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Tierschützer filmen heimlichEinem Schwein hing das Gedärm aus dem Bauch

Videos von Tierschützern zeigen, wie Schweine auf Schweizer Bauernhöfen leiden. Jetzt gibt es Anzeigen gegen Tierhalter in fünf Kantonen.

Im eigenen Dreck: Verdeckt aufgenommenes Bild aus einem Schweizer Schweinestall.
Im eigenen Dreck: Verdeckt aufgenommenes Bild aus einem Schweizer Schweinestall.
Foto: Tier im Fokus
Von Artgenossen malträtiert: Falsche Haltung und fehlende Beschäftigung provozieren Konflikte.
Von Artgenossen malträtiert: Falsche Haltung und fehlende Beschäftigung provozieren Konflikte.
Foto: Tier im Fokus
Vegetieren auf dem Betonboden: Vernachlässigte und mit Kot verdreckte Mastschweine.
Vegetieren auf dem Betonboden: Vernachlässigte und mit Kot verdreckte Mastschweine.
Foto: Tier im Fokus
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Sie zwängten sich durch Öffnungen von Auslaufbuchten, kletterten über Zäune und Mauern, stiessen nicht abgeschlossene Türen auf. Elf Schweineställe in der Deutschschweiz haben Tierschutzaktivisten letztes Jahr heimlich besucht. Mit hastig aufgenommenen Bildern dokumentieren sie, was sonst kaum jemand zu Gesicht bekommt: Ein Tier, dem wegen eines unbehandelten Nabelbruchs das Gedärm aus dem Bauch hängt. Schweine, denen verhaltensgestörte Artgenossen die Schwänze abgebissen haben. Immer wieder sind in den 160 Minuten Bildmaterial von Insekten geplagte, stark verdreckte und von gestressten Artgenossen verletzte Tiere zu sehen.

«Es regiert der Profit», sagt Tobias Sennhauser, Präsident des Vereins Tier im Fokus, der sich für «die Würde und den Schutz aller Tiere» einsetzt. Die Videoaufnahmen hat die Organisation der Redaktion Tamedia und dem «Kassensturz» zugänglich gemacht. Sennhauser sagt: Mit den Bildern zu skandalösen Zuständen in Schweizer Sauställen sei belegt, dass der Vollzug des Tierschutzgesetzes wirkungslos sei. «Selbst grundlegende Bedürfnisse der Schweine werden missachtet», sagt er.

Videoaufnahmen zeigen die Zustände in den Ställen.
Video: Tier im Fokus

Schweine haben denselben Schutz wie Haustiere

Die angeprangerten Schweinehalter sprechen von einer Diffamierungskampagne. Amtliche Tierschutzkontrollen hätten bei ihnen noch nie zu Beanstandungen geführt, sagen mehrere Landwirte. 90 Prozent aller Kontrollen in konventionellen Schweineställen finden in der Schweiz nach Voranmeldung der Behörden statt. Künftig werden es noch 80 Prozent sein. «In jedem Saustall gibt es Momente, in denen etwas nicht rundläuft», wehrt sich ein Schweinemäster. Die in ihre Ställe eingedrungenen Nutztierhaltungs-Gegner würden von Schweinehaltung wenig verstehen.

Die Zürcher Stiftung für das Tier im Recht, welche das Videomaterial ebenfalls gesichtet hat, beurteilt die Situation anders: Sie hat gegen neun Schweinehalter in den Kantonen Zürich, Bern, Luzern, St. Gallen und Solothurn Strafanzeige wegen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz und Tierquälerei eingereicht. Auch diese Organisation bemängelt, dass Schweinen heute ein artgerechtes Leben verunmöglicht werde. «Die effiziente Nutzung der Tiere steht im Vordergrund», sagt Vanessa Gerritsen, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung.

«Die effiziente Nutzung steht im Vordergrund.»

Vanessa Gerritsen, Stiftung für das Tier im Recht

In den Strafanzeigen kritisiert die Organisation, dass die Leidens- und Empfindungsfähigkeit von Nutztieren in der konventionellen Fleischindustrie oft zu wenig Beachtung finde. «Das Wohlergehen und die Würde von Nutztieren sind ebenso geschützt wie etwa jene von Hunden oder Katzen», heisst es in den Anzeigen an die kantonalen Staatsanwaltschaften und Untersuchungsämter.

