Acht prägende Figuren der Viertelfinalisten

Es gibt nicht nur Ronaldo, Bale und Pogba – vor den Viertelfinals an der Europameisterschaft sorgen andere für Aufmerksamkeit.

Fabian Ruch
Dominic Wuillemin

Italien: Leonardo Bonucci ist der jüngste und beste Senator
Wenn es darum geht, die weltbesten Verteidiger zu bestimmen, sind die Kandidaten ­bekannt: die Brasilianer Thiago ­Silva und David Luiz, die Spanier Sergio Ramos und Gerard Piqué, der Belgier Vincent Company und natürlich der Deutsche Jerome Boateng. Einer fliegt immer ein bisschen unter dem Radar, dabei hat er seine Klasse in den letzten Jahren zur Genüge unter Beweis gestellt. Leonardo Bonucci aber spielt nur beim italienischen Champion Juventus und damit zwar bei einem internationalen Topklub, jedoch nicht bei einem Champions-League-Giganten. Möglicherweise wird der robuste, entschlossene ­Italiener deswegen ein ­bisschen unterschätzt.

An dieser Europameisterschaft jedoch erfährt Bonucci höchste Wertschätzung, am Montag wurde er nach Italiens grossartiger Leistung gegen Spanien zum «Man of the Match» gekürt. ­Bonucci dirigierte die starke ­Defensive seines Teams wie meistens souverän, unaufgeregt und unerhört zweikampfstark. Mit 29 Jahren ist er das jüngste Mitglied der sogenannten «Senatoren-Abwehr» von Juventus und Italien um Goalielegende Gianluigi Buffon (38) sowie Andrea Barzagli (35) und Giorgio Chiellini (31), den beiden Kollegen in der Dreierkette.

Nach dem 2:0-Sieg gegen Spanien lobte Bonucci vor allem Nationaltrainer Antonio Conte: «Wir haben eine Auswahl mit nicht besonders viel Talent. Aber wir haben einen Plan, wir wissen genau, was wir zu tun haben. Das haben wir Conte zu verdanken. Er arbeitet seit zwei Jahren perfekt und stellt uns fantastisch ein.» Leonardo Bonucci nannte Conte irgendwann gar einen «Meister», was keineswegs übertrieben ist. Dank dem ­leidenschaftlichen Antreiber und brillanten Taktiker Antonio Conte träumt der vierfache ­Weltmeister Italien vom zweiten EM-Triumph nach 1968.

Im Viertelfinal wartet am Samstag der Weltmeister. Italien ist ja Deutschlands Angstgegner, in bisher acht Duellen an Welt- und Europameisterschaften hat Italien noch nie gegen den ewigen Rivalen verloren. Bonucci sagt vor dem Duell der beiden meistgenannten EM-Favoriten: «Die sind richtig stark. Wir müssen 23 Männer sein und 23 Träumer. Dann kann unser Weg hier weitergehen.» Und er, dieser abgezockte, routinierte Haudegen mit strategischen Stärken, wird erneut der Schlüsselspieler in Contes Matchplan sein.

«Bonucci spielt ausserordentlich intelligent», lobt der Coach, «er denkt wie ein Trainer und steht immer am richtigen Ort.» Kein Wunder, möchte Conte seinen Starverteidiger, den er auch aus gemeinsamen und erfolgreichen Zeiten bei Juventus kennt, unbedingt mit zu Chelsea nehmen. Vielleicht muss dieser Leonardo Bonucci tatsächlich einmal die Heimat verlassen, um weltweit anerkannt zu werden. (fdr)

Jerome Boateng ist Deutschlands liebster Nachbar Unser Nachbarland hat eine Nachbardebatte hinter sich. Die Geschichte geht so: Vor ein paar Wochen sagte Alexander Gauland, Vize-Chef der Partei Alternative für Deutschland (AfD), in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» über Jerome Boateng: «Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.»

Man muss wissen, dass die AfD eine rechtspopulistische Partei ist – und Gauland kein Fussballkenner. Nach dem landesweiten Sturm der Entrüstung wegen der rassistischen Äusserung ruderte Gauland zurück. Er habe das nicht so gemeint, möglicherweise habe er den Namen Boateng gar nie in den Mund genommen. Es sei ein Hintergrundgespräch gewesen. Und sowieso: «Ich interessiere mich nicht für Fussball. Ich wusste gar nicht, dass Boateng farbig ist.»

