Er hatte Millionen von Kindern geholfen und wusste es nicht mehr

Beat Richner war ein grosser humanitärer Botschafter. Nun ist der Kinderarzt gestorben.

Beat Richner ist einer schweren Krankheit erlegen. (Video: Keystone/SRF/Tamedia)

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Dieser Artikel erschien erstmals am 26. November 2017. Zum Tod von Beat Richner wird er erneut publiziert.

«Der junge Mann auf der Bühne hatte im Saal des Kunsthauses ein ihm offenbar verpflichtetes, äusserst dankbares Publikum. Denn was da, von einer gewiss nicht unsympathischen Frechheit abgesehen, das Auftreten in einem solchen Rahmen hätte rechtfertigen können, blieb fast ganz aus. Beat Richner ist ein vielleicht nicht ganz unbegabter Dilettant, der nun, wenn möglich unter Anleitung eines erfahrenen Regisseurs, an sich arbeiten müsste, um es auf diesem Gebiet wirklich zu etwas zu bringen. Heute darf er sich von den unkritischen Reaktionen seines Publikums nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass er als Texter und Darsteller erst eine allerunterste Stufe erklommen hat, auf der man eigentlich noch gar nicht ausruhen, geschweige denn schon an die Öffentlichkeit treten darf; es reicht allenfalls für einen improvisierten Plausch in der Studentenbude.»

Es ist nicht überliefert, ob und wie der 19-jährige Beat Richner im Januar 1967 auf diesen veritablen Verriss in einer Abendausgabe der NZZ reagierte – zumal es das Weltblatt unterliess, darzutun, worum es im Programm unter dem Titel «Träumerei eines Nachtwächters» überhaupt ging. Immerhin kann der Zeitung zugutegehalten werden, dass sie den 33 gnadenlosen Zeilen ihres Autors offenbar selber nicht ganz traute. Denn der Titel des Textes lautete: «Vor der Geburt eines Talents». Vier Jahre nach diesem Verriss lobte die gleiche Zeitung Richners «Art, wie er sein Cello handhabt, ihm fast menschliche Töne entlockt, mit Musik kleine, köstliche Geschichten zu erzählen weiss», als «schlechthin virtuos».

Rückblickend betrachtet war der Titel des 1967er-Artikels geradezu prophetisch. Dass Richner mit einer «nicht unsympathischen Frechheit» ebenso gesegnet ist wie mit dem Mut, bereits zur Unzeit mit seinen Anliegen an die Öffentlichkeit zu treten, sollte sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder von neuem bestätigen. Und die Fähigkeit, «sein Publikum zu unterhalten und ein bisschen glücklich zu machen», sollte es ihm viele Jahre später ermöglichen, seinem Lebenswerk mit Spendensammeln jenen finanziellen Rückhalt zu geben, der Jahr für Jahr das Überleben seiner Spitäler sicherte.

Bilder: Richner-Spital in Phnom Penh hat Angst vor der Zukunft

Richners Interesse und Engagement für die medizinischen Probleme in der Dritten Welt erwachten nicht erst 1974, als er als junger Arzt eine Mission des Schweizerischen Roten Kreuzes in Kambodscha leitete und ein erstes Mal im Kinderspital Kantha Bopha arbeitete. Schon als 21-jähriger «cand. med.» hatte er fast eine halbe Zeitungsseite gefüllt, um die Werbetrommel zu rühren für das studentische Projekt «Force humanitaire». Der Beitrag zeigt das Kernanliegen Richners: Hilfe, vor allem medizinische Hilfe, für Notleidende. «Dies nicht nur in von Krieg oder Katastrophen heimgesuchten Gebieten oder bei Epidemien, sondern auch bei allgemeinem Mangel an medizinischer Betreuung.» Schon damals schlug Richner vor, Mediziner und Pflegepersonal von Universitätskliniken für sechs bis acht Monate in solchen «Forces humanitaires» in der Dritten Welt einzusetzen.

Möbel noch immer eingestellt

Es ist bekannt, dass Richner Kambodscha 1975 fluchtartig verlassen musste, nachdem die Roten Khmer die Herrschaft übernommen hatten, die in den folgenden Jahren etwa zwei Millionen Menschen töteten. Die Elite des Landes, darunter die meisten Ärzte von Kantha Bopha, wurde in Lager und Foltergefängnisse eingesperrt und umgebracht. Ebenso bekannt ist, dass Richner nach dem Pariser Friedensabkommen 1991 vom kambodschanischen König gebeten wurde, seine Arbeit in Kantha Bopha fortzusetzen, das Spital wieder aufzubauen.

