Der Teamworker

Stephan Lichtsteiner ist der Captain der Schweizer und hat früh gelernt, was Zusammenarbeit heisst. «Geht nicht? Das gibts nicht bei ihm!», sagt sein Vater Reto.

Geht nicht, gibts nicht: Stephan Lichtsteiner ist es laut seinem Vater gewohnt zu kämpfen.

Geht nicht, gibts nicht: Stephan Lichtsteiner ist es laut seinem Vater gewohnt zu kämpfen. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Es gab einmal eine kurze Phase, als der Primarschüler aus Adligenswil festlegte, was aus ihm eines Tages werden soll: Polizist. Fast wichtiger als der Beruf war ihm der Begleiter, mit dem er unterwegs sein würde: ein Hund.

Der Primarschüler verwarf den Plan irgendwann wieder. Er hatte ja noch ­andere gute Ideen, vor allem eine: Fussballer zu werden. Er beschloss das, machte sich an die Umsetzung – und jetzt ist er der Captain der Nationalmannschaft. Er heisst Stephan Lichtsteiner.

32 ist er heute, und man hat ein Bild von ihm. Wie er schier pausenlos rennt, rauf und runter auf der rechten Seite, meist in hohem Tempo. Wie er sich ­beschwert, wenn ihm etwas nicht passt. Wie er die Augen oft weit aufgerissen hat. Wie er weder den Gegner schont noch sich selber. Wie er den Zuschauer nicht einfach kühl lässt. Grossartig, diese Vorstösse! Unsäglich, dieses Reklamieren!

Familienmensch: Der Captain der Schweizer Nationalmannschaft Stephan Lichtsteiner mit seinem Vater Reto Lichtsteiner. Foto: Steffen Schmidt/ Keystone

Wer ist dieser Lichtsteiner? Woher kommt sein erstaunlicher ­Antrieb? «Er hat das im Blut: Wenn er ­etwas anpackt, dann richtig. Er will es erfolgreich zu Ende bringen, notfalls mit mehreren ­Anläufen.» So sagt das Reto Lichtsteiner, der Vater, ein 63-jähriger Informatiker im Ruhestand.

Der Tippkick-Experte

In Adligenswil oberhalb von Luzern wuchs Stephan auf. Als es darum ging, den «schnellsten Adliger» zu küren, war er natürlich auch am Start, und für ihn zählte nur der Sieg. Beim damaligen Grand Prix Volksbank klassierte sich der Bub als Fünfter – gesamtschweizerisch. Lichtsteiner brauchte damals schon die Bewegung. Er liebte es auch, sich mit seinem Bruder und heutigen Berater Marco im Tippkick zu duellieren. Stundenlang konnten sich die beiden mit ­kickenden Figürchen verweilen. Reto Lichtsteiner sagt: «Es war die mit Abstand beste Investition in ein Spiel.»

1985 initiierte der Vater, selber ein passionierter Fussballer, die Gründung eines Fussballclubs im Dorf. Er übernahm das Präsidium und trainierte Junioren. Was konnte Stephan Besseres passieren? Als Knirps fing er mit Kicken an, nach sechs Jahren wechselte er zum FC Luzern. Manchmal brachten ihn die Eltern zum Training, oder er fuhr selber, mit dem Bus, dem Velo oder den Rollerblades.

Die Schicksalsschläge

Durch zwei gesundheitliche Schicksalsschläge im engsten Familienkreis erfuhr Stephan als Bub und Teenager, was mit Teamwork, Zuverlässigkeit, Hartnäckigkeit, Respekt und Vertrauen erreicht werden kann. Er lernte, jeder noch so schwierigen Lebenslage Positives abzugewinnen und Verantwortung zu übernehmen. Mit seinem Bruder und den zwei fast gleichaltrigen Cousinen, die sehr früh ihre Mutter verloren hatten, verbrachte er viel Zeit, auch an den ­Wochenenden und in den Ferien.

