«Weil wir die beste Mannschaft haben»

Thomas Helmer war 1996 Schlüsselspieler des letzten deutschen Europameisterteams. Er spricht über die Euro 2016 und das eher tiefe Niveau der Spiele – und er sagt, warum er froh ist, heute nicht mehr Profi zu sein.

Bekannte TV-Figur: Thomas Helmer (rechts) moderiert den «Doppelpass».

Bekannte TV-Figur: Thomas Helmer (rechts) moderiert den «Doppelpass».

(Bild: Imago)

Wie gefällt Ihnen diese EM?Thomas Helmer:Durchschnittlich, sehr durchschnittlich. Ich bin ein wenig enttäuscht vom spielerischen Niveau der Begegnungen. Oder sagen Sie mir eine spektakuläre Partie mit zwei starken Mannschaften.

Deutschland gegen Italien war zumindest sehr spannend.Ja, klar, es gab viele enge Partien. Aber das Problem ist, dass die vielen kleinen Nationen sehr defensiv spielen. Das ist nicht mal ein Vorwurf, denn ich verstehe die Mannschaften ja. Es wäre fatal gewesen, hätten Nordirland, Island oder Irland gegen die Topteams auf Teufel komm raus gestürmt.

Sie sind also ein Gegner der Aufstockung auf 24 EM-Teilnehmer?Auf jeden Fall. Klar gab es Farbtupfer wie Island, aber die Qualität leidet, wenn so viele Teams ­dabei sind. Das ist einfach so.

Dennoch müssten die grossen Nationen nicht so einfallslos spielen, wie sie es oft taten.Das stimmt natürlich. Doch selbst Mannschaften wie Portugal, die eigentlich ein Spiel bestimmen wollen, stellten nach der Vorrunde teilweise um. Wobei es clever von den Portugiesen war, sich gegen die Kroaten im Achtelfinal auf eine vorsichtige Spielweise zu verlassen und die starken Mittelfeldspieler der Kroaten eng zu decken. Und es gilt eben auch zu berücksichtigen, dass man mittlerweile überall gelernt hat, sich taktisch geschickt zu verhalten. So schwierig ist das nicht, zumal es bezüglich Athletik kaum mehr Unterschiede gibt. Im Gegenteil: Die Starspieler sind nach der langen Saison müde, sie erreichen nicht ihre Bestform. Da muss man sich überlegen, was die Fifa und die Uefa eigentlich genau wollen.

Die grossen Ligen wie die Premier League und vor allem die Champions League sind sehr mächtig geworden. Ist ein ­Umdenken überhaupt möglich?Ich hoffe es sehr. Der Spielkalender ist übervoll. Aber kürzlich las ich, dass der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino erwägt, das WM-Teilnehmerfeld von 32 auf 40 Teams zu erhöhen. Das ist Wahnsinn. An wen denkt er dabei? Hat er mal selber Fussball gespielt? Man kann die Spieler auch kaputtmachen. Selbst die allerbesten Fussballer wie Cristiano Ronaldo haben in Frankreich selten ihre grossen Fähigkeiten demonstrieren können.

Gefällt Ihnen Cristiano Ronaldo eigentlich?Seine Leistungen, Rekorde und Titelgewinne sprechen logischerweise für sich. Er ist ein Klassespieler, einer der besten der Geschichte. Mein Liebling ist er aber nicht, dafür schwärmt mein Sohn sehr von ihm …

…läuft er mit einem Ronaldo-Leibchen rum?Das zum Glück dann doch nicht, da hat der Vater schon noch einen gewissen Einfluss. Am Donnerstag wird er 19 Jahre alt. Und wir hoffen selbstverständlich auf Deutschland als Europameister.

Wie sehen Sie die Ausgangslage der Deutschen vor dem Halbfinal am Donnerstag in Marseille gegen Frankreich?Positiv. Wir haben unser Italien-Trauma überwunden, wir spielen gut, wir haben Selbstvertrauen. Klar fehlen uns gegen Frankreich mit Mats Hummels, Sami Khedira und Mario Gomez drei wichtige Spieler. Aber da ist auch auf der Bank jede Menge Qualität vorhanden.

Der TV-Experte Mehmet Scholl attackierte Joachim Löw auf dem Sender ARD heftig, weil der Bundestrainer gegen Italien die Taktik geändert und auf eine Dreierkette in der Abwehr gesetzt hatte. Wie sehen Sie das?Ich verstehe Mehmet bis zu einem gewissen Punkt. Man kann sich schon fragen, ob es der Weltmeister nötig hat, sich dem Gegner derart stark anzupassen. Auf der anderen Seite habe ich Vertrauen in Löw, er weiss genau, was er macht, und hat eine gute, positive Art. Er hinterlässt einen souveränen, entspannten Eindruck. Und es war ja keine so krasse Anpassung wie vor vier Jahren an der EM gegen Italien. Das war nicht ideal gewesen. Zudem hat Mehmet in der Wortwahl und im Angriff auf Löws Berater Urs Siegenthaler ein wenig übertrieben. Doch das kann in der Hitze des Gefechtes vor dem Bildschirm mal passieren (lacht).