Richner erinnerte sich Anfang 1992 wohl an das Konzept «Force humanitaire», übernahm die Grundidee, wollte eine «auf fünf Jahre befristete Partnerschaft» mit Kambodscha und hätte gerne gesehen, dass die Schweiz «als Träger dieser Partnerschaft die Finanzierung übernehmen würde». Weil Letzteres nicht zustande kam, machte er sich selber ans Geldsammeln. Er schloss seine 1979 eröffnete Kinderarztpraxis. Da der Einsatz in Kambodscha nicht allzu lange dauern sollte, stellte er seine Möbel ein, gründete eine Stiftung und weibelte für seine Idee. Die Möbel sind heute noch eingelagert.

«Beat Richners Erinnerung an Kambodscha ist erloschen.» Stiftungsratspräsident René Schwarzenbach

Seine Freunde organisierten eine Benefizveranstaltung im Palais X-Tra. Kaum drei Wochen später waren die «Schweizer Illustrierte» und der Circus Knie mit an Bord. Am ersten Gala-Abend verlangten sie 250 Franken Eintritt pro Platz – «genau so viel wie der Tageslohn aller 70 Arbeiter zusammen, die für Beat Richner am Werk sind». Im September waren bereits 2,7 Millionen Franken zusammengekommen, und bald erschienen die ersten Todesanzeigen, in denen darum gebeten wurde, Beat Richner zu unterstützen.

«Der beste Botschafter für die humanitäre Schweiz»

Es ist ein gewaltiges Werk, das Beat Richner geschaffen hat. Und es ist kein Zufall, dass die Plätze des Zürcher Grossmünsters nicht ausreichten, um all jene Menschen aufzunehmen, die am Samstag mit der Stiftung das 25-jährige Bestehen der Kinderspitäler feiern wollten. Man könne «ohne Übertreibung sagen, dass Beat Richner seit der Gründung des Roten Kreuzes durch Henri Dunant der beste Botschafter für die humanitäre Schweiz ist», sagte Stiftungsratspräsident René Schwarzenbach am Samstag.

In 25 Jahren seien 15,4 Millionen Kinder ambulant und 1,7 Millionen schwer kranke Kinder stationär behandelt worden. 80 Prozent dieser schwer kranken Kinder hätten ohne Kantha Bopha keine Überlebenschance gehabt. Schwarzenbach hob hervor, dass die fünf Kantha-Bopha-Spitäler, die kostenlos rund 85 Prozent aller kranken Kinder in Kambodscha behandeln, ein «Modell für eine korrekte, korruptionsfreie medizinische Hilfe vor Ort in der Dritten Welt» seien.

Die Spitäler seien «von eminenter Bedeutung für das Gesundheitssystem in Kambodscha und systemrelevant, ‹too big to fail›». Dies habe sich auch letzte Woche gezeigt, als das 25-jährige Bestehen vor Ort in Phnom Penh in Anwesenheit des Königs, seiner Frau und der Mutter Königin gefeiert wurde.

«Was machst du dort?»

Peter Studer, der Beat Richner seit Beginn unterstützte, rund 80-mal in Kambodscha weilte und alle Spitäler, Mitarbeitenden und nötigen Beamten kennt, hat die Leitung der Spitäler übernommen. Er informierte, dass die Spitäler medizinisch und technisch autonom seien und normal arbeiteten, auch wenn Beat Richner nicht mehr vor Ort sein könne. Die Aus- und Weiterbildung der kambodschanischen Ärzte wird weiterhin durch Fachleute des Zürcher Kinderspitals und durch weitere Spezialisten aus dem In- und Ausland gewährleistet.

An der Feier zum 25-jährigen Bestehen seines Lebenswerks konnte Richner nicht teilnehmen. Er leidet an einer seltenen und unheilbaren Gehirnerkrankung mit zunehmendem Funktions- und Gedächtnisverlust. «Ein tragisches und trauriges Schicksal für diesen ausserordentlichen Menschen», sagt Stiftungsratspräsident René Schwarzenbach. «Seine Erinnerung an Kambodscha ist erloschen.» Wenn ihn sein langjähriger Freund und Nachfolger Peter Studer besucht und ihm sagt, er reise nach Kambodscha, fragt ihn Richner: «Was machst du dort?»


