Griezmann nutzt Deutschlands Fehler aus

In einem phasenweise hochklassigen EM-Halbfinal in Marseille setzt sich Gastgeber Frankreich gegen Weltmeister Deutschland 2:0 durch. Der brillante Antoine Griezmann schiesst beide Tore und bestraft Deutschlands Aussetzer.

  • loading indicator
Fabian Ruch

Es ist gegen Ende der Begegnung ein Sturmlauf der Deutschen, unkontrolliert und wild, aber mit glänzenden Chancen, um noch einmal zurück ins Spiel zu kommen. 0:2 liegen sie seit der 72. Minute im EM-Halbfinal gegen Frankreich zurück, doch sie geben sich nicht geschlagen.

Vermutlich aber hätten sie an diesem Abend in Marseille noch lange weiterspielen, weiterpassen und weiterstürmen können – und hätten kein Tor erzielt. Es ist eine bittere Niederlage, weil sich die Deutschen irgendwie selber schlugen und den Franzosen die zwei Tore regelrecht schenkten.

Überragender Griezmann

Dabei waren die Franzosen in die Partie gestartet, als würde diese nur 10 Minuten dauern. Was ja zumindest für ihre Offensivbemühungen vorerst auch galt. Diese 10 Minuten zeigten, wo die Stärken der französischen Auswahl liegen. In der Athletik, im Tempo, im Umschaltspiel.

Mehrmals sprinteten die robusten Paul Pogba und Blaise Matuidi übers halbe Feld, als seien sie an einem Crosslauf unterwegs. Matuidi inszenierte mit dem brillanten Antoine Griezmann auch die beste Gelegenheit in der Startphase, doch Deutschlands Torhüter Manuel Neuer hielt den Schuss Griezmanns stark.

Dann aber übernahm der Weltmeister in einer hochklassigen Begegnung das Kommando. Die Feinfüsse Mesut Özil, Julian Draxler und vor allem Toni Kroos baten zum Passfestival, nach links und nach rechts und nach vorne, auf der rechten Seite gefiel Joshua Kimmich vor der Pause, doch zweimal der glücklose Thomas Müller sowie Emre Can verpassten innerhalb von drei Minuten die Führung. Can war im Mittelfeld überraschend ins Team gerückt, weil Trainer Joachim Löw das Zentrum mit einem kräftigen Akteur verdichten wollte. Schweinsteigers Handspiel

Und um Bastian Schweinsteiger zu entlasten. Der Altmeister stand ebenfalls in der Startformation – und am Ende der ersten Halbzeit im Mittelpunkt. Nachdem die Deutschen Ball und Gegner und Spiel total im Griff hatten, leistete sich Schweinsteiger im Strafraum bei einem Kopfballduell ein Handspiel.

Es ähnelte jenem, welches Mitspieler Jerome Boateng im Viertelfinal gegen Italien begangen hatte, war aber schwierig zu erkennen. Die italienischen Spielleiter sahen das Vergehen – und Griezmann verwandelte in der Nachspielzeit der ersten Hälfte den Elfmeter zum 1:0.

Und so war Schweinsteiger in diesem Halbfinal eine der tragischen Figuren. Ausgerechnet der Captain, der mit seinem 38. Einsatz an Welt- und Europameisterschaften einen neuen Rekord aufstellte. Denn nach der Pause gelang es den Deutschen nicht mehr, derart prägend aufzutreten, es war nun eine offene, weiter äusserst intensive Partie.

Griezmann, Star des Turniers, war kaum zu bremsen. Die Deutschen wiederum leisteten sich zu viele Fehler. Mitte der zweiten Hälfte musste sich zudem ihr Abwehrchef Boateng erneut angeschlagen auswechseln lassen. Und dann erhielt Deutschland ein Tor, wie man es auf dieser Stufe selten sieht.

Krönung gegen Portugal?

Zuerst verlor Kimmich im eigenen Strafraum den Ball schludrig, dann leistete sich Neuer nach der Flanke Pogbas einen Patzer, den Griezmann mit ein wenig Dusel ausnutze. Der Torjäger stocherte den Ball nach der zu kurz geratenen Abwehr zum 2:0 ins Netz. Es war bereits sein 6. Turniertor. «Das war Teamarbeit. Dieser Sieg gehört auch den Physiotherapeuten und allen, die zum Team gehören», sagte Griezmann.

Die Deutschen gingen derweil gefasst mir der Niederlage um. «Wir haben stark gespielt und sind dominant aufgetreten», meinte Trainer Löw. Goalie Neuer fand, dass sein Team besser gewesen sei. «Das ist nicht unbedingt ein gerechtes Resultat.» Mitspieler Kroos wiederum erklärte, das sei das beste Spiel Deutschlands an dieser EM gewesen. «Wir hatten gute Möglichkeiten, gerieten aber durch eine dumme Aktion in Rückstand.»

Die Deutschen werden Zeit benötigen, um diese Niederlage zu verarbeiten. Gastgeber Frankreich dagegen kann seinen beeindruckenden Steigerungslauf an dieser Euro am Sonntag im Final in Paris gegen Portugal krönen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt