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Witwer kämpft vor GerichtPlötzlich war Max Beeler mit seinen Töchtern alleine

Max Beeler setzt sich dafür ein, dass Witwer gleich lange Geld erhalten wie Witwen. Das ist die Geschichte des Appenzellers, der für seine Überzeugung bis ans Gericht in Strassburg zog.

Heute sind Max Beelers Töchter erwachsen. Sie leben in der Schweiz, er seit 2018 in Peru. Hier bei einem Ausflug an den Davosersee.
Heute sind Max Beelers Töchter erwachsen. Sie leben in der Schweiz, er seit 2018 in Peru. Hier bei einem Ausflug an den Davosersee.
Foto: PD

Der Tag, an dem sich Max Beelers Leben für immer verändert, ist ein Samstag. Am 13. August 1994 stürzt seine Ehefrau Maria in den Tod. Beim Abstieg von der Ebenalp im Kanton Appenzell Innerrhoden verliert die 26-Jährige den Tritt und fällt über eine rund 40 Meter hohe Felswand. Der Notarzt der Rega kann sie nicht mehr retten. Und Max Beeler steht mit seinen Töchtern, 4 und knapp 2 Jahre alt, allein da. Im Alpstein. Vor allem aber im Leben.

26 Jahre später, am 20. Oktober 2020, sind Max Beelers Töchter nicht bei ihm, als er sich in La Merced im peruanischen Urwald in ein Internetcafé setzt. Seit 2018 wohnt er in Peru, dem Heimatland seiner verstorbenen Frau. Der 67-Jährige öffnet die Website des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassburg und findet das Urteil, das just auf diesen Tag angekündigt worden ist. Sein Urteil.

Ein Witwer habe Anrecht auf die gleiche Rente wie Witwen, schreiben die Strassburger Richter. Ihm diese zu verweigern, sei eine unzulässige Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Konkret kritisiert der Gerichtshof für Menschenrechte, dass ein Witwer in der Schweiz seine Rente nur so lange erhält, wie die Kinder minderjährig sind. Witwen hingegen erhalten auch darüber hinaus eine Rente. In gewissen Fällen sogar, wenn keine Kinder vorhanden sind.

«Ein bisschen ein Theater»

«Mein erster Gedanke war, sofort meine Töchter anzurufen», sagt Max Beeler drei Wochen später via Skype. «Sie beglückwünschten mich von ganzem Herzen.» Der Mann mit den weissen Haaren und der Brille strahlt. Und fügt an: «Es war schon ein bisschen ein Theater. Im positiven Sinne. Ich war überwältigt.»

Die Freude über seinen Sieg ist Beeler, der seine Frau 1988 in Peru kennen lernte und im Jahr darauf mit ihr in sein Heimatdorf Schwellbrunn in Appenzell Ausserrhoden zog, auch Mitte November noch anzumerken. Verschwunden sei hingegen die Erleichterung, dass sich sein Kampf gelohnt habe, sagt er. Denn bereits hat er vernommen, dass die Schweiz das Urteil analysieren und dann entscheiden will, ob sie einen Antrag auf Überweisung an die Grosse Kammer des Strassburger Gerichtshofs stellt.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat noch nicht ausgerechnet, was es die AHV kosten würde, wenn Witwer künftig auf Gleichstellung pochen können. Doch schon jetzt ist klar: Es geht um viel Geld. Womöglich mehrere Hundert Millionen Franken. «Das ist masslos übertrieben», sagt Max Beeler. Als seine Kinder klein waren, habe er nur gerade eine Handvoll Witwer gekannt, die sich gänzlich der Kinderbetreuung gewidmet hätten. So viele seien es wohl auch heute nicht.

«Ich habe nicht nur für mich und meine Töchter gekämpft, sondern auch für alle zukünftigen Witwer. Es kann jede Familie treffen.»

Max Beeler

Beeler macht im Gespräch mehrfach deutlich, um was es ihm geht – und was ihn in all den Jahren angetrieben hat. «Ich habe nicht nur für mich und meine Töchter gekämpft, sondern auch für alle zukünftigen Witwer. Es kann jede Familie treffen», sagt er.

