Noch wird keine Kritik an Jogi Löws Weg geübt

Deutschland kämpft in der Gruppe C im Fernduell mit Polen um Rang 1. Weltmeistertrainer Joachim Löw ist am Dienstag in Paris gegen Nordirland auf eine Steigerung seiner Offensive angewiesen.

Keine dunklen Wolken: Zwar überzeugt Joachim Löws Equipe nicht, doch die Kritik am Bundestrainer hält sich in Grenzen.

Keine dunklen Wolken: Zwar überzeugt Joachim Löws Equipe nicht, doch die Kritik am Bundestrainer hält sich in Grenzen.

(Bild: Keystone)

Es gäbe gute Gründe, Joachim Löw zu kritisieren. Doch es passiert nicht. Der Mann geniesst in deutschen Medien einen Heldenstatus. An der EM aber enttäuscht sein Nationalteam bisher.

Ein mühsamer 2:0-Sieg, auch dank Welttorhüter Manuel Neuer, gegen die Ukraine, ein müdes 0:0 gegen die unangenehmen Polen – so hatte sich Deutschland das nicht vorgestellt. Der Trainer jedoch bleibt unangetastet, obwohl der Boulevard eine kernige Polemik lancieren könnte. Denn das Kader Löws ist überraschend ­unausgewogen, es ist nach Grundsätzen zusammengestellt, die sich auch auf den zweiten Blick nicht erschliessen.

So fehlt es an Alternativen in der Offensive, Löw liess trotz des Ausfalls von Marco Reus beispielsweise die formstarken Julian Brandt und Karim Bellarabi zu Hause. Es hat kaum Aussenverteidiger im Team, Marcel Schmelzer und Erik Durm erhielten kein EM-Ticket, dafür so viele zentrale Aufbauer, dass Deutschland ein Team nur mit ihnen aufstellen könnte.

Rätselhafte Offensivspieler

Am liebsten würde Joachim Löw das wohl machen. Er mag das schöne Spiel, er ist ein Trainer, der es schätzt, wenn der Ball am Boden bleibt, mit kurzen Pässen und vielen Kontakten, und er hat mit Toni Kroos, Mesut Özil und Mario Götze Spielertypen dabei, die das vorzüglich beherrschen.

Allein: Özil ist im Nationalteam oft wie ein Phantom unterwegs, nahezu unsichtbar und ohne Einfluss. Das gilt auch für Götze, der ganz vorne spielen muss als «falsche Neun», wie man sagt. «Özil und Götze sind wichtige Spieler», sagt Joachim Löw, «und sie werden noch wertvoll für uns sein».

Bisher hinterliessen die Deutschen einen schwachen Eindruck. Jonas Hector und noch mehr Benedikt Höwedes, ein zentraler Abwehrspieler, sind im Defensivcouloir spielerisch zu wenig stark und schlagen zu wenig gute Flanken, um offensiv eine Hilfe zu sein.

Auch Thomas Müller agiert rätselhaft, doch um den Stürmer muss man sich keine Sorgen machen. Er hat noch immer verschlungene Wege zum Torerfolg gefunden und ist selbstkritisch genug, um zu wissen, dass er mehr leisten muss: «Es läuft nicht wie gewünscht, wir finden keine Lösungen.»

Und so ist die Aufregung in Deutschland nach dem traditionell ungenügenden zweiten Turnierspiel zumindest ein bisschen gestiegen. Es ist eine gute Zeit für Altmeister wie Michael Ballack, Lothar Matthäus und Oliver Kahn, die sich als Experten ganz gerne kritisch äussern. Und die auch Löw angreifen würden, aber (noch) nicht dürfen.

Die Spieler zumindest haben begriffen, dass sie gefordert sind. «Wir machen offensiv zu wenig», sagte der überragende Abwehrspieler Jérôme Boateng nach der Nullnummer gegen Polen. Es war eine klar platzierte Botschaft an die Kollegen in der Kreativabteilung.

Wann spielt Gomez?

Am Dienstag gegen die kämpferischen Nordiren wartet auf Deutschland im Fernduell mit Polen um den Gruppensieg eine Geduldsprobe. Löw fehlte am Montag leicht erkältet und wegen Halsschmerzen an der Pressekonferenz, leitete danach aber dick eingepackt das Training im Dauerregen.

Vielleicht springt er über seinen Schatten und nominiert im Sturm den wuchtigen Mario Gomez – ein Torjäger der eher älteren Schule, aber kein Fussballer, den Löw mag. Supertalent Leroy Sané könnte ebenfalls eine Spielgelegenheit erhalten.

Und weil Deutschland einen glänzenden Ruf als Turniermannschaft besitzt und genau weiss, wie man sich durch so eine EM mogelt, halten sich die Sorgen in der fussballeuphorisierten Heimat ohnehin in Grenzen.

Auch Löw weiss um diese deutschen Tugenden. Er hat sogar akzeptiert, dass Freistösse und Eckbälle wichtig sind, selbst wenn den Feingeist solche profanen Dinge langweilen. Und im Gepäck hat er ja immer noch den ständig verletzten Glücksbringer Bastian Schweinsteiger, den er wie an der WM 2014 mitschleppt.

Es wäre ein Grund, Löw zu kritisieren. Aber seit der Vorstellung Schweinsteigers im Final vor zwei Jahren in Rio, als er sich bis zur Selbstaufgabe opferte, ist auch der Captain in der Heimat fast ein Heiliger.

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