Die deutschen Offensivspieler Thomas Müller, Mario Götze und mit Abstrichen auch Mesut Özil haben an der Europameisterschaft noch nicht überzeugt.Bei Müller mache ich mir keine Sorgen. Er weiss, was er zu tun hat. Und er ist gegen Frankreich unsere grosse Hoffnung im Angriff. Bei Götze sehe ich ein mentales Problem, seine Reservistenrolle bei Bayern ist für ihn schwierig. Aber er ist ein derart guter Fussballer, dass er jederzeit den Unterschied ausmachen kann. Das gilt auch für Özil, den ich nicht so schlecht sehe. Er ist aktiv, schoss gegen Italien ein Tor, hat viele Ideen.

Thomas Müller meinte diese Woche, Deutschland habe noch nie eine derart hohe Qualität an Spielern in der Breite gehabt.Das sehe ich natürlich anders (lacht). Im Ernst: Es ist immer schwierig, Teams von früher mit denen von heute zu vergleichen. Schauen wir schon nur zwei Jahre zurück, als wir in Brasilien Weltmeister wurden. War die Mannschaft wirklich schwächer besetzt als heute? Ich denke nicht.

Wären Sie heute eigentlich gerne Fussballspieler? Die Aufmerksamkeit ist viel höher als früher, die Löhne noch deutlich besser.Nein, niemals, ich wäre viel zu langsam (schmunzelt). Die würden mir alle davonrennen, das ist ja unfassbar, wie schnell das Spiel geworden ist. Ich bin keiner, der Dingen nachtrauert. Wir hatten auch eine gute Zeit. Das passt schon, wie es ist.

Sie wurden vor 20 Jahren Europameister in England. Dort bezwang Deutschland im Halbfinal im Wembley den Gastgeber im Elfmeterschiessen. Wie sind Ihre Erinnerungen an dieses Spiel?1996 war es gegen die Engländer eng, verdammt eng. In der Verlängerung grätschte Paul Gas­coigne um Zentimeter am Siegtor vorbei. Es gab ja damals das Golden Goal, das war recht speziell. Das Niveau im Elfmeterschiessen war ein bisschen höher als zuletzt zwischen Deutschland und Italien, alle zehn Schützen trafen, zum Glück vergab dann Gareth Southgate gegen Andreas Köpke. Und Andy Möller schoss uns in den Final gegen Tschechien.

Da ist der Pokal: Deutschlands Team feiert 1996 im Wembley den dritten EM-Titel nach 1972 und 1980. Bild: Imago

Dort bereiteten Sie in der Verlängerung das erste Golden Goal der Geschichte durch Oliver Bierhoff mit einem langen Ball aus der Abwehr nach vorne vor.Unser Trainer Berti Vogts hatte vor der Verlängerung die Devise rausgegeben, nicht mehr hinten rumzuspielen. Daran hielt ich mich halt. Das waren schon zwei grossartige Spiele im Wembley, zuerst gegen England, dann im Final gegen die Tschechen.

Wie unterscheidet sich die ­damalige Mannschaft von der heutigen deutschen Auswahl?Vom Talent her ist das, wie gesagt, schwierig zu vergleichen. Wir hatten einfach sehr viele starke Persönlichkeiten in der Mannschaft, das war beeindruckend. Und wir hatten übrigens grosses Verletzungspech, da fehlten in der Endphase so viele Spieler, dass sogar überlegt wurde, Spielerleibchen für die Ersatztorhüter Oliver Kahn und Oliver Reck zu beflocken. Zum Glück war das dann nicht nötig.

Sie waren damals als Innenverteidiger einer der Leistungsträger und wurden Ende Jahr zum «Mann des Jahres» vom Fachmagazin «Kicker» gewählt. War das Ihre beste Zeit?Ich hatte bei Bayern München, Dortmund und im Nationalteam einige schöne Erfolge gefeiert. Aber der EM-Titel war traumhaft und ein Höhepunkt meiner Karriere, mit Bayern gewann ich 1996 zudem auch den Uefa-Cup.

Auch dieses Jahr könnte mit Manuel Neuer oder Jérôme Boateng ein Defensivspieler «Mann des Jahres» werden, falls Deutschland wieder Europameister wird.Die beiden sind überragend, aber es hat weitere Akteure wie Toni Kroos oder Mats Hummels, die Topleistungen zeigen. Neuer, Boateng und Kroos hätten es auch bei grösseren Wahlen mal verdient, berücksichtigt zu werden. 1996 übrigens räumte Matthias Sammer sonst alle Auszeichnungen ab, er gewann auch die Wahl zum Weltfussballer und zu Europas Fussballer des Jahres.

Sie sind in Deutschland unter ­anderem als Moderator der bekannten Talksendung «Doppelpass» eine prominente TV-Figur. Wieso wollten Sie eigentlich nicht wie viele andere frühere Topspieler Trainer werden?Das wäre sicher reizvoll gewesen. Doch für mich war nach der langen Karriere als Fussballer klar, dass sich meine Familie nicht mehr nur nach meiner Agenda richten muss. Fast 20 Jahre als Profi waren genug. Und ich bin dem Fussball ja glücklicherweise immer noch stark verbunden.

Und warum wird Deutschland nun Europameister?Weil wir die beste Mannschaft haben. Klar, die Franzosen besitzen überragende Offensivleute, aber sie machen mir in der Abwehr nicht den stabilsten Eindruck und lassen relativ viel zu. Das wird am Donnerstag in Marseille ein heisser Tanz, doch wir packen das. Auch weil wir mit Manuel Neuer den weltbesten Torhüter haben. Der Sieger dieses Halbfinals übrigens wird das Endspiel in Paris gewinnen, daran habe ich keine Zweifel.

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