Zu retten aber gab es für Gauland nichts mehr, sogar seine Partei distanzierte sich entschieden von ihm. Einen Boateng kritisiert man in Deutschland nicht. Und schon gar nicht, wenn es darum geht, die Ängste der Menschen vor dem Fremden zu erklären. Vor Boateng fürchten sich in Deutschland nur die gegnerischen Stürmer, denn der überragende Abwehrspieler Bayerns gilt für viele derzeit als weltbeste Defensivkraft. Der Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers ist in Berlin aufgewachsen, bestens integriert und ein Leistungsträger des Nationalteams.

«Es ist ­immer gut, einen Boateng als Nachbar zu haben», sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 2:0-Sieg gegen die Ukraine zum EM-Start süffisant, als Boateng einen Gegentreffer spektakulär verhindert hatte. Und als Boateng zuletzt im Achtelfinal gegen die Slowakei (3:0) sogar den ersten Treffer für Deutschland erzielte, lautete ein viel zitierter Satz im Land: «Es ist schön, solch treffsichere Nachbarn zu haben.»

Boateng ging mit dem unerwarteten Rummel um seine Person gelassen um. Wie es seinem Naturell entspricht. «Da kann ich nur drüber lächeln. Es ist traurig, dass so etwas heute noch vorkommt», meinte er. Obwohl Boateng gross und kräftig ist, gehört er zu den schnellsten Abwehrspielern, er lässt sich kaum einmal ausspielen. Seine Wade bereitet der Fussballnation gerade grosse Sorgen, er musste zuletzt zweimal ­vorsorglich ausgewechselt werden. Und Ende Januar hatte er eine schwere Verletzung an den Adduktoren erlitten, worauf er fast die gesamte Rückrunde verpasste.

Der 27-Jährige hat sich konstant vom Hasardeur zum stilprägenden Verteidiger weiterentwickelt. Wegen seiner modischen Kleidung ­abseits des Rasens gilt er als Stilikone. Und die dümmliche Nachbar-Äusserungen Gaulands bescherten ihm ohnehin hohe Sympathiewerte im ganzen Land. (fdr)

Belgien: Der hochbegabte Eden Hazard zaubert endlich wieder Es muss zwei Eden Hazards ­geben. Seit vier Jahren spielt der Belgier bei Chelsea, und letzte Saison war der Offensivkünstler nicht mehr wiederzuerkennen. Er war mit miserablen Leistungen das Gesicht der Chelsea-Misere, erst im April gelang ihm das erste Saisontor in der Premier League. Am Ende ­standen acht mickrige Skorerpunkte in der Bilanz – in den drei Jahren zuvor waren es total über 80 gewesen. «Wir spielten eine schwache Saison», sagte Hazard vor der Euro, «aber nun haben wir mit Belgien die Möglichkeit, etwas Grosses zu erreichen.»

Und der nicht ganz so geheime Geheimfavorit Belgien hat sich nach schwachem Start und 0:2-Niederlage gegen Italien ­gesteigert. Mit Hazard. Dank Hazard. Zuletzt, bei der 4:0-Gala gegen Ungarn, überzeugte der blitzschnelle Dribbelkünstler mit einem Traumtor und zwei Vorlagen. Der Zweifler Hazard gilt als sensibel. Vielleicht auch deshalb hatte Belgiens Coach Marc Wilmots den 25-Jährigen in Abwesenheit des verletzten Abwehrchefs Vincent Kompany zum Captain für die Euro ernannt.

Hazard hat bereits 70 Länderspiele bestritten und gilt als bester belgischer Fussballer der Geschichte. «Wenn er sich gut fühlt, ist er der beste Spieler der Welt», sagte Belgiens Torhüter Thibaut Courtois nach dem Erfolg gegen Ungarn. Und Trainer Wilmots, wegen erheblicher taktischer Schwächen in der Kritik, strahlte, als er erklärte: «Viele haben sich gewundert, dass ich Hazard zum Captain gemacht habe. Aber dieser kleine Mann muss erwachsen werden. Deswegen gab ich ihm Verantwortung. Er spricht nicht viel, aber er spricht mit den Füssen.» ­Hazard bestätigte diese Einschätzung, als er auf die Frage eines Journalisten, ob das sein bestes Länderspiel gewesen sei, einfach nur mit «Ja» antwortete.

