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Susanne Wille im Interview«Ich kann jetzt noch viel stärker die Zukunft von SRF mitgestalten»

Die «10 vor 10»-Moderatorin verschwindet vom Bildschirm und wird Kulturchefin des Schweizer Radio und Fernsehens. Warum?

So kennen sie alle: Susanne Wille im Studio von «10 vor 10». Nun übernimmt die 45-Jährige eine Leitungsfunktion bei SRF.
So kennen sie alle: Susanne Wille im Studio von «10 vor 10». Nun übernimmt die 45-Jährige eine Leitungsfunktion bei SRF.
Foto: Miriam Künzli (SRF)

Patrizia Laeri wird Chefredaktorin bei einem CNN-Kanal, Nik Hartmann wechselt in eine Führungsposition bei CH Media, Sie werden Chefin von SRF Kultur. Was ist denn bei SRF los, dass alle plötzlich nach oben drängen?

Über ihre Wechsel habe ich weder mit Patrizia noch mit Nik gesprochen. Es gibt ja immer wieder zufällige Häufungen von Personalwechseln. Wichtig scheint mir auch die Tatsache, dass ich mich ganz bewusst entschieden habe, bei SRF zu bleiben. Gerade die jetzige Krise bestätigt, was die besondere Rolle des Service public ist: Die «Tagesschau» knackt jeden Tag die Millionenmarke, die Views des SRF-Newsangebots im Internet haben sich vervierfacht auf täglich 1,4 Millionen. Mit der hohen Reichweite kommt eine enorme publizistische Verantwortung. Wir haben den Auftrag, guten Journalismus zu machen, aber auch die gesellschaftliche Aufgabe, Menschen zu verbinden.

Und just in diesem Moment wechseln Sie als Chefin von SRF Kultur in den Hintergrund und werden zukünftig viel Zeit in Sitzungen verbringen?

Ich kann mir vorstellen, dass das für viele überraschend ist, weil ich nach aussen ein klares politjournalistisches Profil habe. Hinter den Kulissen hat sich allerdings mein Schwerpunkt schon seit längerem verschoben. So war ich in den vergangenen Jahren am Umbau der Abteilung Information und an der Neuorganisation des ganzen Newsbereichs beteiligt. Das war der grösste Umbau in der Geschichte dieser Abteilung. Auch dort konnte ich zentrale Aufgaben übernehmen. Als Mitglied der Geschäftsleitung und Kulturchefin kann ich jetzt noch viel stärker die Zukunft von SRF mitgestalten. Das liegt mir am Herzen.

Das heisst, Sie waren schon in all den Jahren stark im Hintergrund tätig, obwohl Sie oft vor der Kamera zu sehen waren?

So ist es. Ich bin jetzt seit zwanzig Jahren an der publizistischen Front und habe dort alles machen können, was es an Spannendem gibt im Politjournalismus: Ich konnte «10 vor 10» und grosse Wahlsendungen moderieren, Sendungskonzepte entwickeln, war auf Reportage. Aber in letzter Zeit war ich vielleicht noch 20 Prozent mit Moderation und 80 Prozent mit Umbauprojekten beschäftigt. Aktuell bin ich im operativen Team des grossen Transformationsprojekts SRF 2024. Da beschäftigen wir uns damit, wie wir uns neu aufstellen könnenin einer extrem spannenden, aber auch schwierigen Zeit, in der in der Medienlandschaft kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Mit der neuen Aufgabe kann ich nun noch stärker anpacken, als Chefin der Abteilung Kultur mit der Verantwortung für 300 Leute, aber auch als Mitglied der 11-köpfigen Geschäftsleitung, die für das gesamte Unternehmen und damit für 3000 Angestellte verantwortlich ist.

Was ist SRF 2024?

Mit SRF 2024 reagieren wir auf die Digitalisierung, die alles auf den Kopf stelltund organisieren dabei ganz SRF neu. Wir arbeiten bereichs- und abteilungsübergreifend. Und das ist eine neue Denkhaltung, die mir extrem wichtig scheint: nicht mehr in Abteilungen, sondern für ein gesamtes Haus zu denken.

«Sparen ist noch keine Strategie. Und weniger Geld zu haben, ist es auch nicht.»

Warum ist das so wichtig?

Das ist wichtig, wenn wir beispielsweise auf die jüngere Generation schauen, die Medien ganz anders nutztund nicht mehr zu festen Zeiten vor dem Fernseher sitzt oder Radio hört. In unserer Konzession steht zudem, dass wir die Jungen besser erreichen müssen. Zugleich hat sich die finanzielle Ausgangslage verändert: Wir haben eine Gebührenplafonierungund auch bei uns gibt es deutlich rückläufige Werbeeinnahmen. Es geht also auch darum, wie wir mit diesen Rahmenbedingungen weiterhin das beste Programm machen können. Welche Schwerpunkte wollen wir da setzen?

De facto müssen Sie sparen und zugleich zusätzliche Angebote produzieren, um junges Publikum ansprechen zu können. Wie wollen Sie das schaffen?