Als Stephan 13 war, erlitt seine Mutter einen Hirnschlag. Wie sie dank vorbildlicher Einstellung nie den Mut verlor und sich mit eisernem Willen zurückkämpfte, das beeindruckte und prägte den Jungen.

Der EM-Wunsch von Lichtsteiner: Der neue Schweizer Captain vor der Euro 2016.

Der Fussball durfte in seinem Alltag immer zentral sein. Aber den Eltern war es ein Bedürfnis, dass der Sohn eine Lehre machte. Sie predigten ihm stets: «Du sollst im Sport Erfolg haben dürfen, nicht müssen.» Er war inzwischen 16 und von Luzern nach Zürich zu GC gezogen, der Verein bot ihm eine Handelsschule an. Aber er wollte eine Berufsausbildung und absolvierte das KV auf einer Bank. Ohne Diskussionen. Und das sportliche Leistungsvermögen litt nicht darunter.

Stephan Lichtsteiner, der zähe Junge, zog nach Lille in die Ligue 1, obwohl eines auch klar war: Auf ihn, den «petit Suisse», hatte im Norden Frankreichs niemand gewartet. «Geht nicht? Gibts nicht bei ihm!», sagt Reto Lichtsteiner aber, «so hat er immer funktioniert.» In Lille stiess Stephan Hörner ab, Vater und Mutter besuchten ihn dort regelmässig, sie legten dafür jeweils pro Weg 750 Kilo­meter mit dem Auto zurück. Nach drei Jahren ging es aus der Zentralschweiz mehr als 800 Kilometer südwärts, als Stephan in Rom bei Lazio spielte. Seit 2011 fahren sie nach Turin.

«Er ist authentisch»

Stephan gelang auch dank Unterstützung von Marco eine Musterkarriere, und natürlich sind die Eltern stolz. Aber sie gehören nicht zu jenen, die finden, ihr Sohn müsse deswegen auf Händen getragen werden. «Er macht einen ­super Job», erklärt Reto Lichtsteiner, «aber das machen viele andere auch, einfach ohne im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Wenn einer die Aufgabe, die ihm das ­Leben mitgibt, gut löst, gebührt ihm ­genauso Lob und Anerkennung.»

Jetzt ist Stephan Lichtsteiner Captain der Schweizer. Der Vater sagt: «Das ist schön, aber er sagt auch ohne Bändeli, was er denkt.» Zum Beispiel, wenn er Ungerechtigkeit empfindet. Oder er wagt es, das Thema Identifikation aufzugreifen. Er tut das nicht, um Applaus abzuholen. «Er ist authentisch», sagt sein Vater, «er ist keiner, der im ­Mittelpunkt stehen und sich profilieren will. Aber man kann nicht immer alles unter den Teppich kehren, sonst stolpert man irgendwann darüber.» Vielleicht ist seine direkte Art mit ein Grund, weshalb er vor seinem 23. Geburtstag nur ein Länderspiel bestritt.

Das einseitige Etikett

Reto Lichtsteiner kennt das Image seines Sohnes. Es ist das Bild eines Menschen, das aufgrund von Eindrücken aus dem Spiel heraus konstruiert worden ist. Aber dieses Bild deckt sich nicht mit dem, das der Vater hat. «Stephan wurde schon früh ein Etikett umgehängt. Aber das ist einseitig. Er ist ein Mensch, der das Glas nie halb leer sieht, sondern halb voll.»

Am 11. Juni führt er die Schweiz in Lens auf das Feld für das Spiel gegen ­Albanien. Der Vater wird aus der Ferne mitfiebern, mitleiden. Und die Sache so nehmen, wie sie ist: sportlich. «Wenn der Gegner sich den Sieg verdient, weil er besser ist, hat man das zu akzeptieren. Und dann geht es weiter.»

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Erstellt: 05.06.2016, 17:23 Uhr

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