Nun ist Belgien wie im Garten Eden, der Weg in den Final ist nicht allzu steinig. Vorerst wartet Wales, bereits in der EM-Qualifikation Gegner. Nach torlosem Remis in Belgien gewann Wales zu Hause 1:0. Torschütze war Gareth Bale, Hazards Pendant beim Überraschungsviertelfinalisten. Möglicherweise sind sie bald Teamkollegen bei Real Madrid. Die Rekordtransfersumme Bales würde wohl fallen, über 100 Millionen Ablöse sind für einen Hochbegabten wie Hazard realistisch. Und der Preis könnte in den nächsten Tagen weiter steigen. (fdr)

Wales: Aaron Ramsey ist der Fluchbesieger Aaron Ramsey ist der Lieblingsfussballer der Verschwörungstheoretiker: Erzielt der wali­sische Nationalspieler ein Tor, stirbt wenig später eine Berühmtheit. So im Mai 2011: Ramsey trifft gegen Manchester United, kurz darauf wird Osama bin Laden getötet. Oder im Ok­tober 2011: Ramsey trifft gegen Tottenham. Drei Tage später erliegt Apple-Gründer Steve Jobs seiner Krebserkrankung. Oder im Februar 2012: Tor gegen Sunderland, kurz danach stirbt Pop-Diva Whitney Houston. Oder im August 2014: Treffer gegen Manchester City. Hollywood-Legende Robin Williams nimmt sich das Leben. Oder zuletzt im Januar dieses Jahres – Ramsey trifft gegen Sunderland, einen Tag später stirbt Musiklegende David Bowie.

Die unheimliche Liste ist nicht komplett, sie könnte um viele Namen verlängert werden, Ramsey selbst aber ist sie längst zuwider geworden. «Ich halte es für dummes Zeug. Und fand es nie lustig», sagte er kürzlich dazu.

Die Reaktion ist verständlich, ob der Geschichten um den Ramsey-Effekt drohen die ­Darbietungen des zentralen Mittelfeldakteurs in den Hintergrund zu rücken. Dabei ist er nun eine prägende Figur im Nationalteam, er nimmt eine Rolle ein, die für ihn eigentlich schon früh vorgesehen gewesen war. Bereits mit 16 hatte Aaron Ramsey in Cardiff bei den Profis debütiert. Ein Jahr später wurde er zum Nationalspieler.

Ramsey wechselte zu Arsenal, wo er mit 19 aber den Tiefpunkt seiner Karriere ­erlebte. Nach einem brutalen Foul von Stoke-Verteidiger Ryan Shawcross erlitt Ramsey einen Schien- und Wadenbeinbruch, fiel für neun Monate aus, kämpfte sich später allerdings eindrücklich zurück. «Aaron ist ein kompletter Mittelfeldspieler. Er kann verteidigen, er kann angreifen, er kann Tore schiessen», sagt sein Klubtrainer ­Arsène Wenger. Immerhin 187 Spiele hat Ramsey inzwischen für die Londoner absolviert. Unumstritten war er bei den Arsenal-Fans selten, zu inkonstant ­fielen seine Leistungen aus.

Nun erlebt der 25-Jährige die wohl beste Phase seiner Karriere, am überraschenden Erfolg von ­Wales an der Europameisterschaft hat er mit einem Tor und zwei Assists einen grossen Anteil. Er ist nach Gareth Bale der zweite Schlüsselspieler des Underdogs. ­«Gareth kann in jedem Team der Welt den Unterschied ausmachen. Aber für Aaron gilt das auch. Viel läuft derzeit über ihn», sagt Nationaltrainer Chris ­Coleman.

