Wie Xhaka und Co. Europameister werden

Die Schweiz brilliert an der Euro noch nicht. Aber welches Team tut das bis jetzt schon? Es ist Zeit für eine übermütige Antithese zur allgemeinen Meinung, dass die Auswahl keine EM-Geschichte schreiben wird.

Granit Xhaka hat sich zum Spieler von Weltklasse-Format entwickelt.

Granit Xhaka hat sich zum Spieler von Weltklasse-Format entwickelt.

Deutschland? Schwerfällig, ideenlos, ungefährlich! Belgien? Harmlos, zerstritten, enttäuschend! Frankreich? Kompliziert, langsam, abwehrschwach! England? Statisch, bieder, unkreativ! Italien? Solid, langweilig, zynisch! Portugal? Ronaldo-abhängig, Ronaldo-abhängig, Ronaldo-abhängig!

Die meistgenannten EM-Favoriten brillierten in der ersten Turnierwoche, mit Ausnahme der Spanier am Freitag, nicht besonders. Das spielt für sie kaum eine Rolle, der Ernst des Events beginnt ohnehin erst ab den Achtelfinals. Aber: Einer muss ja Europameister werden.

Und hier kommen die Mannschaften aus der oberen Mittelklasse der Euro ins Spiel, Kroatien vor allem und Polen. Aber auch die Schweiz.

Verstecken müssen sie sich bislang nicht vor den Giganten, im Gegenteil, zumal man mittlerweile bereits in exotischen Fussballdestinationen wie Albanien, Island oder Nordirland den perfekten Matchplan mit Fokus auf Verteidigen, Verschieben, Verhindern kennt. Dort aber fehlen die spielerischen Qualitäten der Kroaten, Polen und Schweizer.

Viel Steigerungspotenzial

Die Schweiz muss sich nicht verstecken. Man tut sich in diesem Land ja sehr schwer, wenn einer grösser ist als andere und übers Mittelmass herausragt. Die Protagonisten ecken mit forschen, bisweilen arroganten Aussagen an.

Aber das Nationalteam ist gut beraten, weiter gross zu denken. Akteure wie Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez und Xherdan Shaqiri erklären ja seit Jahren, sie seien bereit für den Coup an einer EM oder WM. Nun bietet sich die Chance zum Exploit. Und sie ist vielleicht grösser, als die Fussballer sich selber vorstellen können.

Noch hat kein Team, abgesehen von Titelverteidiger Spanien, so stark gespielt, dass sich die Schweiz fürchten müsste. Und es gibt gute Gründe zur Zuversicht, selbst wenn in der Heimat vor allem über den blassen Shaqiri diskutiert wird oder über die sorglosen Innenverteidiger. Die Schweiz besitzt viel Steigerungspotenzial, obwohl kaum ein anderes Team derart viele Topchancen kreiert hat.

Hätte Seferovic nur die Hälfte seiner erstklassigen Möglichkeiten verwertet, wäre die Schweiz nach deutlichen Siegen gegen Albanien und Rumänien als erster Achtelfinalist festgestanden.

Nun in der Lieblingsrolle

Doch vermutlich ist es besser, wird die Schweiz weiter unterschätzt. Von den eigenen Fans, von der Öffentlichkeit, von den gegnerischen Teams. Nun folgen die Tage und möglicherweise Wochen der Wahrheit für diese Truppe, die vor zwei Jahren an der WM gegen Argentinien im Achtelfinal bewiesen hat, zu was sie fähig ist.

Xhaka hat sich seither zum dominanten, smarten Strategen von Weltklasseformat im Aufbau entwickelt. Yann Sommer ist der bessere Goalie als Diego Benaglio 2014. Fabian Schär (6 Tore in 22 Länderspielen) ist der torgefährlichste Abwehrspieler des Turniers.

Und die Defensivkräfte sind – trotz allem – alles Akteure, die in grossen Ligen engagiert sind und genau wissen, wie man sich gegen überragende Individualisten verhalten muss. Vor allem wenn diese nach einer langen, strengen Saison körperlich und mental müde sind.

Und, das ist ver­mutlich der grösste Pluspunkt für die Schweizer in den nächsten Begegnungen, die Schweiz fühlt sich wohler in jener Rolle, die bisher Teams wie Albanien, Rumänien und ganz viele andere Aussenseiter so herausragend praktiziert haben. Und diese Spielweise geht so: Räume zustellen, auf Fehler warten, Ball erobern, kontern.

Wie ein Testspiel am Sonntag

Am Sonntag in Lille bestreitet die Schweiz gegen den Topfavoriten Frankreich gewissermassen ein Testspiel vor der Finalphase. Und es gibt zweifellos genügend Argumente, die gegen einen Schweizer Steigerungslauf an der Euro 2016 sprechen.

Doch wenn man keine grossen Träume hat, lassen sich selbst die kleinen nur schwer umsetzen. Lei­cester Citys Meistertitel in der Premier League vor wenigen Wochen war die erheblich grössere Sensation als ein Triumph der Schweizer in Frankreich. Und wer traute denn dem Turniernachrücker Dänemark 1992 den EM-Titel zu? Wer hatte die destruktiven Griechen 2004 auf der Rechnung?

Nun sind wieder zwölf Jahre ver­gangen. Dänemark 1992, Griechenland 2004, Schweiz 2016 – das liest sich doch hübsch. Es ist für diese Mannschaft tatsächlich an der Zeit, grosse Geschichte zu schreiben.

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