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Hanswalter Graf aus ThunEr macht bodenständige Kunst

Die Kunst von Hanswalter Graf entsteht durch Zusammenarbeit – am liebsten lokale. Gerade wurde sein Projekt «HF» im Wohnheim Felsenau eingeweiht.

Der Thuner Hanswalter Graf verändert mit seiner Kunst den öffentlichen Raum.
Der Thuner Hanswalter Graf verändert mit seiner Kunst den öffentlichen Raum.
Bild: Angela Krenger

«Kunst ist eine Lebenshaltung», sagt der Thuner Hanswalter Graf über seine Leidenschaft. Seine künstlerische Herangehensweise basiert auf Zusammenarbeit. Das gilt auch für sein soeben abgeschlossenen Projekt «HF» im Haus Felsenau in Bern. Ein Kunstwerk aus 31 Rondellen erzählt, wer dort wohnt und arbeitet. Die Bewohnerinnen und Mitarbeiter haben es gemeinsam mit dem Künstler erstellt.

Die meisten der bis zu 36 Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnheims an der hinteren Schlaufe des Spinnereiwegs leiden unter einer Suchterkrankung. Sie waren in der Regel zuvor in einer anderen Institution untergebracht oder obdachlos.

«Das Haus Felsenau ist für Personen, die für sich oder ihre Wohnung nicht alleine sorgen können», erklärt Heimleiterin Fabienne Gerber. Morgens arbeiten sie in verschiedenen internen Programmen, danach essen sie zusammen, und über den Nachmittag können sie frei verfügen. Mit einer Auslastung von 90 Prozent ist das Haus ein wichtiges soziales Auffangnetz in Bern.

So sehen die Rondellen im Hof des Haus Felsenau in Bern aus.
So sehen die Rondellen im Hof des Haus Felsenau in Bern aus.
Foto: Angela Krenger

Das eigene Leben diente als Anregung

Hanswalter Graf erhielt 2018 den Auftrag, ein Kunstprojekt für das neu ausgebaute Gebäude zu planen. So kam es, dass die Bewohner und Mitarbeiterinnen im Sommer 2019 vor eine einfache und zugleich schwierige Aufgabe gestellt wurden. Sie sollten mit einem A4-Blatt einen Gegenstand aus ihrem Leben gestalten.

Er habe aus dem Blatt ein Haus mit Dach und Fundament gemacht, erzählt ein Bewohner, der früher als Maurer tätig war. Die Heimleiterin Fabienne Gerber faltete einen Stier. Insgesamt sechs Teammitglieder und 25 Bewohnerinnen und Bewohner bearbeiteten ein Papier, schrieben einen Schriftzug für «HF» und gaben eine Lieblingsfarbe an. Graf fügte die Erzeugnisse zu den magnetischen Rondellen zusammen, die im Moment im Hof integriert sind.

Auf den Tafeln notierte Hanswalter Graf unter dem Bild des Papiers den Vornamen der Künstler und gab an, wie diese ihr Faltblatt benannt und beschrieben hatten. «Jedes Jahr verlängere ich mein Fischerpatent, gehe aber seit Jahren nie mehr angeln. Das sollte ich jetzt eigentlich wieder einmal tun», liest man zum Beispiel auf einem rot-violetten Rondell mit einem Fisch und dem Titel «Umsetzung».

Auf einer blauen Tafel mit dem Titel «Lösung» schreibt Bewohner Dominik: «Das Falten eines Blattes ist eigentlich eine Raumfaltung. An den Enden des Papiers treffen sich die Zeiten. Das könnte eine Lösung sein.»

Ein Tierpark aus alten Schulsachen

Kunst im öffentlichen Raum ist für Hanswalter Graf zentral. Wie er dabei vorgeht, lässt sich besonders gut am aktuellen Projekt «Tierpark Hofer» für das Schulmuseum Bern in Köniz beschreiben. Erst besuchte er Schulklassen und verwandelte mit den Schülern alte Schulgegenstände zu Tieren. Während des Lockdown spannte er dann Persönlichkeiten aus der Region ein, um ein digitales Zuhause für die Tiere zu bauen.

Der Violinist Lorenz Hasler von I Salonisti zum Beispiel ist gerade dabei, aus dem «Brombären» (eine alte Schulorgel) einen Balken für das Vivarium zu erstellen. Aus dem imaginären Zuhause werde schliesslich ein reales Zelt entstehen, in dem das Museum seinen Tierpark auf Reisen schicken könne, sagt Graf.

Der Weg von 26 alten Schulgegenständen zu einem mobilen Ausstellungszelt ist lang und wäre ohne straffe Organisation wohl undenkbar. Er plane seine Schulbesuche sehr genau und halte sie kurz, erklärt der Künstler. Das setze eine genaue Vision voraus.

Er arbeitet gerne in der Region

Eigene Vorstellungen davon, wie die Dinge aussehen sollten, hatte der heute 59-Jährige bereits als Jugendlicher. Seine Eltern hätten allerdings diese Eigenschaft, die Umwelt gemäss seinen eigenen Ideen zu gestalten, nicht wirklich positiv bewertet. Graf wuchs als eines von drei Kindern in Thun auf. Der Vater war Beamter bei der damaligen PTT und seine Mutter erst Operationsschwester, danach Hausfrau.

Als Künstler begann Hanswalter mit grossen Installationen, verfeinerte dann sein Handwerk und absolvierte 1988 bis 1994 ein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Nach dem Studium entwickelte sich seine künstlerische Tätigkeit immer mehr hin zur kollaborativen Arbeit.

An den intensiven Gemeinschaftsprojekten schätze er besonders den Kontakt mit den Menschen. Er arbeite am liebsten lokal, um vom persönlichen Austausch zu profitieren. Obschon er auch viele Vorhaben im Ausland
realisiert habe, sei ihm schon vor Corona klar gewesen, dass er für gute Ideen nicht ins Flugzeug steigen müsse, sagt Hanswalter Graf.