Zum Hauptinhalt springen

Soundcheck aus ThunEine wunderbare Freundschaft

Das Colin Vallon Trio eröffnet die neue Konzertsaison in der Thuner Café Bar Mokka. Gleich zu Beginn
war Improvisation angesagt: Ein Musiker fiel aus.

 Colin Vallon am Klavier und Julian Sartorius an den Drums harmonieren auch ohne Blickkontakt.
Colin Vallon am Klavier und Julian Sartorius an den Drums harmonieren auch ohne Blickkontakt.
Foto: Susanne Keller

Dass sie sich blind verstehen, sieht man nicht auf den ersten Blick. Aber man hört es vom ersten Ton an. Auf der heimeligen, von allerlei skurrilen Figuren und Gegenständen umflorten Bühne der Café Bar Mokka kehrt der Pianist dem Drummer den Rücken zu. Soll das heissen, dass sich Colin Vallon und Julian Sartorius nichts
zu sagen haben?

Die Antwort lautet Ja und Nein. Die beiden kommunizieren auf der Bühne nicht mit Blicken oder Zeichen, sondern (fast) ausschliesslich über Musik. Sie können sich das leisten. Nicht nur, weil sie Meister ihres Fachs sind. Sondern – vor allem – weil sie als eingespieltes Team funktionieren.

Seit sieben Jahren gastiert das Colin Vallon Trio nun schon im Mokka, hat mit seiner Konzertserie «Cocoon» hier sozusagen Familienanschluss. Wie viele Konzerte es mittlerweile geworden sind, seit Mokka-Gründer Pädu Anliker das Trio im Oktober 2013 für einen regelmässigen Jazz Gig verpflichtete, lässt sich heute nur noch schwer rekonstruieren. Sicher ist: Es sind Hunderte.

Das Trio hat seinen Thuner Mentor überlebt und widmet ihm an diesem Abend eine Hommage, angelehnt an einen japanischen Hip-Hop-Groove, den Anliker damals in «seinem» Lokal in Endlosschlaufe spielen liess.
Das Colin Vallon Trio eröffnet die Konzertsaison 2020/21 im Mokka und gibt das erste «reguläre» Indoor-Konzert nach der erzwungenen Schliessung im Frühjahr – es war auch die letzte Band im Mokka vor dem Lockdown.

Bis Donnerstag stehen insgesamt vier Konzerte auf dem Programm, welche mit Video- und Tonaufnahmen dokumentiert werden. Doch gleich am ersten Abend ist Improvisation angesagt. Weil der Bassist Patrice Moret krankheitsbedingt passen muss, treten Vallon und Sartorius im Duo auf. Sie begegnen dieser Herausforderung mit unbändiger Spielfreude.

Musik zu beschreiben ist schwierig, besonders, wenn sie so eigenständig und eigenwillig ist wie diese. Es ist Jazz, aber «ohne Angebersoli», wie ein deutscher Journalist genüsslich vermerkte. Vallon spielt an diesem Abend meist nur wenige Akkorde, lässt die Tonfolgen an- und abschwellen. Mal tönt es wie in einem Entspannungsseminar, dann wie im Maschinenraum des Panzerkreuzers Potemkin, dann wie in einer Sägerei. Vallon ist ein Impressionist, der den unbegrenzten Möglichkeiten seines Instruments nachspürt.

Mit viel Gefühl und Virtuosität reizt Colin Vallon die Möglichkeiten des Klaviers aus.
Mit viel Gefühl und Virtuosität reizt Colin Vallon die Möglichkeiten des Klaviers aus.
Foto: Susanne Keller

Hinter ihm streichelt und schlägt Julian Sartorius seine Trommeln und Becken, mal leise, von Handtüchern gedämpft, mal mit dicken Schlegeln, dann mit blossen Händen. Wenn Sartorius Schlagzeug spielt, bimmeln
die Glocken der Heimat, dann klappert es wie auf einer Computertastatur, und immer wieder werden Beats aus Geräuschen zusammengefügt, die man so nie gehört hat.

Was Julian Sartorius dem Schlagzeug entlockt, ist viel mehr als der blosse Beat.
Was Julian Sartorius dem Schlagzeug entlockt, ist viel mehr als der blosse Beat.
Foto: Susanne Keller

Routine ist diesen beiden Mokka-Routiniers fremd. Wenn man sie sieht, wie sie hämmern, tasten und formen, glaubt man sich zwei musikalischen Bildhauern gegenüber, die an einer gemeinsamen Skulptur werken.

Kleine Formationen, die in kleinen Lokalen zu grossen Reisen einladen: Das ergibt Sinn, nicht nur in Zeiten der Pandemie. So darf man sich auf die weiteren Konzerte des Colin Vallon Trio freuen, bei denen hoffentlich auch Patrice Moret mitwirken kann. Die Band will dem Mokka treu bleiben – auch wenn die Agenda vielleicht etwas lockerer wird, da Julian Sartorius wieder mit Sophie Hunger spielt.

Die Mokka-Tore bleiben jedenfalls offen für diese entdeckungsfreudigen Musiker, deren Werdegang der heutige Mokka-Leiter Marc Schär als damaliger Geschäftsführer von BeJazz schon früh verfolgte. Wie sagen doch die Engländer: Never change a winning team!

Weitere Konzerte des Colin Vallon Trio in der Café Bar Mokka: Dienstag, 6. Oktober, bis Donnerstag, 8. Oktober, jeweils 20 Uhr.