Gegen die Geschichte ankämpfen

Es ist das bis anhin prestigeträchtigste Duell an dieser EM: Am Samstag (21 Uhr) kämpfen in Bordeaux Deutschland und Italien um den Halbfinaleinzug. Beim Weltmeister herrscht grosser Respekt vor dem Gegner – nicht ganz unbegründet.

Jérôme Boateng demonstriert vor dem Prestigeduell Entschlossenheit.

Jérôme Boateng demonstriert vor dem Prestigeduell Entschlossenheit. Bild: Keystone

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Es ereignet sich in diesen Tagen Aussergewöhnliches. In Evian-les-Bains, am französischen Ufer des Genfersees, residiert die deutsche Nationalmannschaft. Der Weltmeister. Die Equipe also, welche derzeit im Fussball den Ton angibt. Doch: Kaum jemand spricht in diesen Tagen in Evian-les-Bains über Deutschland. Das Hauptthema ist Italien.

Das hat einen guten Grund. Am Samstag treffen sich die beiden europäischen Fussballgrossmächte in Bordeaux zum EM-Viertelfinal. Es ist die zweifellos grösste Affiche bisher in diesem Turnier. Und: Sie lässt bei den Deutschen unschöne Erinnerungen aufkommen. Achtmal sind sich die beiden Teams bis anhin in einer WM- oder EM-Endrunde begegnet – noch nie konnte die DFB-Auswahl gewinnen (siehe Kasten unten).

Löws lehrreiche Niederlage

Deswegen werden die hauptsächlich deutschen Journalisten in diesen Tagen nicht müde, die deutschen Fussballer über den Gegner auszufragen. Auch Joachim Löw muss Stellung beziehen. Und irgendeinmal sagt er: «Wir haben kein Italien-Trauma.» Seine Worte sind wohl gewählt, denn Löw erlitt vor vier Jahren gegen die Squadra azzurra die bitterste Niederlage als Nationaltrainer. Im EM-Halbfinal unterlagen die aufgrund des Turnierverlaufs favorisierten Deutschen den Italienern 1:2. Unvergesslich ist Mario Balotellis Jubelpose nach dem zweiten Tor – ohne Dress stellte er seinen muskelbepackten Oberkörper zur Schau. Löw – bis zu jener Partie unantastbar – wurde in der Folge harsch kritisiert.

Er hatte seine Taktik dem Gegner angepasst und erstmals in diesem Turnier Toni Kroos in die Startelf befördert. Dieser sollte die Kreise des überragenden Andrea Pirlo einengen. «Im Nachhinein ist mein Plan nicht aufgegangen, dafür übernehme ich als Coach auch die Verantwortung», sagt Löw. Auch wenn ihm diese Niederlage unheimlich wehgetan habe, sie sei lehrreich gewesen. «2014 hat sie mir dann bei manchen Überlegungen geholfen.» Bekanntlich führte Löw Deutschland in Brasilien zum vierten WM-Titel – und Italien schied bereits in der Vorrunde aus.

Es überraschte deshalb kaum, wurden die Deutschen im Vorfeld der EM als Titelkandidat Nummer 1 gehandelt. Von Italien jedoch sprach kaum jemand. Dann bezwang die Auswahl Antonio Contes die als Geheimfavorit gehandelten Belgier zum Auftakt 2:0 und liess Spanien im Achtelfinal ebenfalls keine Chance. Nun sprechen nicht nur die deutschen Journalisten pausenlos über Italien. Die Defensive mit Keeper Gianluigi Buffon und der Dreierkette Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini – alle in Diensten von Juventus Turin – gilt als beste des ganzen Turniers. Aber: Die Italiener wissen sich auch offensiv in Szene zu setzen, vom gefürchteten Catenaccio kann keine Rede sein. «Die Art und Weise, wie sie Spanien geschlagen haben, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden», sagt Kroos.

Nicht nur an Italien denken

Irgendwann wird der Mittelfeldspieler gefragt, ob er ein Italien-Trauma habe. «Wieso sollte ich?», entgegnet Kroos. Und Jérôme Boateng, der zusammen mit Mats Hummels die sattelfeste Innenverteidigung bildet, sagt, er mache sich nicht Tag und Nacht Gedanken über die italienische Mannschaft. «Da gibt es schlimmere Sachen.»

Boateng und Kroos standen bereits 2012 im EM-Halbfinal auf dem Platz. In den letzten vier Jahren haben sie sich bei Bayern München und Real Madrid zu Weltklassespielern entwickelt. Kroos ist Taktgeber im deutschen Ensemble, Boateng – einst ein ­defensiver Hasardeur – aus der Abwehrkette kaum mehr wegzudenken. Zuletzt bekundete der Innenverteidiger zwar Probleme mit der Wade, doch hält er fest: «Bis am Samstag passt das.»

Angst überwinden

Joachim Löw ist voll des Lobes über den Gegner vom Samstag. «Was die Taktik betrifft, sind die Italiener ein Vorbild für uns», sagt er. «Und sie haben physisch starke Spieler, die sich durch nichts ­beirren lassen.» Derweil spricht Kroos «vom grössten Prüfstein in diesem Turnier. Es ist nicht einfach, Italien zu schlagen. Aber ich bin sehr optimistisch.»

In den letzten Tagen übrigens sprangen diverse deutsche Spieler vom 10-Meter-Turm in den Genfersee. Manche wagten zum ersten Mal den freien Fall von dieser Höhe und berichteten hinterher, «Schiss ohne Ende» gehabt zu haben. Womöglich wird dieser Sprung vom Turm in die Geschichte eingehen, sollte Deutschland am Samstag Italien bezwingen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.07.2016, 13:02 Uhr

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