräftigen Argumenten sind in beiden Lagern zu finden. Ständig treffen neue Daten ein, die Situation ist unübersichtlich, Modelle und Prophezeiungen machen die Runde, sogar die öffentlichen Institutionen liefern divergierende Informationen.

Unser Faktencheck zeigt denn auch: Einige Behauptungen von Bärfuss sind nicht korrekt. Es sind aber keineswegs alle verkehrt. Dass etwa der Kapitalismus und die Banken überleben werden, ist sicher richtig; dass die Kommunikation der Behörden unscharf war – und ist –, stimmt gleichfalls. Alle föderal strukturierten Länder hatten Mühe, sich zentral zu organisieren, einheitlich zu kommunizieren und zu reagieren. Doch der verschwörungstheoretisch angehauchte Drive von Bärfuss’ Artikel macht es schwer, sich auf jene Beobachtungen einzulassen, die ihre Berechtigung haben.

Eine scharfe Kapitalismuskritik an dieser Stelle lenkt eher von den brennenden Problemen des Augenblicks ab, auf die Bärfuss ja das Augenmerk lenken möchte. Hakt man bei ihm telefonisch nach, betont er, die Leute hätten nicht verstanden, was Sache sei – und wie essenziell das Physical Distancing. Der Bundesrat vertusche die gesundheitliche Dramatik der Situation, man rechne wohl die Kosten der Rezession gegen Tote auf. «Das ist zynisch und schrecklich, aber in einer gewissen Logik nicht unvernünftig.»

Den Shutdown ans Herz legen

Selbst wenn Bärfuss’ Bewertung stimmen sollte: Ist der Rundumschlag mit dem Zweihänder momentan hilfreich? Löst ein polternd-polemisches System-Bashing bei vielen nicht eher eine Abwehrreaktion aus, sodass sie gerade darum ernst zu nehmende Warnungen in den Wind schlagen?

Trifft die Erkrankungsspitze demnächst ein — bei einer angenommenen Inkubationszeit von 14 Tagen wäre das möglich —, muss man gewappnet sein, Energien fokussieren. Für Debatten übers Prinzipielle und übers Verpasste ist später Zeit. Die Diskussion darüber, wie gut die Schweiz wirklich vorbereitet war, kann erst im Nachgang interessieren. Im Moment ist eine vollmundige und pauschale Schweiz-Kritik kontraproduktiv und schiesst am Ziel vorbei. Jetzt kommt es darauf an, möglichst effektiv zu handeln. Das heisst: den Shutdown allen dicht ans Herz zu legen statt ins Ohr zu brüllen und so die Zahl der Neuansteckungen zu drücken. Bleibt daheim und bleibt gesund!

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