Trotz Versöhnung weiter unvollendet

BZ-Sportredaktor Fabian Ruch zum Ausscheiden der Schweiz an der Fussball-Europameisterschaft.

Fabian Ruch

Sechs Mannschaften bestritten am Samstag ihre EM-Achtelfinals. Und jenes Team, welches am meisten überzeugte, ist in den Ferien. Die Schweiz hat an der Euro eine wohl einmalige Gelegenheit verpasst, Geschichte zu schreiben. Mit Pech. Mit Unvermögen. Zufall ist ihr Scheitern nicht.

Der Achtelfinal gegen Polen war für die Schweiz ein Spiegelbild dieser Euro.Nach schwachem Start steigerte sie sich, das spricht für Moral und Kon­dition, sie hatte den Gegner nach der Pause im Griff und hätte nach 90 oder spätestens nach 120 Minuten gewinnen müssen. Die Schweiz tat es nicht, deshalb ist die EM-Bilanz mittelmässig. Sie hat nur den Fussballzwerg Albanien bezwungen. Und bloss die Pflicht erfüllt.

Das ist zu wenig. Nun muss die Schweiz zuschauen, wie ein anderer Aussen­seiter die Möglichkeit packt, den Final zu erreichen, ohne ein grosses Fussballland bezwingen zu müssen. Gegen Polen fehlte wenig zum verdienten Sieg. Aber die Schweizer, diese Erkenntnis ist nicht exklusiv, versagten im Abschluss. Den Stürmern fehlt die Klasse im Strafraum. Und doch bleibt das Gefühl, dass diese Auswahl in Frankreich viel mehr hätte erreichen können.

Ausgerechnet Granit Xhaka, der stärkste Fussballer, war das Sinnbild für das Scheitern. Er hatte stets betont, mit diesem Team sei alles möglich, schoss dann aber seinen Pe­nalty weit am Tor vorbei. Xhaka und Valon Behrami, dieses Vorbild an Einsatz, Willen und Mentalität, bildeten an der EM ein starkes Zentrum. Doch um sie herum war das Leistungsgefälle zu gross.

Captain Stephan Lichtsteiner enttäuschte,Johan Djourou ist im Abwehrzentrum zu fehlerhaft, Admir Mehmedi und Blerim Dzemaili waren ordentlich, stiessen aber an Grenzen. Haris Seferovic ist ein bemerkenswert hart arbeitender Angreifer, aber er ist kein Torjäger. Und Xherdan Shaqiri befeuerte die Emotionen mit seinem Traumtor erst in der achten EM-Halbzeit, als es fast schon zu spät war. Vielleicht hätte er, wie seit Jahren von Beobachtern gefordert, ständig als Spielmacher eingesetzt werden müssen. Als er gegen Polen endlich auf seiner Lieblingsposition wirbeln durfte, drehte Shaqiri mächtig auf. Dzemaili fehlen Vision und Torgefährlichkeit dazu, die Rolle des Regisseurs mit Kreativität und Effizienz auszufüllen.

Dennoch dürfen die Schweizer auch stolz auf die Euro zurückblicken. Weil es ihnen gelungen ist, sich von Spiel zu Spiel und im Achtelfinal sogar im Spiel selber eklatant zu verbessern. Und die Zukunft ist verheissungsvoll. Die Schlüsselspieler Yann Sommer, Fabian Schär, Ricardo Rodriguez, Xhaka, Shaqiri und Seferovic sind im Schnitt keine 25 Jahre alt, zudem drängen starke Talente nach: Nico Elvedi in der Abwehr, Denis Zakaria im Mittelfeld – und vor allem Breel Embolo im Sturm. Der 19-Jährige könnte die Angriffsmisere beheben, er ist ein grosses Versprechen. Mehr aber noch nicht. Das hat die Euro gezeigt.

Trainer Vladimir Petkovic jedenfalls steht für die WM-Kampagne 2018 ein schlagkräftiges Team zur Verfügung.Er hat sein erstes grosses Turnier gut moderiert, er wirkte entspannter als gewohnt, er coachte aktiv. Fussball kann ein Zentimetersport sein. Petkovic ist nicht ein guter Trainer, weil Shaqiris Traumtor die Schweiz in die Verlän­gerung rettete. Er ist aber auch kein schlechter Trainer, weil Xhaka seinen Elfmeter verschoss.

Wie sein Zeugnis als Nationaltrainer aussehen wird, entscheidet sich in den nächsten zwei Jahren. Der nächste Achtelfinal kommt für diese aussergewöhnlich begabte Generation bestimmt. Vielleicht an der WM in Russland. Noch ist sie unvollendet. Immerhin versöhnte sie sich, nach teilweise schwierigen Zeiten, mit den Fans. Bei einem Sieg gegen Polen wäre die Euphorie im Land schier grenzenlos gewesen. Umso bitterer ist das Scheitern.

Berner Zeitung

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