Zum Hauptinhalt springen

Gefangen wegen CoronaEndlich raus aus den vier Wänden

Die Rollstuhlsportler sind mit dem Lockdown abrupt aus ihrem Trainingsbetrieb gerissen worden. Jetzt kehrt etwas Normalität zurück.

In Nottwil kann Manuela Schär fortan wieder ihre Runden drehen. Die Marathon-Seriensiegerin freut sich nach Ausflügen mit dem Hund in den Wald wieder auf «Tempofahrten im Rennrollstuhl».
In Nottwil kann Manuela Schär fortan wieder ihre Runden drehen. Die Marathon-Seriensiegerin freut sich nach Ausflügen mit dem Hund in den Wald wieder auf «Tempofahrten im Rennrollstuhl».
Foto: Urs Flüeler/Keystone

Nun ist wieder möglich, was zuvor Selbstverständlichkeit war. Die Rollstuhlsportler Marcel Hug, Manuela Schär, Heinz Frei und viele andere können wieder auf der Rundbahn beim Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil trainieren. Seit dem Lockdown am 16. März war die Anlage geschlossen.

Nicht nur das Training lässt sich jetzt wieder effektiver gestalten, auch das Gesellige und Zwischenmenschliche kehrt zurück. Ganz gewöhnlich läuft der Betrieb auf der Anlage aber keineswegs ab. «Wir folgen dem von Swiss Olympic genehmigten Schutzkonzept», sagt Trainer Paul Odermatt. Die gängigen Regeln sind Pflicht: Es wird allein oder in Kleingruppen mit dem Coach trainiert. Duschen, umziehen, verweilen – all das ist nicht möglich. Die Aktivitäten folgen einem klar vorgegebenen Plan.

Dennoch spricht Odermatt von «einem wichtigen Schritt» und sagt: «Allein zu Hause im Keller oder wo auch immer zu trainieren, tagaus, tagein, das hängt an.»

«Auf mich gestellt, fühle ich mich dort nicht wohl.»

Manuela Schär, Athletin

Manuela Schär, die Marathon-Seriensiegerin, pflichtet bei: «Die Rückkehr auf die Bahn ist ein grosser Schritt in Richtung Normalität.» Der Alltag in den letzten beiden Monaten hat sich für sie stark verändert. Nachdem sie sich sehr schnell für das Training zu Hause in ihrer Wohnung in Kriens eingerichtet und darauf eingestellt hatte, reduzierte sich ihr Radius massiv. Die Arbeit erledigte sie im Homeoffice. Neben dem Bahntraining fielen auch das Krafttraining im Studio und die Physiotherapie weg. Zudem verzichtete sie auf Einheiten auf der Strasse: «Auf mich gestellt, fühle ich mich dort nicht wohl.»

«Wir Athleten hatten uns quasi aus den Augen verloren.»

Marcel Hug, Athlet

Stattdessen improvisierte sie, wie sie es nennt. Etwa zog es sie mit ihrem Hund und dem Alltagsrollstuhl in den Wald. Die Möglichkeit, nun nach Nottwil auf die Bahn zurückzukehren, schätzt sie: «Ich freue mich enorm, im Rennrollstuhl wieder Tempofahrten hinlegen und exakte Distanzen angehen zu können, auch wenn ich das allein tun werde.»

Die Vorzüge der Rückkehr streicht Marcel Hug ebenfalls hervor. Auch er hatte seinen Trainingsalltag in die eigenen vier Wände verlegt. Im Gegensatz zu Schär zog es ihn aber auch immer wieder auf die Strasse. Trotzdem stellte er fest, wie viel er vermisste: «Das ganze Setting geriet durcheinander. Mit dem Bahntraining kehrt nun die Möglichkeit zurück zu variieren», sagt Hug. Er schätzt die zusätzliche Abwechslung ebenso wie die häufigeren Kontakte. «Wir Athleten hatten uns quasi aus den Augen verloren.»

Herausfordernd sind auch die ungewissen Perspektiven. Nicht nur die Paralympics fallen weg respektive sind auf 2021 verschoben, Wettkämpfe auf der Bahn dürften generell sehr rar bleiben in diesem Sommer.

Marcel Hug (rechts) vermisst das Training und die anderen Athleten.
Marcel Hug (rechts) vermisst das Training und die anderen Athleten.
Foto: Keystone

Und dass im Herbst die Marathons zur Austragung kommen, scheint ebenfalls eher unwahrscheinlich: Chicago, New York oder Oita und die in den Herbst verschobenen 42,195 Kilometer von London, Boston und Paris stehen auf der Kippe. Klar ist erst: Der Berlin-Marathon von Ende September ist abgesagt.

Diese getrübte Aussicht ist nicht der Grund, warum Heinz Frei den Rennrollstuhl zuletzt beiseitegestellt hat. Auch nicht Corona-bedingtes Kürzertreten nach einer langen und erfolgreichen Karriere. Vielmehr sagt Frei: «Ich konzentrierte mich voll auf das Handbike und trainierte mit diesem umfangreicher denn je auf der Strasse.» Er erfreut sich entsprechend einer hervorragenden Form. Frei sagt: «Schade, dass ich diese nicht unter Beweis stellen kann.»

Trotz der ausserordentlichen Situation spricht der Routinier, der seine zehnten Sommer-Paralympics angesteuert hat, von einem «Déjà-vu. Nicht nur für mich, sondern für uns alle.» Sie hätten durch ihre Unfälle und Handicaps schon früher Wege finden und sich im positiven Denken bewähren müssen.

Bezüglich des langsam zurückkehrenden Sportalltags sagt Frei: «Ich bin richtig hungrig, zum Beispiel auf die Kunststoffbahn in Nottwil.»