Duell der Bosse

Stephan Lichtsteiner und Robert Lewandowski sind die Captains. Aber die wahren Chefs der Schweiz und Polens heissen Granit Xhaka und Grzegorz Krychowiak. Sie sind die Herzen der Auswahlen. Es gibt erstaunliche Parallelen der zwei Schönlinge und Nummern 10.

Granit Xhaka und Grzegorz Krychowiak.

Granit Xhaka und Grzegorz Krychowiak.

(Bild: Imago/ Instagram)

Fabian Ruch

Der Stratege

Granit Xhaka Alle reden von Xherdan Shaqiri. Aber der wichtigste Einzelspieler bei der Schweiz agiert fast schon auf Weltklasseniveau.

Man könnte sich Granit Xhaka problemlos als Fotomodell vorstellen. Oder als TV-Moderator. Oder als Schauspieler. Er hat die Haare schön, eigentlich immer, und man würde gerne einmal ein Selfie von ihm mit seiner Frisur direkt nach dem Aufstehen sehen.

Das wird Xhaka natürlich nie auf Instagram stellen. Er ist ein Perfektionist, neben dem Rasen, auf dem Rasen. Und man vergisst ja manchmal, dass dieser sehr gut veranlagte Mittelfeldspieler erst 23 Jahre alt ist. Mit 17 debütierte er bei Basel, mit 18 bestritt er sein erstes Länderspiel, natürlich auf grosser Bühne im Wembley-Stadion gegen England, mit 19 wechselte er zu Gladbach. Zuletzt firmierte er als jüngster Bundesligacaptain, nach der Euro wechselt er zu Arsenal. Ablösesumme: rund 45 Millionen Euro.

Klug, aber hitzköpfig

Arsène Wenger, smarter Trainer-Manager des Londoner Topklubs, dürfte froh sein, den Deal bereits vor der Euro realisiert zu haben. Mit seinen grossartigen Vorstellungen in Frankreich würde ein noch nicht transferierter Xhaka jeden Tag die Gerüchteküche zum Brodeln bringen. Man könnte ihn sich auch bei Bayern München vorstellen. Oder Barcelona. Oder Real Madrid. Wo mit Toni Kroos ein ähnlicher Spielertyp im Zentrum des Spiels wie ein Kompass den Aufbau ordnet. Passsicher, elegant, spielstark.

Es passt zu Granit Xhaka, hat er seine Zukunft vor der Euro organisiert. Er überlässt wenig dem Zufall. Sein Karriereweg ist durchdacht, Schritt für Schritt, er geht das Leben wie seine Karriere unaufgeregt und klug an. Genau so, wie er meistens auf dem Spielfeld agiert. Aber längst nicht immer. Sein Temperament spielt Xhaka ab und an einen Streich. 29 Verwarnungen und vor allem 5 Rote Karten in 108 Bundesligaspielen sind Beleg für das zuweilen hitzköpfige Verhalten. «Ich werde oft provoziert», sagte Xhaka einmal, «und ich muss in solchen Situationen cleverer sein.»

Jahr für Jahr ist der zentrale Mittelfeldspieler stärker geworden, dominanter auch, stilprägender, mittlerweile gehört er zu den besten Strategen des Spiels. Ob er bereits in den nächsten ­Wochen auf die Stufe der Toni Kroos’, Sergio Busquets’ und vielleicht noch Luka Modrics aufsteigt, entscheidet sich unter anderem heute. Mit einer weiteren überzeugenden Performance an der EM gegen Polen würde Xhaka seinen unaufhaltsamen Weg in die Weltklasse beschleunigen.

Aus der Tiefe des Raumes

Xhaka wird am Samstag im Brennpunkt stehen. Wie Grzegorz Krychowiak, sein Pendant bei Polen. Beide tragen ja die Nummer 10, obwohl sie keine Spielmacher im klassischen, sondern eher im modernen Sinn sind. Sie agieren aus der Tiefe des Raumes wie Feldherren, die alles im Überblick haben.

Granit Xhaka äussert sich gerne pointiert, er meldete schon vor drei Jahren, ein Halbfinal sei für die Schweiz an einer EM und WM realistisch. Vor dieser Euro sagte er: «Wir müssen uns nicht verstecken, vor niemandem. Wir wissen seit Juniorenzeiten, dass wir mit den besten Nationen mithalten können.»

