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Berner SpitzenschwimmerEntspannt im turbulenten Jahr

Nach mehrwöchiger Corona-Pause kann Thierry Bollin seit Montag wieder im gewohnten Rahmen trainieren. Der 20-Jährige trauert zwar den verschobenen Olympischen Spielen nach – gewinnt der Krise aber auch etwas Gutes ab.

Thierry Bollin hat sein Ziel während der Corona-Pause nicht aus den Augen verloren.
Thierry Bollin hat sein Ziel während der Corona-Pause nicht aus den Augen verloren.
Foto: Susanne Keller

Auf diesen Moment hat Thierry Bollin sehnlichst gewartet. Ab Mitte März sind sämtliche Trainings und Wettkämpfe – um beim Thema zu bleibenins Wasser gefallen, Hallen- und Freibäder blieben geschlossen. Seit Montag kann der Berner aber wieder im gewohnten Rahmen trainieren. Bollin habe sich sehr auf den Moment gefreut, er spricht von einem «positiven Erlebnis» in dieser schwierigen Zeit. Das erste Training sei speziell gewesen, aber er habe den Tritt rasch wieder gefunden; aktuell trainiert Bollin im Hallenbad Hirschengraben und im Weyermannshaus, sechsmal pro Woche.

Die Zeit während der Corona-Pause hat der Spitzenschwimmer hauptsächlich zu Hause mit Entspannen, vor der Spielkonsole und mit Trainings verbracht. Im Fokus standen dabei Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit. Ganz ohne Wasser konnte er dann aber doch nicht, so hat es ihn in den Brienzersee gezogendessen Temperatur zu diesem Zeitpunkt einstellig war. Folglich hätte es wenig mit Schwimmen zu tun gehabt, sagt Bollin und lacht. Mehr als ein kurzer Schwumm lag nicht drin, zu kalt sei es gewesen, geniessen konnte er es nicht. Was der 20-Jährige hingegen genoss, war die Pause; mal runterfahren vom Alltagsstress, vom Hin und Her, den vielen Wettkämpfen.

Die prominente Freundin

In der Zwischenzeit hat Bollin seinen Abschluss in der Sporthandelsschule gemacht – Corona-bedingt prüfungsfrei. Sein Praktikum beim Schwimmverband ging damit zu Ende, im Moment setzt er auf seine Karriere als Spitzensportlerdie er im Ausland fortsetzen will. Seit 2013 wohnt er in Wabern, nun sei es Zeit geworden, etwas Neues zu entdecken. Im Sommer will Bollin nach Berlin ziehenda er seine Ausbildung abgeschlossen habe und hier keinen Verpflichtungen mehr nachgehen müsse, sei es der perfekte Zeitpunkt, ist der schweizerisch-deutsche Doppelbürger überzeugt.

Seine Wurzeln sind aber nicht das Einzige, das ihn mit dem Nachbarland verbindet. Da ist ebenfalls seine Freundin, Yusra Mardini, eine in Deutschland lebende syrische Schwimmsportlerin. Sie floh während der Flüchtlingskrise in Europa 2015 aus Syrien und nahm für das Team Refugee Olympic Athletes an den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio teil, was weltweit für Aufsehen sorgte. Die 22-Jährige erhielt unter anderem einen Bambi in der Kategorie «Stille Helden», sie hat schon Persönlichkeiten wie etwa Papst Franziskus oder Barack Obama getroffen, auf Instagram folgen ihr über 100’000 Personen. Und seit 2018 ist sie also mit Bollin zusammen.

Das Wiedersehen naht

Die beiden führen eine Fernbeziehung, Mardini wohnt im norddeutschen Hamburg, rund 750 Kilometer Luftlinie trennen sie voneinander. «Jede Fernbeziehung bringt Schwierigkeiten mit sich», sagt Bollin. Wenn, dann sehe man sich nur an Wochenenden oder während Ferien. Aber er ist glücklichund das sei ja die Hauptsache. Bollin hat sich für Berlin und gegen Hamburg entschieden, weil er dort bereits eine geeignete Trainingsgruppe gefunden hat. Aber auch so ist er zuversichtlich, seine Partnerin öfter sehen zu können, als es jetzt der Fall ist.

Aufgrund der Grenzschliessung zwischen Deutschland und der Schweiz haben sich die beiden seit über zwei Monaten nicht mehr in die Arme nehmen können. Da Personen, die in einer grenzüberschreitenden Beziehung leben, ihre Partnerin oder ihren Partner seit Mitternacht wieder besuchen können, dürfte es jedoch bald zum Wiedersehen kommen.

Sich so lange nicht zu sehen, sei aber ohnehin nicht ungewöhnlich. Wie Bollin selber sagt, war die Tatsache, dass er zum ersten Mal seit über zehn Jahren nicht mehr im Wasser trainieren konnte, gewöhnungsbedürftiger, als dass er seine Freundin so lange nicht treffen würde.

Der Traum

Mit der Teilnahme in Rio 2016 hat Yusra Mardini etwas geschafft, was Bollin noch fehlt. 2020 wollte er in Tokio an den Start, doch die Spiele wurden bekanntlich auf nächsten Sommer verschoben. Dies sei ein herber Rückschlag gewesen, erzählt Bollin. Er habe sich gefreut und war vor allem gut in Form. Noch im November pulverisierte er über 100 Meter Rücken den Schweizer Rekord von Flori Lang aus dem Jahre 2011 mit einer Zeit von 50,95 Sekunden gleich um 1,24 Sekunden.

Trotz der Enttäuschung stellt sich die Verschiebung für den Berner Spitzenschwimmer aber vielleicht sogar als Chance heraus. Bis zum nächsten Sommer kann er weiter an sich arbeiten, sich entwickeln und noch bessere Zeiten schwimmen. Sein Ziel für 2021 ist klar: «Ich will die Qualifikation schaffen und dann an den Olympischen Spielen zeigen, was ich kann.» Auf diesen Moment wartet Thierry Bollin schon sein ganzes Leben lang – und es scheint, als ob ihn auch das Coronavirus auf dem Weg dahin nicht aufhalten kann.