Dank der Wucht Ronaldos im Final

Portugal steht im Endspiel der Euro 2016. In einem fürchterlich schwachen Halbfinal setzt sich der Favorit gegen Wales 2:0 durch. Cristiano Ronaldo schiesst kurz nach der Pause mit einem Torpedokopfball das 1:0. Er ist nun EM-Rekordtorschütze.

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Und dann, als man sich bereits damit abgefunden hat, dass sich die beiden Mannschaften bis zur 120. Minute belangweilen, hat Cristiano Ronaldo eine andere Idee. Kurz nach der Pause steigt er nach einem Corner zum Kopfball hoch, wie wohl nur Cristiano Ronaldo hochsteigen kann, er steht gefühlte fünf Sekunden in der Luft, verdrängt die Gegenspieler, als seien sie gar nicht da, steht immer noch etwa zwei Meter in der Luft, und trifft dann mit purer Entschlossenheit, Wucht und Kraft unter die Latte.

Ronaldo nun wie Platini

Das 1:0 im ersten EM-Halbfinal zwischen Portugal und Wales verdient aus mehreren Gründen diese ausführliche Beschreibung. Es ist einerseits bereits die Entscheidung in einem über weite Strecken fürchterlichen Grottenkick. Und es ist andererseits ein Tor, wie es vielleicht wirklich einzig Cristiano Ronaldo erzielen kann. Vor allem aber ist es ein historisches Ereignis. Denn der portugiesische Megastar stellt ja an dieser Euro in jeder Partie irgendwelche Rekorde auf.

Seit gestern ist er der erste Fussballer, der an drei EM-Halbfinals teilgenommen hat. Er ist seit gestern der erste Spieler, der in zwei EM-Halbfinals getroffen hat. Und er ist dank seines Kopfballtorpedos bester Torschütze der EM-Geschichte. Wie Michel Platini hat Ronaldo nun neun Tore markiert, verteilt auf vier Turniere. Platini erzielte seine Treffer alle 1984 in Frankreich.

Und seit gestern ist Ronaldo auch Erster in der Skorerliste der Euro 2016. Zusammen mit Frankreichs Antoine Griezmann hat er sechs Punkte auf dem Konto. Denn nach seinem dritten Treffer an diesem Turnier liefert Ronaldo drei Minuten später seinen dritten Assist. Sturmpartner Nani spitzelt Ronaldos Schuss aus wenigen Metern ins Tor.

Der Rest des enttäuschenden ersten Halbfinals in Lyon besteht in erster Linie aus der Spannung, ob Ronaldo noch an diesem Abend sein 10. Tor an einer Europameisterschaft gelingt.

Denn Wales ist gegen Portugal, was Wales eben vor allem ist: ein williges, kampfstarkes, aber enorm limitiertes, biederes Team. Gefährlich werden die Waliser kaum einmal. Erst in den letzten Minuten gelingt ihnen endlich eine Druckphase, die diesen Namen halbwegs verdient hat.

Miserable erste Halbzeit

Dabei startete Wales noch leicht schwungvoller ins Spiel. Vor allem Gareth Bale dominierte das Geschehen in der Startviertelstunde, er stellte einige Male seine unerhörte Geschwindigkeit unter Beweis, ohne aber die Portugiesen zu beunruhigen. Ronaldo, bei Real Madrid Teamkollege von Bale, tat sich derweil schwer, in die Partie zu finden. Er lief zwar viel und oft auch flink und klug, Bälle erreichten ihn aber kaum einmal. In der 10. Minute jedoch hätte er einen Elfmeter verdient gehabt, nachdem ihn der äussert rustikale James Collins im Strafraum in den Schwitzkasten genommen hatte.

Viel mehr passierte vor der Pause nicht. Es fehlte an Tempo und Ideen, es war ein Fehlpassfestival, wie man es in einem Halbfinal an einem grossen Turnier niemals für möglich gehalten hätte. Viel langweiliger jedenfalls kann man sich eine Halbzeit selbst in den schlimmsten Vorstellungen nicht vorstellen.

Dann kam Ronaldo. Und dank Ronaldo hat sogar dieser grausam schwache EM-Halbfinal eine besondere Geschichte zu bieten. Aber keine spektakuläre. Denn trotz guten Gelegenheiten gelingt Ronaldo das 10. EM-Tor am Mittwochabend nicht.

Vielleicht schafft Cristiano Ronaldo sein Rekordtor am Sonntag im Final im Stade de France. «Es bedeutet mir ausserordentlich viel, mit Portugal im Final zu stehen», sagt er nach dem Sieg. Aber egal, ob der Gegner in Paris Deutschland oder Frankreich sein wird – Portugal wird sich vermutlich erheblich steigern müssen, um eine echte Chance auf den ersten Titelgewinn an einer WM oder EM zu besitzen.

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