Zum Hauptinhalt springen

Umdenken im Tourismus«Ein Wochenende in Barcelona ist heute eher ein No-go»

Elisaveta Schadrin-Esse hat kurz nach dem Ausbruch von Corona ein Buch über umweltbewusstes Reisen veröffentlicht. Gibt ihr die Pandemie recht?

Flugreisen sind aus ökologischen Gründen bedenklich – und die Corona-Pandemie bringt zusätzliche Schwierigkeiten: Passagiere beim Boarding einer Easyjet-Maschine.
Flugreisen sind aus ökologischen Gründen bedenklich – und die Corona-Pandemie bringt zusätzliche Schwierigkeiten: Passagiere beim Boarding einer Easyjet-Maschine.
KEYSTONE

Elisaveta Schadrin-Esse, Sie haben ein Buch zum Thema umweltbewusstes Reisen geschrieben, kurz bevor Sie wussten, dass ein Virus uns quasi dazu zwingen würde, reisetechnisch auf die Bremse zu treten.

Durch Corona haben wir uns alle mehr oder weniger mit dem Gedanken angefreundet, diesen Sommer in der Heimat oder in der unmittelbaren Umgebung zu verbringen. Aus der Not heraus entdecken viele Reisende jetzt das Potenzial der Heimat und beschäftigen sich mit nachhaltigen Alternativen. Das hätte ich mir beim Schreiben unseres Buchs am Anfang des Jahres kaum vorstellen können.

Ein Glücksfall für Ihre Anliegen?

Das Thema nachhaltiger Urlaub und Umdenken im Tourismus hat so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Ich bin mir sicher, dass das nicht spurlos vorübergeht. Umwelt und Nachhaltigkeit waren vor Corona schon ein grosses Thema, jetzt ist es fest in den Köpfen der Menschen drin.

Glauben Sie, dass sich Reisen in Corona-Zeiten und umweltbewusstes Reisen decken?

Der Shutdown hat durch den reduzierten Ausstoss der klimaschädlichen Gase zweifellos eine positive Auswirkung auf das Klima und auf die Natur. Wir hören von sauberen Gewässern in Venedig, smogfreier Luft in China oder Indien, von Tieren, die in ihre Reviere zurückkehren, und von Hafenstädten, die sich ohne Kreuzfahrtschiffe endlich erholen können. Wofür die Umweltbewegungen seit Jahrzehnten kämpfen, ist plötzlich möglich. Gleichzeitig bringt der Reisestopp vor allem in den Ländern des globalen Südens enorme Probleme mit sich.

Welche Probleme?

Viele Länder in Asien und Afrika leben vorwiegend vom Tourismus. Wenn der Tourismus einbricht, hat das nicht nur negative Auswirkungen auf die Menschen, wie Arbeitslosigkeit und rapide steigende Armut, sondern auch auf die Tiere und die Natur. Denn dort, wo Tier- und Naturschutz aus den Touristengeldern finanziert werden, wie zum Beispiel in den Safariländern Afrikas, ist der Reisestopp eine Gefahr. Die Wildtiere sind am besten geschützt, wenn es zahlende Menschen gibt, die auf ihren Reisen weiterhin eine intakte Natur vorfinden möchten. Bleiben diese weg, gibt es ein deutlich grösseres Risiko von Wilderei, denn die Menschen vor Ort wissen sich dann nicht anders zu helfen.

«Das bewusstere Auseinandersetzen mit der Urlaubsregion wird zunehmen, ob aus Angst oder Interesse, sei dahingestellt.»

Sie nennen Kreuzfahrtschiffe, Tiere, Smog, Gewässer: Umweltbewusstsein beim Reisen scheint vielseitig interpretierbar zu sein.

