Frankreichs drei Musketiere

Frankreich freut sich nach der Gala gegen Island auf den Halbfinal gegen Deutschland am Donnerstag. Die Zuversicht beim EM-Gastgeber ist auch den drei Offensivkräften Antoine Griezmann, Dimitri Payet und Olivier Giroud zu verdanken.

Die Offensivstars der Franzosen: Antoine Griezmann, Dimitri Payet und Olivier Giroud.

Die Offensivstars der Franzosen: Antoine Griezmann, Dimitri Payet und Olivier Giroud.

(Bild: Keystone)

Für die französische Sportzeitung «L’Equipe» ist der Fall klar. «Fast perfekt», titelt sie am Montag auf Seite 1 nach dem EM-Halbfinaleinzug Frankreichs. Doch für etwas weniger euphorische oder weniger parteiische ­Beobachter ist die Stärke Frankreichs auch nach dem fünften Auftritt an dieser Europameisterschaft schwierig einzuschätzen. Noch traf der Gastgeber auf keine grosse Mannschaft.

Griezmanns Sonderklasse

Immerhin überzeugte Frankreich im Viertelfinal am Sonntagabend gegen Island beim 5:2-Sieg erstmals, es war vor der Pause gar eine Galavorstellung gewesen mit einer bemerkenswerten Mischung aus Spielfreude, Entschlossenheit und Abschlussstärke. Der Gegner allerdings war überfordert, er agierte inferior und lud die Franzosen zum Toreschiessen geradezu ein. «Wir haben eine gute Leistung gezeigt», sagt Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps, «aber wir müssen uns weiter steigern, wenn wir im nächsten Spiel eine Chance haben wollen.»

Nach den harzigen Vorstellungen mit klarer Leistungssteigerung nach der Pause gegen Rumänien (2:1), Albanien (2:0) und Irland (2:1) sowie der Nullnummer gegen die Schweiz ist Frankreich dank dem Torfestival gegen Island endgültig im Turniermodus. «So ein Spiel haben wir gebraucht», sagt Antoine Griezmann, «das gibt uns viel Selbstvertrauen.» Der flinke Stürmer von Atlético Madrid bewies seine Sonderklasse gegen Island mit einem frechen Lupfer kurz vor der Pause zum 4:0.

Wer wird Torschützenkönig?

Der 25-jährige Griezmann führt die EM-Torschützenliste mit vier Treffern an, erste Verfolger sind der ausgeschiedene Spanier Al­varo Morata, der Waliser Gareth ­Bale sowie die Teamkollegen Olivier Giroud und Dimitri Payet mit drei Toren. «Wir harmonieren stark und kreieren viele Chancen», sagt Griezmann, während Payet erklärt: «Wir haben ja nicht so oft zusammengespielt. Aber es geht von Spiel zu Spiel besser.»

Payet von West Ham United ist mit seinen 29 Jahren ein Senkrechtstarter in Frankreichs Auswahl. Er ist erst seit rund drei Monaten Stammkraft im Nationalteam, entzündete mit seinem Traumtor im Eröffnungsspiel gegen Rumänien kurz vor Schluss erstmals die Emotionen im Fussballland und ist auch wegen seiner ausgeprägten Freistossqualität zum Leistungsträger avanciert.

Und er versteht sich prächtig mit Griezmann sowie dem ebenfalls 29 Jahre alten Stossstürmer Giroud, der vorne hart arbeitet und seinen technisch beschlagenen Mitstreitern immer wieder Räume öffnet. Beispielsweise vor Griezmanns Tor gegen Island, als er mit einer Finte den Weg frei zauberte. «Wir haben uns gefunden», meint Arsenal-Angreifer Giroud, «es macht sehr Spass.»

Wieder defensiver?

Mit Girouds Kraft, Payets Schussstärke und Griezmanns Finesse soll nun am Donnerstag auch Deutschland bezwungen werden. Aber zuvor wird es wohl erst mal wieder heftige Debatten über die taktische Ausrichtung der Mannschaft geben. Denn Didier Deschamps ist ein eher vorsichtiger Trainer, der es gegen die starken Deutschen vorziehen könnte, den zuletzt gesperrten N’Golo Kanté wieder als Absicherung ins defensive Mittelfeld zu nehmen.

Dann müsste Griezmann aus dem Zentrum wieder an den rechten Flügel rücken, wo er deutlich weniger Einfluss aufs Geschehen nehmen kann. Vorerst aber sind die drei formstarken Offensivkräfte die Musketiere Frankreichs. Griezmann, Payet und Giroud haben an der Europameisterschaft zusammen bereits 16 Skorerpunkte gesammelt, weil jeder aus dem Trio auch zwei Tore vorbereitet hat.

Nicht ganz so überzeugend wirkt die Defensive Frankreichs, die ja wegen einiger verletzungsbedingter Absenzen wie jener von Real-Madrid-Innenverteidiger Raphael Varane personell geschwächt ist.

Selbst gegen Island liessen die Franzosen erstaunlich viele Topchancen zu, wobei sie nach der Pause nicht mehr mit letzter Konsequenz zu Werk gingen. Besonders nach Eckbällen wirkte die Mannschaft zuweilen äusserst unsortiert. «Gegen Deutschland müssen wir in jeder Sekunde konzentriert sein», fordert Trainer Deschamps.

Über den Mount Everest

Der Respekt vor Weltmeister Deutschland ist in Frankreich enorm gross. Selbst bei der begeisterungsfähigen «L’Equipe». Auf Seite 2 wählt die Zeitung am Montag gleich wieder einen boulevardesken Titel: «Und nun der Everest».

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