Nummer 9 leidet

An der EM fallen bemerkenswert wenig Treffer. Und: Die Angreifer enttäuschen. Das liegt an stark organisierten Defensivreihen, vorsichtigen Systemen und kläglichen Schützen.

Stürmer von der traurigen Gestalt: Der Schweizer Haris Seferovic vergab an der Euro einige Topchancen.

Stürmer von der traurigen Gestalt: Der Schweizer Haris Seferovic vergab an der Euro einige Topchancen.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

Im recht eigentümlichen Fussballslang gibt es eine Floskel, die eigentlich nicht genug oft betont werden kann: «Es gibt keine Kleinen mehr.»

Auch Stéphane Chapuisat lässt diesen Satz während des Gesprächs, in dem es um die Stürmerkrise an der Euro geht, mehrmals fallen, mal beiläufig, mal bewusst, um darauf hinzuweisen, wie schwierig es geworden sei, Tore zu erzielen.

«Alle Teams sind stark organisiert», sagt der YB-Chefscout, «sie verschieben gut, haben die Kontrolle und warten ab, bis der Gegner Fehler macht.» Albanien erreicht gegen Frankreich fast ein 0:0, Island holt gegen Portugal einen Punkt, Nordirland verliert gegen Polen nur knapp: Der Fussball ist sehr ausgeglichen geworden.

Immer weniger Stürmer

Und so fallen an dieser EM erstaunlich wenig Tore. «Es geht in jeder Partie um viel», sagt Chapuisat, «es gibt nur drei Vorrundenspiele, die Mannschaften gehen nicht volles Risiko.» Es ist dennoch erstaunlich, wie schwer sich die Topnationen mit ihren herausragenden Einzelkönnern tun, kreative Lösungen zu finden. «Das hatte ich nicht erwartet», sagt Chapuisat, «aber es zeigt, dass in vielen Ländern taktisch gut gearbeitet wird. Und es ist einfacher, nur zu verteidigen.»

Vor dreissig Jahren, als der einstige Weltklassestürmer Chapuisat seine Profikarriere begann, agierten viele Teams mit drei Stürmern, was den Qualitäten des überragenden Flügelspielers schmeichelte. Später waren es lange zwei Angreifer, heute agieren die Mannschaften oft im 4-2-3-1-System und seinen Abwandlungen. Mit einem zentralen Angreifer. Der auch bedroht ist.

Der Deutsche Mario Götze ist das Beispiel einer «falschen Neun», eine technisch hoch­wertige offensive Mittelfeldkraft, die mit Spielstärke und Kombi­nationssicherheit wertvoll sein kann. Es geht darum, im engen Verkehr Räume zu schaffen, Bälle zu verarbeiten, Chancen aufzu­legen. Das Arbeitsfeld des Stürmers hat sich verändert.

Die echte Neun, sie lebt fast nicht mehr. Und sie leidet. Auch Chapuisat nennt jene drei Namen, die oft erwähnt werden, wenn es um die besten Mittel­stürmer geht: Robert Lewan­dowski, Uruguays Luis Suarez, Karim Benzema. «Lewandowski ist komplett», lobt Chapuisat, «er ist technisch stark, arbeitet hart, hat einen ausgezeichneten Schuss.»

Gegen die stabilen Nordiren aber vermochte sich der Pole im ersten Spiel auch kaum in Szene zu setzen. Andere überragende Offensivkräfte wie Cristiano Ronaldo agieren nicht so zentral, sie weichen aus, tauchen unvermittelt auf, brauchen Platz. «Bei Portugal konzentriert sich alles auf Ronaldo», sagt Chapuisat, «der Gegner kann sich, so gut es gegen so einen starken Fussballer eben geht, darauf einstellen.»

Blockade wegen Torkrise

Ein Sinnbild für die EM-Tor­armut und für die traurige Nummer 9 ist Haris Seferovic. Allerdings kein idealtypisches, weil der Schweizer genug Chancen dazu gehabt hätte, mindestens vier Tore zu erzielen. Seferovic läuft viel, seine Bewegungen sind gut, er ist präsent. Aber: Sein Selbstvertrauen hat mit jedem Fehlschuss mehr gelitten.

«Solche Situationen kennt jeder Stürmer», sagt Chapuisat. Auch er habe etwa bei Dortmund Phasen erlebt, in denen er länger nicht getroffen habe. «Es ist wichtig, nicht dar­über zu reden, keine Zeitungen zu lesen. Aber natürlich beschäftigt es einen. Vielleicht ist man dann im Abschluss blockiert.»

Es sei für Nationaltrainer Vladimir Petkovic wichtig, nun spüren zu können, wie stark Seferovic belastet sei, sagt Chapuisat. Als Stürmertrainer der U-15- bis U-21-Junioren bei YB sowie beim Schweizerischen Fussballverband bildet Chapuisat viele Talente aus. Die Spezialisierung beginnt heute schon sehr früh. Und mit Breel Embolo, der erst 19 Jahre alt sei, besitze die Schweizer ja einen Stürmer mit Riesenpotenzial, sagt Chapuisat. «Er kann an der EM noch wichtig werden.»

Als Torschützenkönig sieht der 46-Jährige aber einen Franzosen, «obwohl das Team ebenfalls vorsichtig spielt und die offensiven Möglichkeiten nicht ausgeschöpft hat». Chapuisat nennt Olivier Giroud, die Nummer 9 von Chapuisats EM-Siegertipp in Abwesenheit des nicht aufgebotenen Karim Benzema. Gegen Albanien spielte der Arsenal-Professional vorgestern äusserst glücklos.

Berner Zeitung

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