Das ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Ich sage gerne: Sparen ist noch keine Strategie. Und weniger Geld zu haben, ist es auch nicht. Wir müssen uns also die Frage stellen, was uns wichtig ist. Wo sind wir stark? Was braucht es vielleicht nicht? Auch das: über alle Abteilungen hinweg. Das beginnt bei der Planung. Man hat eine Geschichte und überlegt sich genau, wie wir diese Geschichte auf welchem Kanal erzählen können, dass sie bei diesem oder jenem Zielpublikum ankommt. Ein Instagram-Account funktioniert anders als ein Youtube-Kanal und dieser wiederum anders als das lineare TV- und Radio-Programm. Das bedeutet nicht, dass wir immer mehr machen. Es geht also vielmehr darum, einen starken Inhalt vielseitig zu nutzen. Und eine gute Geschichte auf den diversen Kanälen jeweils anders zu erzählen.

SRF-Direktorin Nathalie Wappler war eine von Susanne Willes Vorgängerinnen als Chefin der Kulturabteilung von SRF.
SRF-Direktorin Nathalie Wappler war eine von Susanne Willes Vorgängerinnen als Chefin der Kulturabteilung von SRF.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
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Sie haben mit Nathalie Wappler eine Chefin, die als eine Ihrer Vorgängerinnen die Kultur sehr gut kennt. Wie ist das für Sie, zukünftig eine Chefin zu haben, die Expertin in Ihrem eigenen Bereich ist?

Das ist doch die beste Ausgangslage, wenn man eine Vorgesetzte hat, die Bescheid weiss in dem Gebiet, in dem man selbst tätig ist. Und mit der ich auch mal etwas spiegeln kann. Nathalie Wappler hat das können Sie mir glaubenauch sehr viele andere, grosse Aufgaben. Aber ja: Ich habe Freude, dass Nathalie Wappler meine Abteilung so gut kennt, dass sie eine kluge und gebildete Person ist, die sich sehr für die Kultur interessiert, aber auch für all das, was in den anderen Abteilungen läuft.

Warum aber wollen Sie ausgerechnet als Leiterin der Kulturabteilung an diesem Umbauprojekt mitarbeiten?

Ich denke, die wenigsten Menschen sind eindimensional. Während ich als Politjournalistin arbeitete, was ich sehr gerne tat, habe ich im Privaten viel Kultur konsumiert. Ich habe Geschichte und Anglistik studiert, das heisst, ich habe auch biografisch und persönlich einen sehr starken Bezug zur Kultur: Ich gehe gerne an Konzerte, höre Musik, lese sehr viel. Ja, ich lese so viel, dass ein Teil meines Kleiderschranks inzwischen mit Büchern gefüllt ist, weil unsere Regale voll sind.

Was haben Sie zuletzt gelesen?

Ich mag die Bücher von Paul Auster, aber auch Schweizer Literatur, etwa den Autor Klaus Merz, der wie ich aus dem Kanton Aargau stammt und von dem ich eine Lesung bei uns in der Gegend besuchte, als dies noch möglich war. Vielleicht etwas überraschend, ich lese gerne auch kurze, kompakte Gedichte. Im Moment beschäftige ich mich aber hauptsächlich mit Büchern zu Digitalstrategien und zum Organisationsmanagement. Das Sinnliche kommt aktuell etwas zu kurz, aber ich höre auch sehr viel Musik, vor allem am Abend.

Was sind Sie für ein Musikmensch, eher Klassik oder Pop?

Auch hier bin ich kein eindimensionaler Mensch. Vor der Coronakrise war ich in ein und derselben Woche an einem Patent-Ochsner-Konzert, das war grossartig, habe aber auch noch ein Elgar-Konzert mit Sol Gabetta und dem Symphonieorchester Bern besucht, mit unseren drei Kindern. Diese Vielseitigkeit ist es auch, was mich an der neuen Aufgabe reizt: SRF Kultur ist trimedial, das heisst, ich verantworte Radio, Online und TV in einer Abteilung, in der es nicht nur Inhalte gibt, die einem engeren Kulturbegriff entsprechenetwa aus der Kunst, der Bühne und der Musik. Zu meiner Abteilung gehören auch Dokumentarfilm, die «Reporter»-Sendungen, die Wissenschaft und die Philosophie. Und dann kommt noch die Fiktion dazu, also die Serien, der «Tatort», die Kinofilme und Hörspiele.

«Auch eine Serie, die unterhält, kann eine Debatte auslösen, also einen Bildungsanspruch erfüllen.»

Die Kultur ist eine der grossen Abteilungen bei SRF. Kann die überhaupt eine Person allein leiten oder repräsentieren Sie nur nach aussen?

SRF Kultur ist mit einem Budget von rund 70 Millionen Franken tatsächlich eine sehr grosse Abteilung, auch weil die Fiktion dazugehört. Aber ich habe ganz klar eine Managementaufgabeund ein Leitungsteam, das die einzelnen Bereiche – Online, Radio, DOK, TV, Fiktionverantwortet. Sobald die Corona-Krise vorbei ist, werde ich vor Ort am Kultur- und Wissensstandort in Basel, wo die Inhalte produziert werden, sein. Ich will die Teams kennen lernen, will wissen, wie diese Redaktionen funktionieren, wofür sie brennen.

