«Lasst uns weiterträumen»

Portugal ist im EM-Fieber. Superstar Cristiano Ronaldo ist stolz auf die Nationalmannschaft. Und der als Trainer Portugals immer noch ungeschlagene Fernando Santos gibt sich zuversichtlich.

Euphorie pur: Portugiesen feiern in Hamburg den Finaleinzug ihrer Mannschaft.

Euphorie pur: Portugiesen feiern in Hamburg den Finaleinzug ihrer Mannschaft.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

Man wirft Cristiano Ronaldo oft vor, dass er in entscheidenden Begegnungen gerne abtauche. Und dass er mit Portugal noch keinen grossen Titel gewonnen habe. Das ist ein bisschen unfair, denn in Portugal ist zwar die Fussballtradition gross, aber das Land ist klein und steigt stets als Aussenseiter in Welt- und Europameisterschaften.

Für Ronaldo schliesst sich am Sonntag in Paris mit dem EM-Final 2016 ein Kreis. Vor zwölf Jahren, bei seiner ersten Euro als 19-Jähriger, scheiterte Portugal im Endspiel zu Hause an den überraschend erfolgreichen Griechen und deren Defensivfussball. Auch danach war Ronaldos Bilanz nicht so schlecht: 2006 verlor Portugal im WM-Halbfinal, 2008 im EM-Viertelfinal, 2012 im EM-Halbfinal. Gegen die Weltgrössen Frankreich, Deutschland und Spanien. Und immer sehr knapp.

«Es war ein langer Weg»

Nun winkt dem dreifachen Weltfussballer, der auf Vereinsebene mit Manchester United und Real Madrid unzählige Titel gewonnen hat, die Krönung mit Portugal. Nach dem 2:0-Sieg gegen Wales sagte Ronaldo: «Wir haben es geschafft. Es war ein langer Weg, wir mussten kämpfen, durch schwierige Zeiten gehen. Aber wir haben uns gut entwickelt.» Und dann meinte er: «Der Traum kann Wirklichkeit werden. Ich hoffe, wir gehen am Sonntag lachend vom Platz und müssen nicht weinen wie 2004.»

Mittwochnacht feierten die Landsleute zu Hause jedenfalls ausgelassen, stundenlange Hupkonzerte durch die Nacht in Lissabon und Porto unterstrichen die riesengrosse Begeisterung der Portugiesen. Die Bevölkerung ist im EM-Fieber, selbst Ministerpräsident Antonio Costa entschied, jegliche Zurückhaltung sei nun nicht mehr angebracht. «Wir sind Millionen, die jubeln. Portugal darf sich selbst gratulieren. Am Sonntag wird noch lauter geschrien: Viva Portugal!», twitterte er euphorisch.

Mit Pragmatismus im Final

Man kann Portugal vorwerfen, die Mannschaft hole spielerisch zu wenig aus ihren Möglichkeiten heraus. Sie ist ja eher auf leisen Sohlen in den Final geschlichen. Ihre Vorstellungen nach der Vorrunde waren grösstenteils pragmatisch, aber so läuft das nun mal an grossen Turnieren. Trainer Fernando Santos fragte an einer Pressekonferenz vor ein paar Tagen, wie denn andere Weltmeister und Europameister geworden seien. «Die gewannen auch nicht jedes Spiel mit Angriffsspektakel 5:1.» Er dürfte an Italiens WM-Titel 1982 gedacht haben, zum Beispiel, aber eigentlich musste jeder Sieger in den letzten Jahrzehnten kritische Momente wie ein Elfmeterschiessen oder Verlängerungen überstehen.

«Wir fahren nicht nach Paris, um den Final zu bestreiten. Wir fahren dahin, um den Final zu gewinnen.»Portugals Trainer Fernando Santos

Am Ende war es im Halbfinal in Lyon gegen Wales, natürlich, Cristiano Ronaldo, der sein Team in den Final geführt hatte. Mit einem sensationellen Kopftor. Und mit dem Assist zum 2:0 von Nani. Der 31-Jährige agierte erneut nicht brillant, aber er verliert an dieser EM kaum einen Ball, er schafft Lücken, die seine Teamkollegen manchmal nicht erkennen.

Nach dem souveränen Sieg gegen Wales sagte der Superstar: «Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft. Nicht viele hatten uns zugetraut, hier den Final zu erreichen.» Und dann verglich Cristiano Ronaldo die EM mit einem Marathon. «Das ist kein 100-m-Sprint», sagte er. «Wir hatten immer vom Final geträumt. Lasst uns also weiterträumen. Ich hoffe, wir sind nun endlich an der Reihe.»

Am Sonntag Aussenseiter

Am Sonntag wird Portugal im Stade France in der Rolle des krassen Aussenseiters sein. Erstmals an dieser Europameisterschaft. Der schlaue Trainer Fernando Santos wird sein Team wieder perfekt auf den Gegner einstellen, so wie er das zuletzt immer getan hat. Er sagte nach dem Sieg gegen Wales: «Wir fahren nicht nach Paris, um den Final zu bestreiten. Wir fahren dahin, um den Final zu gewinnen.»

Unter dem 61-Jährigen ist Portugal auch nach 13 Pflichtspielen ungeschlagen. «Wir hatten uns nach meiner Ankunft Ziele gesetzt», sagte Santos. «Einige haben wir erreicht. Das grösste aber noch nicht.»

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