Island taumelt vor Freude

Island befindet sich in Ekstase. Im Mittelpunkt der Freude steht insbesondere der schwedische Trainer Lars Lagerbäck, den Fans als nächsten Präsidenten sehen wollen.

Reykjavik im Siegesrausch: Die isländischen Fans feiern den historischen Sieg über England.

Reykjavik im Siegesrausch: Die isländischen Fans feiern den historischen Sieg über England.

(Bild: Keystone)

Die Kraft der Vulkaninsel Island scheint sich auf deren Fussballnationalmannschaft übertragen zu haben. Noch bei der Vorrunde zur WM 2014 war die nordische Aussenseiterelf gegen Kroatien ausgeschieden. Nun strotzt sie bei der EM vor unerwarteter Schlagkraft.

Das gut 330'000 Einwohner zählende Island steckt in einer Fussballekstase. Beim unerwarteten Achtelfinalsieg gegen England am Montag schrien rund 10'000 Isländer im Zentrum Reykjaviks mit ihrem inzwischen weltberühmten Fernsehmoderator Gudmundur Benediktsson um die Wette.

Seine Glücksrufe könnten den Stolz der kleinen, von der Finanzkrise 2008 stark gezeichneten Nation nicht besser ausdrücken. «Wir sind wieder da!», lautet der doppelte Tenor. Denn neben dem Fussball läuft es inzwischen auch wirtschaftlich wieder richtig gut für die Insel, dank Fischerei und Tourismus.

Die isländischen Fans in Frankreich sind bereits eine Legende für sich. Die erst 1944 von Dänemark unabhängig gewordenen Isländer sind das wohl patriotischste nordische Volk. Sie lieben ihre abgelegene Insel und alles, was mit ihr zu tun hat, innig.

Was Island als Nation passiert, nehmen die Bewohner sehr persönlich. Auch die Nationalspieler. Die lokale Wirtschaft versucht derzeit, sich davon eine Scheibe abzuschneiden, und bietet für so ziemlich alle Produkte EM-Sonderangebote an.

Ungültige Stimmzettel

Bis zu 10 Prozent der Isländer nahmen bereits zeitweise als Zuschauer an der EM teil, um direkte Zeugen des Fussballwunders zu werden. Bei den Präsidentschaftswahlen am Samstag stellte sich da die ernsthafte Frage, wie viele Bürger wegen der EM nicht wählen gehen würden.

Zahlreiche Isländer hatten ihre Stimmen zudem ungültig gemacht, indem sie Nationaltrainer Lars Lagerbäck auf ihren Stimmzettel schrieben. Der Schwede will nach der EM aufhören und die Mannschaft seinem Kollegen Heimir Hallgrimsson überlassen.

Hallgrimsson kam 2013 hinzu und arbeitet derzeit noch nebenbei als Zahnarzt. Eine Vollzeitstelle ist ihm nun aber versprochen worden. Ob Lagerbäck dann vielleicht Präsident werden wolle? «Das wäre interessant, und die Präsidentenresidenz Bessastadir ist ein schönes Haus. Aber das kann ich dem isländischen Volk nicht zumuten», sagt Lagerbäck.

Zu seinem Abgang meint er: «Das Problem ist, dass ich zu früh geboren wurde. Ich werde nicht jünger, und das viele Reisen strengt an.»

Nur wenige Fussballer

Der 67-Jährige begleitet das Team seit 2011 und wird im Land für die Erfolgsgeschichte verantwortlich gemacht. Offen sagte er, dass sein «Material» besser hätte sein können, aber dass man es so wirksam wie möglich zusammengesetzt habe.

Die Engländer hingegen hätten ausgezeichnetes Material, dieses aber schlecht zusammengefügt, analysierte der Trainer nüchtern. Tatsächlich könnte ein Vorteil sein, dass die isländischen Spieler sich schon fast alle von klein auf kennen.

Auf Island gibt es 21'500 regis­trierte Fussballspieler. Im Nationalteam stehen Akteure, die ­bestenfalls in zweitrangigen europäischen Klubs, zumeist schwedischen, ihre Brötchen verdienen. Das düstere Wetter der Nordatlantikinsel ist eigentlich ein Graus für Fussballspieler. Deshalb finden viele Spiele in Fussballhallen statt.

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