Den Kindern habe die Mutter gefehlt, sagt Max Beeler. Nach dem Tod der Frau 1994 gab er seinen Job auf, um voll für die Töchter da sein zu können.
Den Kindern habe die Mutter gefehlt, sagt Max Beeler. Nach dem Tod der Frau 1994 gab er seinen Job auf, um voll für die Töchter da sein zu können.
Foto: PD

Für ihn selbst war der Unfalltod seiner Frau eine schwere Prüfung. Da war zum einen die unbändige Trauer. Zum anderen die masslose Überforderung. Bis zur verhängnisvollen Wanderung hatte vor allem Maria Beeler sich um die kleinen Töchter gekümmert, jetzt war der 41-jährige Witwer plötzlich allein für sie verantwortlich. «Es war nichts mehr wie vorher», versucht Max Beeler in Worte zu fassen, wie er sich damals fühlte. «Ich gab meine Arbeit als Versicherungsvertreter sofort auf, war viel mehr zu Hause, wurde häuslicher. Es war eine riesige Umstellung.»

In den ersten eineinhalb Jahren jobbte der gelernte Textiltechniker noch hier und dort, auch weil er die Mädchen für eine Weile nach Peru zu seinen Schwiegereltern brachte. Auf den 1. Januar 1997 dann trat mit der 10. AHV-Revision die Witwerrente in Kraft, und Max Beeler entschied, vollberuflich Vater und Hausmann zu sein. Den Kindern habe die Mutter gefehlt, sagt er, so habe er ihnen die bestmögliche Betreuung geben wollen.

In seinem Umfeld sei seine Entscheidung «neutral oder positiv» aufgenommen worden, eine negative Bemerkung habe er jedenfalls nie gehört. Zusammen mit den Ergänzungsleistungen zur Witwerrente und den beiden Halbwaisenrenten für die Töchter kam die Familie auf knapp 5000 Franken pro Monat. «Grosse Sprünge machten wir damit nicht», sagt Beeler nur.

Von der Hand in den Mund

Wirklich eng wurde es aber 2010, als die jüngere Tochter volljährig wurde. Beelers Anspruch auf Witwerrente und Ergänzungsleistungen erlosch – weil er ein Mann ist. Als Frau hätte er das Geld weiterhin erhalten. «Ich fiel in ein Loch», sagt Beeler und macht eine lange Pause. Dann fügt er an: «Es wurde finanziell sehr schwierig. Wir lebten von der Hand in den Mund.»

Halt in der herausfordernden Zeit gab ihm der Verein Aurora für Verwitwete mit minderjährigen Kindern, vor allem aber seine Töchter und die Familie seiner verstorbenen Frau. Mit einer neuen Frau an seiner Seite klappte es in all den Jahren nie, obwohl er wieder offen gewesen ist für eine Beziehung, wie er sagt. «Eine neue Partnerschaft einzugehen, war nicht einfach, denn die Frau musste auch meine Töchter lieben und meine Töchter sie. Alles hat nie gestimmt.»

Mittlerweile sind Beelers Mädchen 30 und 28 Jahre alt und haben ihre Studien an der Hochschule St. Gallen erfolgreich abgeschlossen. Das Verhältnis zu ihnen sei sehr eng, sagt Max Beeler. Sie besuchten sich regelmässig, und seit er seine Handy-Aversion überwunden habe, würden sie auch regelmässig via Whatsapp telefonieren. Zuvor habe er jeweils nur am Computer skypen können. «Wissen Sie, ich bin ziemlich stur», sagt er und lacht. Was noch? «Ausdauernd und hartnäckig.»

Seine Tochter Maria Beeler bestätigt das. Er habe seine Meinung und ein starkes Durchsetzungsvermögen. Gleichzeitig sei er als Vater sehr liebevoll. «Er gab uns viele Freiheiten, bezog uns aber auch früh in wichtige Entscheidungen ein. Das hat uns sehr selbstständig gemacht», sagt sie.