Umweltbewusstes Reisen ist ein emotionales und komplexes Thema, wird jedoch gerne auf CO2-Minimierung und Plastikvermeidung reduziert. Das ist nur zu verständlich, denn gerade in diesen Bereichen spüren und sehen wir sehr deutlich die Auswirkungen des Massentourismus. Ob Corona der Umwelt nützt, kommt jedoch darauf an, wie man «Umwelt» definiert. Für mich und andere Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigen, erschöpft sich Umwelt nicht mit dem Klima und der Unversehrtheit von Natur und Landschaft. Zur Umwelt gehören auch Tiere und Menschen. Pauschal kann man also nicht sagen, dass die Umwelt im Ganzen von Corona profitiert, jedoch geben mir die aktuellen Entwicklungen Hoffnung, dass umweltbewusstes Reisen und Umdenken in diesem Bereich eine grosse Zukunft haben.

Wo sehen Sie die langfristigen Chancen, die Corona hinsichtlich umweltfreundlichem Reisen bringt?

Nahurlaub und das regionale Entdecken werden immer beliebter, das hat schon mit dem Phänomen der sogenannten Flugscham begonnen. Kurze Trips in grosse, enge Metropolen werden weniger attraktiv, zumindest auf absehbare Zeit, bis eine Impfung kommt. Das bewusstere Auseinandersetzen mit der Urlaubsregion wird zunehmen, ob aus Angst oder Interesse, sei dahingestellt. Das Fliegen wird überdacht werden, die grüne Mobilität bekommt mehr Nachfrage: Im europäischen Sommer auf die andere Seite des Globus in die Strandferien zu fliegen oder übers Wochenende nach Barcelona, ist schon heute eher ein No-go. Geschäftsreisen werden gesellschaftlich mehr hinterfragt, alternative Wege, die während des Lockdown funktioniert haben, werden mehr in Anspruch genommen.

Natur ist gefragt: Corona macht kurze Trips in grosse, enge Metropolen weniger attraktiv.
Natur ist gefragt: Corona macht kurze Trips in grosse, enge Metropolen weniger attraktiv.
Foto: Simon Migaj/Unsplash

Kann sich unser Reiseverhalten denn ändern, ohne dass sich die Gesellschaft grundlegend verändert?

Aus meiner Sicht befanden wir uns vor dem Corona-Ausbruch in den letzten Zügen eines Hyperkapitalismus, dessen wir nicht mehr Herr sind. Ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der in einem mittleren oder grösseren Unternehmen arbeitet und dessen Arbeitspensum und der Druck bei der Arbeit normales Niveau hätten. Stress ist eine Volkskrankheit, die Burn-out-Quoten, Depressionsdiagnosen und Suizidraten in westlich geprägten Kulturen sind auf einem nie da gewesenen Hoch. Die Kehrseite ist, dass Menschen auch deutlich wahlloser und ungezügelter konsumieren.

«Mein Traumszenario wäre, dass jeder Tourist sich wenigstens das Basiswissen über umweltbewusstes Reisen aneignet.»

«Kopfloses» Reisen als Kompensation für ein stressiges Leben?

Auch das Reisen wurde, zugespitzt gesagt, als Ausgleich und Belohnung genutzt: möglichst viel sehen, möglichst weit weg fahren für möglichst wenig Geld. Im Grunde müssen wir uns in vielen Bereichen des Lebens weg von der schnelllebigen Wegwerf- und Konsumgesellschaft hin zu einer langsameren Nachhaltigkeitsgesellschaft entwickeln. Die Ablösung des Massentourismus durch bewusstes Reisen ist dabei nur eine logische Konsequenz.

Was muss sich in den Köpfen der Leute ändern?

Mein Traumszenario wäre, dass jeder Tourist sich wenigstens das Basiswissen über umweltbewusstes Reisen aneignet – dass er weiss, welche Auswirkungen sein Verhalten auf die Umwelt vor Ort hat und bestmöglich versucht, diese abzumildern. Ein achtsamer Reisender in diesem Traumszenario stellt sich schon vor der Reise viele Fragen. Um nur einige zu nennen: Leidet die Region an Massentourismus, und ist mein Besuch gerechtfertigt? Kann ich auf die Nebensaison ausweichen? Werden die Aushilfen im Hotel fair bezahlt? Verbraucht die Poolanlage oder der Golfplatz zu viel Wasser, das in der Region knapp ist? Unterstütze ich Tierattraktionen mit meinem Ferienbudget?