Übrigens, nach Ramseys Treffer gegen Russland vor neun Tagen verstarb für einmal keine Berühmtheit. Vor dem Viertel­final gegen Belgien am Freitag rückt die Nummer 10 in Frankreich aufgrund ihrer sportlichen Darbietungen in den Fokus. Es ist Ramsey zu gönnen. (dwu)

Island: Filmemacher Hannes Halldorsson steht im Kasten Island brodelt. Das Fussballmärchen des Aussenseiters und Exoten an der Fussball-EM bewegt die Menschen, mittlerweile gibt es ausserhalb Islands deutlich mehr Bewunderer der isländischen Mannschaft als zu Hause. Was kein Wunder ist, schliesslich leben nur rund 330'000 Menschen auf der Insel. Und von denen ist derzeit vermutlich ­jeder im Fussballfieber, die Einschaltquote beim heroischen 2:1-Sieg im Achtelfinal gegen England betrug vorgestern über 99 Prozent! Nun steht Island im Viertelfinal, wie es der frühere YB-Spieler Gretar Steinsson in einem Interview mit dieser Zeitung vor der Europameisterschaft prophezeit hatte.

Der schwedische Trainerguru Lars ­Lagerbäck hat einen wilden Haufen Haudraufs in eine gut organisierte Mannschaft verwandelt. Und hinten im Tor steht die bunteste Figur, deren Story man sich derzeit auf Sommerpartys europaweit begeistert erzählt. Hannes Halldorsson, zweiter Vorname Thor, ist nämlich auch einer der bekanntesten Filme­macher Islands. Er dreht Musikvideos, Werbespots, Dokumentationen, Actionfilme, Komödien. Einmal sagte er, die Welt des Fussballs sei ihm zu einfach, er müsse sich mit anderen Dingen beschäftigen können.

Ist Islands Team auf Reisen, streift er stundenlang durch die Städte, er ist ein Freigeist, dem es egal ist, wer auf der anderen Seite spielt und wie prominent der Gegner ist. Als Island einmal gegen Belgien spielte und seine Mitspieler die Ansammlung an Starspielern beim Gegner bewundernd betrachteten, sagte der Keeper, er kenne eigentlich nur Eden Hazard. Und wenn die oft erzählte Geschichte nicht genau so lief, so ist sie doch wunderbar erzählt.

Der 32-jährige Goalie spielt derzeit in Norwegen, bei FK Bodö/Glimt. Stammspieler ist er dort nicht. Noch mit 21 Jahren sass er bei einem isländischen Drittligisten als dritter Goalie auf der Tribüne und wog 105 Kilogramm. «Meine Aufsteigerstory ist mir manchmal selber ein ­Rätsel», sagte er vor einigen ­Wochen. Heute ist Halldorsson, 193 Zentimeter gross und noch 87 Kilogramm schwer, stolzer EM-Viertelfinalist.

Nach dem ersten Einsatz Islands an dieser EM gegen Portugal (1:1) hatte Ausnahmespieler Cristiano Ronaldo gesagt, Island wolle gar nicht mitspielen und werde an der Euro bald ausscheiden. Auch Ronaldo hat sich geirrt. Und nach den Engländern sollen am Sonntag nun die Franzosen das nächste Opfer Islands sein. Hofft man zu Hause. Halldorsson würde so etwas wohl nie sagen. Anzunehmen immerhin ist, dass er nach drei Wochen in Frankreich zumindest die Stars des nächsten Gegners kennt. Wie Paul Pogba. In Ehrfurcht erstarrt er nicht. (fdr)

Antoine Griezmann ist Frankreichs Lösung gegen Griesgram Es gibt ein paar Fragezeichen in Frankreichs Nationalteam. Wann erwacht Superstar Paul Pogba endlich richtig? Reicht es mit dieser wackligen, langsamen Defensive wirklich zum Titelgewinn? Eine Frage aber ist geklärt: Wer schiesst in Abwesenheit des nicht aufgebotenen Karim Benzema die Tore? Antwort: immer andere. Vor allem aber: Antoine Griezmann.

Mittelstürmer Olivier Giroud arbeitet hart, Dimitri ­Payet hat sich in die Herzen der französischen Fans geschossen. Will der EM-Gastgeber aber am Heimturnier triumphieren, benötigt er einen Griezmann in Topform. Wie am Sonntag beim erknorzten 2:1-Sieg gegen Irland im Achtelfinal nach der Pause. «Das war ein hartes Stück Arbeit», sagte Griezmann danach, «aber wir haben bewiesen, dass wir leiden können.»