Der gebürtige Kosovare gehörte 2009 zu den U-17-Weltmeistern der Schweiz, damals besetzte er oft eine Aussenposition im Aufbau. Aber der selbstbewusste Gestalter gehört ins Zentrum, er ist Taktgeber seiner Teams, er ist das Herz der Schweiz. Und dabei lanciert er seine Karriere mit dem Wechsel in die Premier League erst richtig. Wie Krychowiak, der wohl zu PSG geht. Der eine Dressman in Paris, der andere in London. Das passt. Am Samstag duellieren sich die beiden in Saint-Etienne. Auf Augenhöhe. Krychowiak ist 186 Zentimeter gross, Xhaka 185.

Die Maschine

Alle reden von Robert Lewandowski. Aber der wichtigste Einzelspieler bei Polen spielt im Zentrum des Mittelfelds und ordnet den Aufbau.

Man könnte sich Grzegorz Krychowiak problemlos als Fotomodell vorstellen. Oder als TV-Moderator. Oder als Schauspieler. Er hat die Kleider schön, eigentlich immer, und man würde gerne einmal ein Selfie von ihm mit seinem Outfit direkt nach dem Aufstehen sehen. Das wird Krychowiak natürlich nie auf Instagram stellen. Er ist penibel darauf bedacht, einen exzellenten Eindruck zu hinterlassen.

Regelmässig wird er zum bestangezogenen Polen gewählt, massgeschneiderte Anzüge stehen ihm ebenso gut wie das Nationaltrikot. Er ist zwar nicht Captain der Auswahl, aber der Chef der Truppe. «Krychowiak ist das Herz der Auswahl», sagt Michal Trela, Fussballjournalist bei «Przegl?d Spor­towy», der grössten Sportzeitung des Landes. «Und er ist der wichtigste Einzelspieler.»

Roman Kolton, Moderator und Fussballexperte beim TV-Sender Polsat, ergänzt: «Er ist der wahre Leader Polens. Lewandowski hat die Binde, aber Krychowiak ist die Führungsfigur.» Der Mittelfeldspieler wird in der Heimat mit Spaniens Vorzeigeballeroberer Sergio Busquets verglichen. «Er ist sehr stark im Zweikampf», sagt Trela, «und besetzt den Raum vor der Abwehr exzellent. Er ist laufstark, kämpferisch, hat grossen Siegeswillen und geht immer voran.»

Wohl zu Paris Saint-Germain

Und weil Krychowiak im Januar erst 26 Jahre alt wurde, ist seine Entwicklung nicht zu Ende. Bereits mit 16 wechselte er aus Polen zu Bordeaux, wo er gefördert und später regelmässig an kleinere Vereine ausgeliehen wurde. Den Durchbruch realisierte er erst bei Stade Reims. Lange aber galt er als reiner Zerstörer.

Im Vergleich zu Granit Xhaka fällt Krychowiak spielerisch ab; mit seiner Mentalität sowie seinen verbesserten offensiven Qualitäten aber ist auch der Pole auf dem Weg in die internationale Topklasse. Nach seinem Wechsel zum FC Sevilla vor zwei Jahren startete der modebewusste Musterprofi durch. Er arbeitet intensiv im Kraftraum, ernährt sich enorm gesund, hat nach eigenen Angaben noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken.

In Sevilla erhielt Krychowiak bald den Spitznamen «Maschine», er orchestrierte in den letzten zwei Jahren den Aufbau seines Teams derart überzeugend, dass ihn sein Trainer Unai Emery, der wohl zu Paris Saint-Germain geht, unbedingt mitnehmen will. Mutmassliche Ablösesumme: 45 Millionen Euro. Wie zuletzt bei Xhaka.

Wahrscheinlich wird dieser Grzegorz Krychowiak selber Trainer. Er sagte einmal: «Ich analysiere jedes Spiel genau, denke über jede mögliche Situation nach und frage mich ständig, was ich besser machen könnte.» Seine Präsenz ist aussergewöhnlich, und mittlerweile schlägt er herrliche Pässe und schiesst wichtige Tore. Etwa im Europa-League-Final 2015 gegen Dnjepropetrowsk.

Und in Xhakas Heimstadion, dem Basler St.-Jakob-Park, verteidigte Sevilla vor einigen Wochen den Titel in der Europa League gegen Liverpool. Bald dürfte er mit PSG in der Champions League brillieren. Vielleicht gegen Arsenal. Und Xhaka. Seinem heutigen Rivalen.

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