Manche würden sagen: Das klingt anstrengend. In den Ferien will ich mich doch entspannen und am liebsten an gar nichts denken.

Das bedeutet natürlich weniger Sorglosigkeit, aber dadurch bekommt das Reisen auch eine neue Dimension. In den Köpfen der Reisenden sollte sich vor allem die Einstellung zu Begriffen wie «nachhaltig» oder «umweltbewusst» verändern. Für viele klingt es nach Verzicht. Deshalb haben wir auch das Buch herausgebracht, mit dem wir es den Reisenden einfacher machen wollten. Das meiste, was wir – persönlich – für einen nachhaltigeren Tourismus tun können, ist nämlich wirklich nicht schwer.

«Es reicht nicht, die teurere Zahnpasta ohne Mikroplastik zu kaufen, seinen Flug zu kompensieren und auf Tierprodukte zu verzichten.»

Reicht das wirklich aus, um Schäden vor Ort und Emissionen genügend zu minimieren?

Nein. Ich bin weit davon entfernt, nur auf grüne Selbstoptimierung zu setzen. Ich finde es mindestens ebenso fahrlässig, wenn Medien – wie etwa zahlreiche «grüne» Blogs und Magazine – und Werbung suggerieren, dass wir nur «besser konsumieren» müssen und sich dann schon alles von allein richtet. Das ist natürlich Unsinn. Es reicht nicht, die teurere Zahnpasta ohne Mikroplastik zu kaufen, seinen Flug zu kompensieren und auf Tierprodukte zu verzichten, auch wenn das ein guter Anfang ist. Der Wandel muss nicht nur in den Köpfen von Einzelnen, sondern vor allem im Wirtschaftssystem und in der Politik stattfinden. Die Kreuzfahrt für ein paar Hundert Euro oder der All-inclusive-Urlaub im energiefressenden Hotelbunker existieren ja gerade deswegen, weil es eine Nachfrage dafür gibt. Viele hart arbeitende Menschen können sich den Aufenthalt in einem fairen, grünen Hotel oder auf einer Ökofarm schlichtweg nicht leisten, obwohl diese die Umwelt weit weniger schädigen als der Billigflug nach Malle. Der «Nachhaltigkeitswahn» kommt ihnen vor wie der nächste Schrei bei «denen da oben».

Was schlagen Sie vor?

Wir müssen als Gesellschaft dafür sorgen, dass «nachhaltig» die bezahlbare Norm wird und dass es keine Verlierer in diesem Wandel gibt. Das gilt nicht nur beim Reisen, sondern schon an der Gemüsetheke im Supermarkt: Warum sind fair und ökologisch produzierte Lebensmittel die teure Ausnahme? Warum darf es überhaupt Lebensmittel geben, die nicht fair und ökologisch produziert wurden? Wem nützen billige Discounter? Am Ende geht es eben auch um eine Wirtschaftsstruktur, die nicht nur auf grün angepinselte Produkte für Besserverdienende setzt, sondern auch den Gering- und Normalverdienenden die Teilhabe am echten grünen Wandel ermöglicht. Sonst wird die gesellschaftliche Spaltung, die wir schon jetzt erleben, immer tiefer gehen.

Die Autorinnen zeigen in ihrem Buch, wie umweltbewusst reisen gehen könnte.
Die Autorinnen zeigen in ihrem Buch, wie umweltbewusst reisen gehen könnte.
Foto: ZVG

Das Buch «dasselbe in grün – umweltbewusst reisen» von Elisaveta Schadrin-Esse und Dana Lungmuss ist erhältlich via: thefernweh.co.