Endloser Zyklus der Gewalt

In Mosul kündigt sich erneut ein dunkles Kapitel an.

Seit einer Woche probe ich in Mosul, der ehemaligen irakischen Hauptstadt des Islamischen Staats, mit einem gemischten Ensemble aus irakischen und europäischen Schauspielern. Wir arbeiten an der «Orestie», der ältesten Tragödientrilogie Europas, einem Stück über den endlosen Zyklus der Gewalt. Mosul wurde bei der Rückeroberung durch die amerikanischen Truppen komplett zerstört.

Unsere Schauspielerinnen und Schauspieler haben alle mindestens ein Familienmitglied verloren in den letzten 15 Jahren. Denn die Tragödie Mosuls begann nicht mit der Machtergreifung durch den Islamischen Staat 2014. Nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 herrschten verschiedene Milizen, direkt vor dem Islamischen Staat etwa die al-Qaida. Und meist konkurrierten verschiedene Gruppen um die Herrschaft.

Der Mann der Schauspielerin etwa, die in unserer «Orestie» Athena spielt, die Göttin der Gerechtigkeit, wurde von einer Miliz exekutiert, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte. Die beste Freundin unserer Iphigenie – eine Figur, die gleich zu Beginn des Stücks von ihrem ­Vater ermordet wird – wurde vom IS entführt und zwangsverheiratet. Andere verloren ihre Mütter, ihre Brüder, ihre Kinder. «Jeder könnte hier einen ganzen Film erzählen», sagte mir Suleik, der in der einzigen modernen Band Mosuls spielt. Am ersten Probentag geben sie in der Universität ein öffentliches Konzert: das erste seit 2003.

Zorn ergreift die Stadt

Momentan ist die Stadt fest in der Hand der irakischen Armee und der Shiah-Milizen. Als wir in Mosul eintreffen, besuchen wir zuerst den Stadtkommandanten. Er residiert in einer der drei von Hussein gebauten Villen, einem Schloss in neoassyrischem Stil. Der ehemalige Offizier der Präsidentengarde gibt sich keinen Illusionen hin: Der Krieg wird nie zu Ende sein – jedenfalls nicht, solange es in Mosul Öl gibt. «Ich träume von dem Tag, an dem es hier keinen Tropfen mehr davon geben wird», sagt er.

Und tatsächlich scheint die Gewalt in Mosul nicht enden zu wollen. Kurz bevor wir ankommen, explodiert in der Strasse unseres Probenlokals eine Autobombe; acht Menschen sterben. Zwei weitere Anschläge folgen. Und am dritten Probentag schliesslich, am ersten Frühlingstag, der in Mosul als Neujahrstag gefeiert wird, geschieht das Schrecklichste: Eine Fähre, die vor unserem Hotel Menschen auf eine Vergnügungsinsel im Tigris bringt, sinkt und reisst 100 Menschen in den Tod.

Die Opfer sind vor allem Kinder, die nicht schwimmen können, und ihre Mütter, die es nicht lernen dürfen. Nach einer Schockstarre, die einen Tag andauert, ergreift Zorn die Stadt. Da kurz vor dem Unglück ein Damm geöffnet wurde, wird der irakischen Regierung die Schuld am Unglück gegeben. Auf Demonstrationen macht der Slogan die Runde: «Wir werden unsere Märtyrer mit unserem Blut rächen.» Ein weiteres Kapitel im Zyklus der ­Gewalt kündigt sich an.

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