Saint Xherdan

Xherdan Shaqiri schiesst gegen Polen mindestens das zweitschönste Tor der EM-Geschichte. Der Schweizer Nationalspieler wird mit Marco van Basten verglichen, hätte aber viel lieber gewonnen.

Xherdan Shaqiri liegt in der Luft und trifft gegen Polen zum Ausgleich.

Xherdan Shaqiri liegt in der Luft und trifft gegen Polen zum Ausgleich.

(Bild: Keystone)

2044 wird man sagen: «Weisst du noch, Shaqiri und sein Traumtor, damals an der Euro in Frankreich?» Xherdan Shaqiri wird in 28 Jahren vielleicht Grossvater sein und seinen Enkeln erzählen von diesem 25. Juni 2016 in ­St-Etienne, als er einen Treffer für die Ewigkeit schoss. Einen Treffer von derartiger Schönheit, wie er an einer EM bisher wohl erst einem Fussballer gelungen ist: dem Holländer Marco van Basten, der 1988 im Final in München gegen die Sowjetunion mit einem Volley aus unfassbarem Winkel eines der schönsten Tore der Fussballgeschichte erzielt hatte.

Der Volley-Treffer von Marco van Basten. Quelle: Youtube

Das war vor 28 Jahren. Und am Samstag wurde van Bastens Spektakelschuss hervorgekramt, als es galt, einen Vergleich zu ­finden für eine Aktion wie ein Kunstgemälde. Die preisgekrönten Kultlivetickerer «11 Freunde» würdigten es zum Beispiel so: «Irgendwann benennen sie in der Schweiz Kinder nach diesem Tor. Einundachtzigsaintetienne – das Essen ist fertig.»

Doch! Er wird!

Kurz vor 16.45 Uhr Ortszeit war es, als der Ball über Umwege bei Shaqiri landete und der Schweizer zum Seitfallrückzieher ansetzte. «Der wird doch nicht?», war die Reaktion des Beobachters, nachdem Shaqiri in der Vorrunde mit einem ähnlichen Versuch kläglich gescheitert war und sich Hohn und Spott vom Stammtisch über ihn ergossen hatte. Doch! Er wird!

Zum Mit-der-Zunge-Schnalzen: Shaqiris Traumtor.

Shaqiri schraubte sich also hoch in die Luft, bald lag er quer, über einen Meter über dem Boden, und er traf den Ball perfekt, knapp ausserhalb des Strafraums, dort also, wo eigentlich nur Zlatan Ibrahimovic Fallrückzieher versucht (und manchmal sogar reüssiert). Shaqiris Kunststück landete in der linken Torecke, via Innenpfosten, und für eine Sekunde stand die Fussballwelt unter Schockeuphorie. Dann eruptierten Menschen weltweit.

Superstars wie Roger Federer adelten das Tor («Wow!!!!!»), selbst Sängerin Shakira amüsierte ihre 38,5 Millionen Follower mit einem Tweet: «Das erste Mal in der Geschichte, dass ein Paar an der Euro getroffen hat – Piqué und Shaquiri!!!» Sie benötigte zwei Ausrufezeichen weniger als Federer, und es sei der Partnerin des spanischen Verteidigers Gerard Piqué verziehen, schrieb sie den Namen Shaqiris nicht korrekt – aber wenn sich selbst globale Grössen vor Begeisterung kaum halten können, erahnt man die Bedeutung des Gebotenen.

Später magischer Moment

Der Held selber ist nach der Schweizer Niederlage gegen Po­len nicht in der Stimmung, um in die Jubelarien einzustimmen. Der «Man of the Match» sagt: «Ich bin immer stolz, wenn ich für mein Land treffe.» Aber er sagt auch: «Ich hätte lieber gewonnen.» Er ist ein wenig zum Scherzen aufgelegt, als ihm ein englischer Journalist sagt, Shaqiri habe wohl noch nie so ein schönes Tor erzielt («Sie haben meine Karriere nicht so gut verfolgt»).

Xherdan Shaqiri hat sehr lange gewartet, bis er dieser Euro einen magischen Moment schenkte. Aber er schaffte es gerade noch, zu beweisen, warum er der spektakulärste Schweizer Fussballer ist und jener, der die Emotionen entzünden kann. Wie man es vor der Euro prophezeit hatte. Wie er es gegen Albanien nicht bewiesen hatte, nicht gegen Rumänien, nicht gegen Frankreich und am Samstag vor der Pause nicht gegen Polen. Shaqiri hatte gekämpft an der EM, aber, mein Gott, das ist das Mindeste. Von ihm erwartet man Glanz und Gloria, das ist die Bürde, die ein mit solchen Talenten gesegneter Fantasista trägt.

Erneut am 25. Juni, wie zwei Jahre zuvor, entzückte Shaqiri die Fussballwelt. Unter Meisterleistungen macht er es scheinbar an Turnieren nicht. 2014 hatte er an der WM in Brasilien drei Tore gegen Honduras erzielt (3:0). Shaqiri drehte gegen Polen auf, als er endlich im Zentrum spielen durfte. Er hinterlässt einen Treffer für Rekordklicks auf Youtube – aber auch wieder einen zwiespältigen Eindruck, weil es eben nicht seine Euro gewesen ist. Vielleicht muss der kleine Grosskünstler professioneller leben, klarer in seinen Aktionen werden und konstanter im Spiel. Damit er all die tollen Werkzeuge, die er besitzt, effizient einsetzen kann.

Erwartungen nun noch höher

Vorerst ist Xherdan Shaqiri jener Spieler, der mindestens das zweitschönste Tor der EM-His­torie erzielt hat. «Es ehrt mich, wenn ich mit Marco van Basten verglichen werde», sagt Shaqiri, der erst drei Jahre nach van Bastens Wundertor geboren wurde. Und möglicherweise wird der gebürtige Kosovare gar nie einlösen können, was man sich von ihm seit Jahren verspricht. Das Meisterwerk gegen Polen lässt die Erwartungen nicht geringer werden.

Shaqiri hat noch Zeit. Und 2044 wird man ganz bestimmt wissen, wie sich die Karriere ­dieses vielleicht talentiertesten Schweizer Fussballers der Geschichte entwickelt hat.

Berner Zeitung

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