Nun geht es nicht, wie erwartet, im Klassiker gegen England im Stade de France um den ­Einzug in den Halbfinal. Nein, es wartet der sensationell auftrumpfende Aussenseiter Island. Und vielleicht springt Trainer Didier Deschamps ja über seinen Schatten und lässt sein Team im 4-2-3-1-System agieren – mit Griezmann als Spielmacher hinter Giroud, flankiert von Payet und Kingsley Coman. In den ersten Halbzeiten dieser Euro vermochte Frankreich im griesgrämig interpretierten 4-3-3 nie zu gefallen. «Wir können es noch viel besser», sagt Griezmann, «und wir werden das auch beweisen.»

Bereits mit 14 Jahren war der Franzose zu San Sebastián nach Spanien gewechselt, wo er zum umworbenen Jungstürmer ­heranreifte. Atlético Madrid liess sich die Dienste des wirbligen, abschlussstarken Angreifers vor zwei Jahren 30 Millionen Euro kosten. Und nach Startschwierigkeiten unterstrich Griezmann in Madrid vor allem in dieser Saison, ein Stürmer der Extraklasse zu sein.

Wettbewerbsübergreifend gelangen ihm für Atlético 32 Tore, und nach dem knapp verlorenen Champions-League-Final gegen Real Madrid (im Elfmeterschiessen) hiess es, der 25-Jährige werde in die Premier League wechseln. Vor wenigen Tagen aber verlängerte er überraschend seinen Kontrakt in Madrid, die Ausstiegsklausel soll 100 Millionen Euro betragen. «Das Atlético-Projekt gefällt mir», erklärte Griezmann.

In den nächsten Tagen aber will er seinen Status als Nationalheld festigen. Doch der freundliche, fast schüchterne Angreifer hätte auch kein Problem damit, sollte Pogba noch zum EM-Star aufsteigen. (fdr)

Polen: Jakub Blaszczykowski ist das Stehaufmännchen Es hat einen schalen Beigeschmack, wenn ein Fussballer noch während der Karriere eine Biografie veröffentlicht. Und ­tatsächlich steht in solchen ­Büchern oft wenig Spannendes. Ausser es ist von Zlatan Ibrahimovic, der bildet natürlich eine Ausnahme. Bei Jakub Blaszczykowski jedoch ist die Lage eine völlig andere, der 30-Jährige hatte ganz viel zu erzählen, als im vergangenen Herbst das Buch «Kuba» erschien. Der polnische Offensivspieler war als 11-Jähriger Zeuge geworden, wie sein Vater die Mutter erstochen hatte. «Dieses Erlebnis hat mein Leben komplett durchgeschüttelt, verändert und geprägt. Aber ich sehe darin auch etwas, was mich stark gemacht hat», sagt der 81-fache Nationalspieler.

Nach dem Mord an seiner Frau musste der Vater 15 Jahre ins Gefängnis. Zusammen mit dem Bruder wuchs Blaszczykowski bei der Grossmutter auf. Sein Onkel, einst Profifussballer in Innsbruck, förderte ihn. Lange aber war nicht absehbar, dass der schnelle Flügelspieler Karriere machen könnte: Noch mit 16 mass er nur 155 Zentimeter. «Ich habe die ganzen Emotionen in mich hineingefressen und konnte sie nicht herauslassen», sagt Blaszczykowski und glaubt, eine Erklärung für seine damals geringe Körpergrosse zu haben.

Später, mit 176 Zentimeter, stieg er zum besten polnischen Spieler auf, wurde Captain, erlebte in Dortmund unter Jürgen Klopp seine beste Zeit. Doch schon bald einmal rückte ein anderer Pole Dortmunds in den Fokus. Robert Lewandowski wurde von Jahr zu Jahr grösser, bis er die Überfigur war. Ende 2014 musste Blaszczykowski im Nationalteam die Captainbinde an Lewandowski abgeben. «Es ist kein Geheimnis, dass wir nicht auf einer Wellenlänge liegen», schreibt er in seiner Biografie über den Starstürmer, «wir haben keinen Kontakt, jeder geht seinen Weg.»

Mit Blaszczykowski ging dieser fortan auch verletzungsbedingt bergab, selten vermochte er an die Leistungen früherer Tage ­anzuknüpfen. Immer öfter blieb ihm nur noch der Platz auf der Ersatzbank. Im vergangenen Sommer liess er sich nach Florenz ausleihen, aber auch unter Trainer Paulo Sousa kam er nur unregelmässig zum Einsatz. Vor der EM drohte ihm die Ausmusterung, er wurde erst auf den letzten Drücker nominiert.

