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Der Barockstar und BachEndlich! Lang Lang wagt sich an die Goldberg-Variationen

Der chinesische Pianist Lang Lang hat sich über 20 Jahre lang mit den historischen Aufnahmen beschäftigt – und nun sein eigenes Meisterwerk geschaffen.

Lang Lang performt bei den Grammys 2014. Auch seine Aufnahmen der Goldberg-Variationen haben es in sich.
Lang Lang performt bei den Grammys 2014. Auch seine Aufnahmen der Goldberg-Variationen haben es in sich.
Foto: Matt Sayles (Keystone)

Selten schaffte es ein Künstler, ein Werk so untrennbar mit seinem Namen zu verbinden, wie dies Glenn Gould mit den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gelungen ist. Gould hat diese Aria mit Variationen in den USA und darüber hinaus populär gemacht.

Nun hat sich der chinesische Pianist Lang Lang nach mehr als zwanzig Jahren intensiver Beschäftigung mit den Goldberg-Variationen dazu entschlossen, das Werk aufzunehmen. Herausgekommen ist ein erstaunliches, vielschichtig hybrides musikalisches Statement, das es so noch nicht gegeben hat.

Dazu hat er sich an verschiedene, teils inzwischen verstorbene Musiker gewandt. Darunter an Nikolaus Harnoncourt, der ihm von der beglückenden, kreativen Einsamkeit des Künstlers erzählte. Oder an den Cembalisten Andreas Staier, der ihn anhielt, die übergangslosen Lautstärkestufen und Klangfarben des Cembalos beim Spiel auf dem modernen Flügel im Hinterkopf zu behalten.

Studieren der Verzierungstradition

Lang Lang hat sich selber auf dem Cembalo versucht, aber, so sagt er im Online-Video-Gespräch, «das ist nicht mein Instrument». Als Vorbilder für seine Neueinspielung nennt er neben Glenn Gould: Murray Perahia wegen dessen Klangkreativität. Und Daniel Barenboim, der das sinfonische Denken hinzugefügt habe. Aber warum dieser Aufwand – was macht dieses Werk so schwierig?

Zunächst muss man sich überlegen, welches Instrument man wählt: historisches Cembalo oder Konzertflügel. Letzterer bietet neue Möglichkeiten, vor allem enorme Lautstärkeunterschiede, dazu ein fliessend singendes Legato, das dem kontrapunktischen Spiel mit ständig neu versetzten Stimmen zugutekommt, oder auch detaillierte Akzentuierungen.

In der Komposition von Lang Lang geht es um das Auffächern von Möglichkeiten, die in einem Stück verborgen sind.
In der Komposition von Lang Lang geht es um das Auffächern von Möglichkeiten, die in einem Stück verborgen sind.
Foto: Instagram

Zu Bachs Zeit behalf man sich mit einem immer grösser werdenden Repertoire von Verzierungen, die teils in die Komposition eingearbeitet wurden – Bach fürchtete die Improvisationskunst der Kollegen sogar –, teils in Zusatznoten und Bezeichnungen vermerkt waren. Zum grösseren Teil aber blieben sie dem Wissen und Können des Ausführenden überlassen. Lang Lang hat sich auch damit intensiv beschäftigt, favorisiert teils die italienische Verzierungstradition, teils die französische, die beiden Hauptrichtungen der Bach-Zeit.

Nicht nur um Glenn Goulds Aufnahme kommt man nicht herum

Noch grundsätzlicher stellt sich die Frage, ob Bach mit diesen Variationen ein gefälliges Unterhaltungsstück geschrieben hat oder ob es ihm um mehr ging. Die von seinem ersten Biografen Nikolaus Forkel in die Welt gesetzte Anekdote, Bach habe das Werk dem Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg gewidmet, der damit seinem Dienstherrn Hermann Carl von Keyserlingk dessen schlaflose Nächte verkürzte, leuchtet kaum ein.

Er hätte sie dann dem Grafen selber gewidmet. Im Nürnberger Erstdruck gibt es keinerlei Widmung, dafür den Hinweis, das Werk diene «Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung».

Und wie sieht die aus? Bach strickt trotz der schier überbordenden Last an kleinteiliger Verzierungskunst nicht entsprechende Figuralvariationen, sondern eine von Variation zu Variation sich entwickelnde Kontrapunktik, die bei wechselnder Komplexität den Grundcharakter stabil hält. Was Pianisten regelmässig dazu herausfordert, doch so etwas wie Charaktervariationen zu gestalten, bei denen jeder neue Abschnitt wie eine neue Figur in einem imaginären Drama erscheint.