Dass es in der strafrechtlichen Umsetzung der geltenden Tierschutz-Bestimmungen grosse Unterschiede gibt, ist offensichtlich. Eine Auswertung der Verurteilungen von kantonalen Staatsanwaltschaften, Gerichten und Veterinärämtern zeigt, dass es zum Beispiel bei Hunden viel häufiger zu Verurteilungen wegen Tierschutzdelikten kommt als bei Nutztieren. Am seltensten werden Hühner- und Schweinehalter verurteilt.

Kommt es zu einer Bestrafung von fehlbaren Schweinehaltern, sind in den Gerichtsakten dafür oft krasse Verletzungen der Haltungsbedingungen dokumentiert. Gesundheitlich angeschlagene Tiere werden statt gepflegt oder vom Tierarzt auf dem Hof erlöst zum Schlachthaus gekarrt – in der Hoffnung, hier noch einen Gewinn erzielen zu können. Amtstierärzte stellen dort leidende Tiere mit Abszessen, lahmen Beinen oder blutenden Nabelbrüchen fest. In den Untersuchungen treffen Ermittler dann oft auf überforderte oder gleichgültige Nutztierhalter. Die SonntagsZeitung thematisierte vor einem Jahr Verurteilungen von Schweinehaltern. Im Kanton Luzern hatte ein Züchter Tiere mit starken Verletzungen einfach liegen lassen. Die Untersuchungsbehörden fanden im Stall Schweinekadaver, welche der Halter nicht entsorgt hatte.

Konsumentenschutz will Whistleblower-Stelle

Dabei können die meisten in der Schweiz lebenden Schweine nur auf den gesetzlich vorgeschriebenen Minimal-Standard zählen: Im letzten Jahr wurden in der Schweiz gerade mal 1,9 Prozent Bio-Suisse-Schweine geschlachtet, 65,8 Prozent stammten laut Statistik des Bundesamts für Landwirtschaft aus konventioneller Produktion.

Dieses billige Schweinefleisch geht grösstenteils in den Gastrokanal. Restaurants, Heime, Kantinen und Take-aways setzen heute kaum auf ethisch sauber produzierte Ware. «In der Schweizer Schweinefleisch-Produktion ist die Gefahr deshalb gross, dass Tiere schlecht gehalten werden», sagt Sara Stalder, Geschäfsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz.

Damit das Vertrauen ins Schweinefleisch nicht noch weiter erodiert, fordert sie eine in der Produzenten-Community gut verankerte Whistleblower-Stelle. «Bei jedem Tierhaltungsskandal wird klar, dass Missstände schon längst vermutet wurden oder bekannt waren. Nur wurde geschwiegen», sagt Stalder.

Im Kampf um ein besseres Image setzt die Branchenorganisation Suisseporcs auf Live-Bilder aus einem Stall, auf denen eine Muttersau mit ihren Ferkeln zu sehen ist. Die unschönen, von «veganen Tierrechtsaktivisten» bei «illegalen nächtlichen Einbruchaktionen» hergestellten Bilder will Suisseporcs-Präsident Meinrad Pfister nicht kommentieren.

Bundeskontrollen bei Schweinehaltern

Zweifellos steht die Schweinebranche unter Druck: In den nächsten Monaten starten die Diskussionen über die Massentierhaltungsinitiative. Sie stellt die Würde des Tieres ins Zentrum der landwirtschaftlichen Tierhaltung und verlangt einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Nutztieren. Schweine sollen sich frei auf Wiesen und im Schlamm bewegen können, die Besamung soll nur noch natürlich erfolgen.

«Es wird sich etwas bewegen müssen.»

Kaspar Jörger, Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen

Auch Kaspar Jörger, Leiter der Abteilung Tierschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), sieht Handlungsbedarf: «Beim Auslauf und punkto Beschäftigung der Tiere wird sich etwas bewegen müssen», sagt er. Wie die Zustände in Schweizer Schweineställen sind, ermittelt das Amt
gegenwärtig: Ganz legal, aber unangemeldet, haben die Kantonstierärzte im Auftrag des Bundes in den letzten drei Jahren zahlreiche Schweinehalter einer vertieften Kontrolle unterzogen. Die Ergebnisse werden noch dieses Jahr erwartet.