«Er gab uns viele Freiheiten, bezog uns aber auch früh in wichtige Entscheidungen ein», sagt Tochter Maria Beeler über ihren Vater. «Das hat uns sehr selbstständig gemacht.»
«Er gab uns viele Freiheiten, bezog uns aber auch früh in wichtige Entscheidungen ein», sagt Tochter Maria Beeler über ihren Vater. «Das hat uns sehr selbstständig gemacht.»
Foto: PD

Unbeirrt für sein Recht gekämpft

Es hat wohl mit seinem Charakter zu tun, dass Max Beeler so unbeirrt für sein Recht kämpfte. Bereits im März 2006 forderte er mit einer Petition ans Bundesparlament eine Gleichstellung von Witwern mit Witwen. Vergeblich. So verlegte er seinen Kampf in die Gerichtssäle. Mit seiner persönlichen Geschichte zog er bis vor Bundesgericht – und unterlag 2012. Zwar räumten die Richter in Lausanne ein, die ungleiche Behandlung von Witwen und Witwern widerspreche der Gleichstellung. Das Parlament habe aber im AHV-Gesetz explizit nach dem Geschlecht unterschieden und damit eine der Bundesverfassung zuwiderlaufende Bestimmung verabschiedet. Bundesrichtern sei es untersagt, Bundesgesetze auf ihre Verfassungsmässigkeit zu prüfen.

«Kein Jurist in Peru versteht das», sagt Beeler mit lauter Stimme. «Es ist nicht stossend, dass Bundesgesetze über der Bundesverfassung stehen. Nein, es ist eine Katastrophe!» Deshalb habe er sofort gewusst, dass er das Urteil des Bundesgerichts an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiterziehen werde. Um Geld zu sparen, erstellte er die Beschwerdeschrift praktisch im Alleingang. Heute sagt er: «Das war eine der grössten Herausforderungen in meinem Leben. Aber ich biss mich durch.»

«Nur weil die Kinder 18 sind, heisst das nicht, dass sie ihren Vater nicht mehr brauchen.»

Max Beeler, Witwer

Als der Strassburger Gerichtshof die Schweiz 2017 zur Beschwerde Stellung nehmen liess und auch Beeler die Gelegenheit gab, sich nochmals zu äussern, nahm dieser sich einen Anwalt. Jürg Oskar Luginbühl sagt, in seinen 35 Berufsjahren hätten ihn wenige Klienten so beeindruckt wie Beeler. «Er hat einen ausserordentlichen Durchhaltewillen. Obwohl er jeden Grund gehabt hätte, in all den Jahren des Wartens emotional zu werden, blieb er ruhig und ausdauernd – und das bei ungewissem Ausgang.»

Jetzt, 8 Jahre nach der Niederlage vor dem Bundesgericht, hofft Max Beeler, dass der Bund das Urteil nicht anficht. Er recht bekommt. Und damit auch Geld, rückwirkend und viel zu spät zwar, aber immerhin.

Das Richtige getan

Mittelfristig könnte die Politik auch den umgekehrten Weg gehen und Gleichstellung schaffen, indem die Witwenrenten gekürzt werden. Doch davon hält Max Beeler «absolut nichts». Die Gleichberechtigung der Frauen sei «noch lange nicht erreicht», etwa bei den Löhnen, sagt er. Da komme eine sozialversicherungstechnische Schlechterstellung der Frauen nicht infrage.

Manche Politiker suchen einen Mittelweg. Sie wollen die Witwerrente nach oben und die Witwenrente nach unten anpassen, und zwar bis zum Abschluss einer Erstausbildung der Kinder. Doch auch damit kann Beeler nicht viel anfangen. Er ist sicher: Das würde zu neuen Härtefällen führen.

Im Rückblick ist Max Beeler überzeugt, das Richtige für seine Töchter getan zu haben. Sie hätten ihn wirklich gebraucht. Als sie volljährig geworden seien, habe er versucht, im Berufsleben wieder Tritt zu fassen. Mit 58 sei das aber sehr schwierig gewesen. «Und was man nicht vergessen darf: Nur weil die Kinder 18 sind, heisst das nicht, dass sie ihren Vater nicht mehr brauchen.»

65 Kommentare
    b. l.

    Die Witwen/Witwerrente sollte sich auf den Unterhalt von Kindern beziehen, nicht auf den Zivilstand.