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Liebesfilm aus EnglandEine grausame Liebe

«The Souvenir» erzählt eine Geschichte nach wahren Begebenheiten: Im England der 80er gerät eine Studentin in eine verhängnisvolle Beziehung.

Anthony (Tom Burke) macht es Julie (Honor Swinton Byrne) nicht leicht.
Anthony (Tom Burke) macht es Julie (Honor Swinton Byrne) nicht leicht.

Ab und zu schafft es ein Film, grosse Fragen aufzuwerfen, ohne pathetisch zu werden. «The Souvenir» gehört dazu, denn dieses Drama fragt, wie wir geprägt werden durch unsere Herkunft, ob wir etwas schöpfen können, was ausserhalb unserer Erfahrung liegt, und wie Liebe und Abhängigkeit zusammenhängen.

Wir sind im England der 80er, wo sich die Filmstudentin Julie (Honor Swinton Byrne, die Tochter von Tilda Swinton) in den Kopf setzt, ein sozialrealistisches Projekt zu verwirklichen über die Werftarbeiter in Sunderland, die unter der Sparpolitik von Margaret Thatcher leiden. Julies Traum ist es, auszubrechen aus ihrer privilegierten Blase, sie will sich «wirklich bewusst werden», was um sie herum geschieht.

Ein Geheimnis frisst die Beziehung auf

Das Verhängnis besteht darin, dass sie nicht merkt, was sich abspielt, nachdem sie Anthony (Tom Burke) kennen gelernt hat und mit ihm zusammenzieht. Er bringt sie zum Lachen und geht im nächsten Moment dazu über, ihre künstlerischen Ambitionen zu zerpflücken. Nicht nur das, er hütet auch ein Geheimnis, das die Beziehung bald auffrisst.

Vieles an «The Souvenir» entspricht den Erfahrungen der Regisseurin Joanna Hogg («Archipelago»), sogar ein paar ihrer alten Möbel hat sie hervorgeholt, um die Maisonettewohnung von Julie und Anthony einzurichten. Bemerkenswert ist ihr Sinn fürs Räumliche, die Bilder scheinen stets die Architektur einzubeziehen, und raffiniert setzt sie die Chiffren der sozialen Klasse. Julie möchte gern wie eine Vertreterin der Arbeiterklasse reden, während Anthony poshe Anzüge trägt und am liebsten in Hotels zu Mittag essen geht, wo er dann aber die Rechnung an Julie weitergibt.

Grausam konkret

Anstatt eines Drehbuchs hat Joanna Hogg einen Text geschrieben, auf dessen Grundlage die Schauspieler improvisierten; so entstand die spürbare Spontaneität. Es ist ausserdem sehr unwahrscheinlich, dass man aktuell einen Kinofilm zu sehen bekommt, der noch mehr England enthält; schliesslich erleben wir auch noch Tilda Swinton als Julies Mutter, eine Bilderbuchengländerin mit «stiff upper lip».

«The Souvenir» ist eine Geschichte von emotionaler Verwundung wie auch von künstlerischer Entwicklung. Beides hängt zusammen, und beides kommt zusammen in einer souveränen Inszenierung, die einiges wagt und dabei in jedem Moment grausam konkret bleibt.