Dabei verschleiert das muntere Theater oft den Kern der Komposition. Selbst Glenn Gould konnte der Versuchung in seinen beiden Aufnahmen von 1955 und 1981 nicht widerstehen, auch wenn er dafür mitunter recht robust zupacken muss, was so gar nicht zum Charakter der feingliedrigen barocken Gestaltungskunst Bachs passen mag.

Hat Bach mit seinen Variationen ein gefälliges Unterhaltungsstück geschrieben, oder ging es ihm um mehr? Lang Lang hat sich damit intensiv beschäftigt.
Hat Bach mit seinen Variationen ein gefälliges Unterhaltungsstück geschrieben, oder ging es ihm um mehr? Lang Lang hat sich damit intensiv beschäftigt.
Foto: Instagram

Dann gibt es da ein Detail, dessen Ausführung die Neuaufnahme von Lang Lang näher erklärt. Es geht um die Wiederholung des Anfangsmotivs, wobei der erste Melodieton nun in ein Arpeggio eingebunden ist, also einen gebrochenen Akkord, den man normalerweise von unten nach oben abspielt. Es gibt berühmte Gegenspieler, die aufwärts arpeggieren: Gustav Leonhardt, Murray Perahia, Grigory Sokolov, Pierre Hantai. Und es gibt den hochbegabten Bach-Spieler Konstantin Lifschitz mit einer logisch tragfähigen Variante.

Eine fast fröhliche Grundstimmung

Was aber macht Lang Lang? Beim ersten Mal arpeggiert er aufwärts, in der Wiederholung umgekehrt. Er entzieht sich der Entscheidung, bringt unterhaltsame Beliebigkeit ins Spiel. Er fürchtet sich geradezu, profiliert zu gestalten, einen Standpunkt zu behaupten.

Dafür hält er eine fast fröhliche Grundstimmung, wie sie ihm und Pianisten der jüngeren Generation wie etwa Jan Lisiecki eigen ist: Es geht nicht mehr um den Ernst des Absoluten. Es geht um das Auffächern von Möglichkeiten, die in einem Stück verborgen sind. Unter den Älteren ist es Gustav Leonhardt, der auf seinem Cembalo ein so farbenreich differenziertes Spiel entwickelt hat, wie dies Lang Lang auf dem Flügel gelingt.

Lang Lang bei einem Auftritt im September in Peking, einer Darbietung seiner Variationen.
Lang Lang bei einem Auftritt im September in Peking, einer Darbietung seiner Variationen.
Foto: Keystone

Dazu kommt sein 3-D-Gefühl – er schafft eine enorme Raumwirkung, die durch die ruhige Gefasstheit seines Spiels noch verstärkt wird. Gleichzeitig führt Lang Lang die grossen Richtungen der Bach'schen Aufführungstradition zusammen und bringt sie in seiner Studioaufnahme auf einen Nenner. Das klingt anfangs etwas übervorsichtig, schülerhaft gelehrig. Aber man spürt schon die unbändige Neugier dieses Pianisten, in eine fremde Klangwelt einzutauchen.

Wenn es so etwas wie interpretatorische Wahrheit gibt, dann sieht sie vielleicht genau so aus. Ein Meisterstück.

Man sieht ihn förmlich durch unbekannte Räume schreiten und sich staunend umsehen. Dabei lässt er sich begleiten von all den berühmten Pianisten, die sich einst dem Stück widmeten. Und darin entwickelt er dann einen eigenen Weg, der über die Synthese altehrwürdiger Traditionen hinausgeht.

Aber wie wäre es, wenn er einmal all dieses Wissen vergässe und sich noch einmal, ganz befreit, an den Flügel setzte, um seine ganz persönliche Erfahrung mit diesem Stück in Klang zu setzen? Er hat es getan, die Plattenfirma hat mitgespielt und Studio- wie Live-Mitschnitt in ein Album gepackt. Wenn es so etwas wie interpretatorische Wahrheit gibt, dann sieht sie vielleicht genau so aus. Ein Meisterstück.

16 Kommentare
    werner13

    Für mich sind nach wie vor Gould von 1981 und M. Perugia die Aufnahmen der Goldberg-Variationen schlechthin. Werde mir aber Lang-Lang durchaus einmal anhören. Vielleicht hat er aber zu sehr seine "eigene" Interpretation gesucht und aus allerlei zusammengestellt? Ich werde mir ein Urteil bilden müssen. Danke für den interessanten Artikel!