Jetzt ist er der Held: Mit seinen Toren gegen die Ukraine und die Schweiz wurde er zum Wegbereiter des polnischen Erfolges, Lewandowski wartet derweil immer noch auf sein erstes Tor an der EM. «Um meine Träume kämpfe ich mit aller Kraft», sagt der Mann der Stunde nach dem Einzug in den Viertelfinal am Samstag. Jakub Blaszczykowski schreibt in Frankreich gerade ein neues Kapitel seiner Biografie. Die Frage vor dem Spiel am Donnerstag gegen Portugal ist, wie umfassend es wird. (dwu)

Portugal: Renato Sanches ist mit Rastalocken auf der Überholspur Cristiano Ronaldo stellt gerade Rekord um Rekord auf, vielleicht folgt am Donnerstag im EM-Viertelfinal der Portugiesen gegen Polen gleich der nächste. Noch ein Tor fehlt dem Superstar, um mit Michel Platini (9 Treffer) als bestem Torschützen der EM-Historie gleichzuziehen.

Und schon rauscht der nächste Portugiese mit Siebenmeilenschritten heran – und bricht schon mal die ersten Rekorde Ronaldos. Renato Sanches heisst der junge Mann, er war 18 Jahre und 301 Tage alt, als er an dieser Euro gegen Ungarn (1:1) eingewechselt wurde. Er löste damit Ronaldo als jüngsten Portugiesen ab, der an einer EM oder WM eingesetzt wurde. «Es ist wie ein Traum», sagte Sanches, «vor einem Jahr war ich noch nicht einmal Profi.»

Vor wenigen Wochen wechselte Renato Junior Luz Sanches nach starker Saison bei Benfica Lissabon für 35 Millionen Euro zu Bayern – wobei sich die Ablösesumme auf bis zu 80 Millionen erhöhen kann. Das Vertrauen in die Fähigkeiten von Sanches ist in der Heimat grenzenlos, das zeigen die ausgefallenen Klauseln, die im Transfervertrag stehen. So werden mit dem 25. Länderspiel des Jungen 5 Millionen Euro fällig. Wird Sanches von der Fifa ins «Team des Jahres» gewählt, müssen die Bayern 10 Millionen nachzahlen. Ist er als einer von drei Akteuren zur Wahl des Weltfussballers vorgeschlagen, kostet das die Münchner auch 10 Millionen. Reüssiert er gar als Weltfussballer, folgen weitere 20 Millionen.

Das klingt alles ein bisschen absurd. Doch weil Sanches einen Vertrag bis 2021 unterschrieben hat, könnte die eine oder andere Sonderzahlung in den nächsten fünf Jahren überwiesen werden müssen. Die Bayern würden es verschmerzen, weil sie dann ja richtig gelegen hätten mit ihrem gewaltigen Investment in einen Teenager. «Er ist fraglos eines der grössten Talente im Weltfussball», sagt Pep Guardiola, der scheidende Bayern-Trainer.

Sanches ist ein Kraftwerk mit Box-to-Box-Qualitäten. Er ist ein Aufbauer, der in beiden Strafräumen präsent ist, durchsetzungsstark, spielfreudig, ­mutig. Gegen Kroatien deutete er nach seiner Einwechslung im Achtelfinal sein Potenzial an. Der Sohn kapverdischer Einwanderer wuchs in einem Lissaboner Problemviertel auf, trägt auffällige Rastalocken – und kostete Benfica vor neun Jahren 750 Euro (plus 25 Fussbälle, als er 2015 seinen ersten Profivertrag unterzeichnete).

Ganz Portugal fordert nun den ersten EM-Starteinsatz von Sanches. Er würde damit einen weiteren Ronaldo-Rekord brechen. Und Portugal träumt vom ersten grossen Titel. Vor allem wegen CR7. Und wegen Sanches. 2012 scheiterten die Portugiesen unglücklich im Halbfinal-Elfmeterschiessen an Spanien. Sie sind übrigens – Rekord, Rekord – das einzige Team, das seit 1996 immer die zweite EM-Phase erreicht hat. (fdr)

Berner Zeitung

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