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Timeout mit Oliver HegiEr fliegt zum nächsten Kapitel

Der erfolgreiche Kunstturner hat zwei Jahrzehnte lang gelernt, die Grenzen der Physik auszuloten. Jetzt will er sie studieren.

Flugkurve ums Reck: Oliver Hegi weiss dank seines Interesses an der Physik, was an den Geräten möglich ist.
Flugkurve ums Reck: Oliver Hegi weiss dank seines Interesses an der Physik, was an den Geräten möglich ist.
Foto: Keystone

Für gewöhnlich wird Kunstturnern gesagt, was zu tun ist. Der Ton in der Halle ist rau und die Komfortzone woanders. Der Trainer bestimmt, der Turner führt aus.

Bei Oliver Hegi ist das etwas anders. Denn Oliver Hegi ist anders. Der Reck-Europameister von 2018 trainiert am liebsten für sich allein, der Trainer darf gerne seinen Input geben und Ratschläge erteilen, «und ich bin offen für diese Kritik», sagte er einmal. «Aber am Ende muss ich derjenige sein, der die Entscheide fällt.» Seit er so verfahre (und seit ihm Nationaltrainer Bernhard Fluck diese Freiheit gewährt), trainiere er gezielter und erlebe kaum noch Rückschläge. Der 27-jährige Aargauer ist der beständigste aller Schweizer Turner.

Nun zündet Hegi die nächste Stufe: Auf eigenen Wunsch hat er vor zwei Wochen das nationale Trainingszentrum in Magglingen verlassen und trainiert seither im Regionalen Leistungszentrum (RLZ) im aargauischen Niederlenz, da, wo er seinerzeit die Grundlagen erlernt hatte, zum Spitzenturner zu werden. Er wird unterstützt von RLZ-Cheftrainer Nikolaj Maslennikow, aber nur bei Bedarf. «Meist ziehe ich mein Programm individuell durch, fast ohne Trainer», berichtet er. Wegen der Corona-Hygienemassnahmen ist er trotzdem in eine Trainingsgruppe mit jüngeren Kollegen integriert.

Teil des Nationalkaders bleibt Hegi weiterhin, und sein Ziel sind unverändert die Olympischen Spiele in Tokio: Stehen wichtige Wettkämpfe an wie kommenden Frühling die Heim-EM in Basel, wird er auch künftig wochenweise in Magglingen trainieren. Dass er zurück in den Heimatkanton gewechselt hat, ist auch weniger einer schwindenden Motivation geschuldet, sondern dem Physikstudium, das er im Spätsommer an der ETH in Zürich beginnen wird. Studium, Trainingsprogramm und dazu die Pendelei von Biel nach Zürich – es erschien Hegi unmöglich.

Dass die Physik zu seinem Leben nach dem Kunstturnen werden könnte, habe sich in den letzten zwei, drei Jahren gezeigt, erzählt Hegi. Und es ist ein logischer Schritt für jemanden wie ihn, der die Grenzen der Physik nun seit zwei Jahrzehnten auszuloten oder herauszufordern versucht. «Ich habe bei der Zusammenstellung meiner Übungen ein Gefühl dafür entwickelt, was die Physik hergibt», sagt er. Er würde später gerne in die Forschung und dazu beitragen, «neue Erkenntnisse zu gewinnen».

Wie weit das Kunstturnen und das Ziel Tokio in diesen Plänen noch Platz hat, wird sich zeigen. «Ich hatte in den letzten Wochen genug Zeit, mich zu fragen, ob das Sinn ergibt», sagt er selbst. «Im Moment tut es das», ist seine Antwort. Seine Antwort für den Augenblick.