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Kopf des TagesEr hat Novartis verklagt und damit 109 Millionen verdient

Oswald Bilotta hat aufgedeckt, dass der Basler Pharmariese Ärzte schmierte, damit diese Novartis-Medikamente verschreiben. Was bewegt den Whistleblower, der sich «Ozzie» nennt?

Es habe ein Erdbeben gebraucht, um die Pharmaindustrie aufzurütteln, sagt Oswald Bilotta.
Es habe ein Erdbeben gebraucht, um die Pharmaindustrie aufzurütteln, sagt Oswald Bilotta.
Foto: NBC

109 Millionen US-Dollar. So viel Geld bezahlt der amerikanische Staat Oswald Bilotta, weil dieser seinen ehemaligen Arbeitgeber Novartis auffliegen liess. Im exklusiven Interview mit NBC trägt der 57-Jährige ein Baseballcap und sagt: «Es war ein langer Weg und sehr anstrengend.» Er habe Morddrohungen erhalten und wurde im Internet verspottet.

Vor fast zwanzig Jahren startete Oswald Bilotta bei Novartis. Am östlichen Ende von Long Island in New York verkaufte er Medikamente: Es war sein Traumberuf. «Ozzie» hatte sich gegen viele Mitbewerber durchgesetzt und dachte, er könne nun Gutes für die Gesellschaft tun. Doch schnell änderte sich seine Gemütslage. Ein Arzt zeigte ihm eine Liste mit zehn Patientennamen. Sobald alle mit den Medikamenten von Novartis behandelt seien, bekomme er einen Geschenkgutschein für ein Restaurant.

Während Jahren hatte Novartis gemäss dem Urteil Hunderte Millionen Bestechungsgelder an Ärzte verteilt, damit diese ihre Medikamente verschreiben.
Während Jahren hatte Novartis gemäss dem Urteil Hunderte Millionen Bestechungsgelder an Ärzte verteilt, damit diese ihre Medikamente verschreiben.
Foto: Urs Jaudas

Da wurde der Sohn von Einwanderern aus Süditalien stutzig. Denn die Ethik-Richtlinien von Novartis verbieten Zahlungen oder Anreize für die Verschreibung von Medikamenten. Bilotta konfrontierte seinen Vorgesetzten, doch dieser liess ihn abblitzen. Während der Finanzkrise erwog «Ozzie», Novartis zu verlassen, doch er fand keinen anderen Job.

Also blieb er und begann, bei Gesprächen mit Ärzten, die sich bestechen liessen, ein Abhörgerät zu tragen. 2011 reichte Bilotta beim Bundesgericht in New York City eine Zivilklage gegen den Pharmakonzern ein. Einen ganzen Reigen von Bestechungs-Beweisen legte er vor: üppige Abendessen im Charlie Palmer Steak in Washington, eine Reise in einen Strip-Club in Manhattan, Caterings für Bar-Mizwas von Ärztekindern.

«Wenn du überzeugt bist, dass etwas falsch ist, musst du deinen Instinkten trauen.»

Oswald Bilotta

Was dann folgte, ist ein Rechtsstreit, der erst diesen Juli endete. Nachdem die US-Justiz 350 Zeugen verhört hatte, einigte sie sich mit Novartis aussergerichtlich. 678 Millionen Dollar muss der Basler Pharmakonzern bezahlen. Während Jahren hatte Novartis gemäss dem Urteil Hunderte Millionen Bestechungsgelder an Ärzte verteilt, damit diese ihre Blutdrucksenker und Antidepressiva verschreiben.

Laut dem Gericht führten die Schmiergelder zu übermässigem Gebrauch von Medikamenten und zu höheren Gesundheitskosten. Novartis-Konzernchef Vas Narasimhan sagte, seine Firma wolle einen Schlussstrich unter eine alte Epoche ziehen. Novartis sei heute ein anderes Unternehmen mit einer stärkeren Kultur und einer umfassenden Verpflichtung zur Ethik. Der Konzern versuche, das verlorene Vertrauen wiederzugewinnen.

Konzernchef Vas Narasimhan sagt, Novartis sei heute ein anderes Unternehmen.
Konzernchef Vas Narasimhan sagt, Novartis sei heute ein anderes Unternehmen.
Foto: Keystone

Das amerikanischen Recht weist Whistleblowern 15 bis 30 Prozent der Busse zu, welche die Firmen bezahlen müssen. Die 109 Millionen Dollar, die Oswald Bilotta erhält, ist eine der höchsten Summen, die je ausbezahlt wurden. Etwas weniger Geld erhielt Bradley Birkenfeld, der gegen die UBS vorging. «Ich fühlte in meinem Herzen, dass dieses System enden muss», sagt Oswald Bilotta. Es habe ein Erdbeben gebraucht, um die Pharmaindustrie aufzurütteln.

Whistleblower «Ozzie» fordert im Interview mit NBC auch andere dazu auf, gegen den eigenen Arbeitgeber vorzugehen. «Wenn du überzeugt bist, dass etwas falsch ist, musst du deinen Instinkten trauen», sagt er. Doch er habe sich einer enormen Prüfung unterziehen müssen. So etwas nur aus finanziellen Gründen zu tun, sei ein Fehler.