Kantha Bopha: «Sind weiter auf Spenden angewiesen»

Langfristig soll Kambodscha die finanzielle Verantwortung für die Kinderspitäler und das 42-Millionen-Budget tragen.

Mit 30'000 Franken im Sack soll Beat Richner Anfang 1992 ins Abenteuer Kantha Bopha aufgebrochen sein. Bereits wenige Monate später verpflichtete sich eine neu ins Leben gerufene Stiftung, deren Präsident er war, für die Kosten der baulichen Renovation der (ersten) Kinderklinik Kantha Bopha aufzukommen, aber auch für die Ausrüstung und während fünf Jahren für die medizinische Versorgung und die Personalkosten. Jährlicher Finanzbedarf: geschätzte 3 Millionen Franken.

Fünf Kinderspitäler mit 2300 Betten und 2400 kambodschanischen Mitarbeitenden hat Richner in 25 Jahren aufgebaut. Jährlicher Finanzbedarf: 42 Millionen Franken – zum grössten Teil gedeckt durch Spenden, die Richner unermüdlich sammelte. «Was er geleistet hat, übersteigt unsere Vorstellungskraft», sagt René Schwarzenbach, Präsident des Stiftungsrats der Stiftung Kinderspital Kantha Bopha.

Regierung verdoppelte Beitrag

Schwarzenbach sagt: «Beat ist als Fund­raiser unersetzbar.» Das wusste auch «Beatocello» Richner. Er machte der Regierung in Kambodscha schon vor Jahren klar, dass er nicht ewig Cello spielen und Geld sammeln könne. Um Lösungen für die langfristige Finanzierung zu finden, wurde vor zwei Jahren eine Arbeitsgruppe des kambodschanischen Finanz- und Gesundheitsministeriums gebildet und Richner zum Berater des Gesundheitsministeriums ernannt. Das gegenwärtige Budget für alle Kinderspitäler in Phnom Penh und Siem Reap beträgt 42 Millionen Schweizer Franken. Vom längerfristigen Ziel – Übernahme der finanziellen Verantwortung durch Kambodscha – ist die Arbeitsgruppe noch weit entfernt. Aber die Beiträge, die aus Kambodscha an die Stiftung fliessen, sind in den letzten Jahren markant gestiegen.

Die Regierung Kambodschas erhöhte ihren Jahresbeitrag von 3 auf 6 Millionen US-Dollar. Seit Februar dieses Jahres fliessen von jedem für die berühmte Tempelanlage von Angkor Wat verkauften Ticket 2 US-Dollar an die Stiftung, was weitere 4 bis 5 Millionen US-Dollar einbringt. Eine Million stammt vom Roten Kreuz in Kambodscha.

Privatspenden aus dem Land

Bemerkenswert ist, dass aus Kambodscha selber, einem nach wie vor armen Land, Spenden in Höhe von inzwischen 4 Millionen US-Dollar eingehen. Da die Kantha-Bopha-Spitäler rund 85 Prozent aller kranken Kinder des Landes behandeln, sind diese Spenden zweifellos ein Zeichen der Dankbarkeit. Laut der Ehefrau des Königs werden die Spitäler denn auch «Angel Hospitals» oder «Swiss Hospitals» genannt.

Apropos Schweiz: Die offizielle Schweiz ist mit einem jährlichen Beitrag von 4 Millionen Franken engagiert. Mehr ist nicht zu erwarten. Angesichts der bürgerlichen Mehrheit im Parlament und ihren Sparzielen muss man bereits froh sein, wenn der Beitrag nicht gekürzt wird. «Der Stiftungsrat ist überzeugt, dass eine Lösung zur langfristigen Finanzierung gefunden wird und die Beiträge von Kambodscha weiter erhöht werden», sagt Stiftungsratspräsident René Schwarzenbach. «Wir sind aber weiterhin auf Spenden aus der Schweiz angewiesen und hoffen, weiterhin auf die Treue der vielen Spenderinnen und Spender zählen zu dürfen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 12:50 Uhr

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