Bei einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen KanälenOnline, Radio, TVwerden einige befürchten, dass es zu einer Nivellierung nach unten kommt und die klassische Kulturberichterstattung auf der Strecke bleibt. Beim Onlineauftritt von SRF Kultur ist das ja schon heute der Fall.

Das sehe ich anders. Der Onlineauftritt widerspiegelt die Vielfalt der Themen dieser Abteilung. Und klar ist: Die klassischen Kulturthemen sind und bleiben wichtig, genauso wie Themen wie Gesellschaft, Philosophie oder Wissen. Von einer Nivellierung nach unten zu reden, ist daher falsch. Es geht vielmehr darum, dass die unterschiedlichen Themen auf den entsprechenden Kanälen zur Geltung kommen. Ich rede viel lieber von einer «Kultur auf Augenhöhe».

Was meinen Sie damit?

Dass man Kulturinhalte zugänglich macht für die unterschiedlichen Publikumsgruppen. Das bedeutet, dass eine Radiosendung wie die «Diskothek» auf Radio SRF 2 Kultur, in der verschiedene Interpretationen eines klassischen Musikstücks verglichen werdenund deren Publikum ein grosses Fachwissen hat , eine genauso starke Berechtigung hat wie ein Kulturbeitrag, der in der «Tagesschau» zu sehen ist. Aber in der «Tagesschau» wird ein breites Publikum angesprochen, also muss ein Thema auch anders erzählt werden. Und ein kreativer SRF-Kultur-Instagram-Account nimmt das Kulturthema nochmals anders auf. Letztlich steht immer das Publikum im Zentrum. Wenn ich Kultur auf Augenhöhe sage, dann meine ich noch etwas Zweites: In Zukunft wird der Dialog mit dem Publikum noch wichtiger. Und sowieso mag ich den Begriff «Nivellierung nach unten» nicht. Auch eine Serie, die unterhält, kann eine Debatte auslösen, also einen Bildungsanspruch erfüllen.

Bei der Fiktion ist SRF mit einer superstarken internationalen Konkurrenz wie Netflix konfrontiert. Hat SRF da überhaupt noch eine Chance?

Es ist legitim, dass Sie fragen, ob die fiktionalen Eigenproduktionen von SRF eine Zukunft habenoder ob man das Feld nicht lieber den internationalen Giganten überlassen will, die ganz andere Mittel zur Verfügung haben. Aber externe und interne Untersuchungen zeigen, dass Serien für unser Publikum wichtig sind. Nicht nur, aber auch für die Jungen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir mit der Konzession den Auftrag haben, die Schweizer Kulturszene aktiv zu fördern. Das machen wir, indem wir selber Inhalte produzieren: also Schweizer Serien, die in der Schweiz spielen. Da sind die grossen Streaminganbieter nicht aktiv. Netflix etwa produziert keine Serie über die Nachkriegszeit in der Schweiz, wie es SRF mit «Frieden» macht, die Serie kommt im Herbst ins Programm. Sie wird sehr gut, ich freue mich drauf.

Der Bundesrat hat mit der Verabschiedung der Kulturbotschaft gerade entschieden, dass auch ausländische Anbieter wie Netflix und Sat1 zukünftig ins Schweizer Filmschaffen investieren müssen. Wächst da für SRF nicht eine neue Konkurrenz heran?

Da müssen wir schauen, wie sich das entwickelt. Konkurrenz belebt das Geschäft. Und ich persönlich finde es immer besonders spannend, wenn der Markt spielt. Im Moment sehe ich noch kaum Serien, die in der Schweiz spielen. Letztlich braucht es immer auch starke Autorinnen und Autoren, Drehbücher und Figuren, das alles braucht Zeit. Wenn ich die Drehbücher lese, die gerade bei mir auf dem Tisch sind, freue ich mich jedenfalls schon jetzt über das, was wir in der Pipeline haben. Ich hoffe, dass wir diese spannenden Inhalte schon bald zeigen können.

Sind Sie schon voll im Amt?

Jetzt haben Sie mich ertappt! (lacht) Nein, ich bin noch nicht im Amt, aber es stehen jetzt schon wichtige Entscheide und Weichenstellungen an, bei denen ich mich einbringen darf. Deshalb versuche ich, schon so viel wie möglich zu machen neben meinen jetzigen Aufgaben.

Ihre neue Stelle scheint ein 140-Prozent-Job zu sein. Sie haben Familie, drei Kinder mit «Tagesschau»-Moderator Franz Fischlin wie bringen Sie das alles zusammen?

Mein Mann freut sich über diesen Schritt und unterstützt mich sehr stark. Er redet nicht nur von Gleichstellung, er lebt sie auch, wenn er sagt: «Das ist eine tolle Chance, eine tolle Aufgabe, pack sie! Ich schau, dass ich dir so gut wie möglich den Rücken freihalten kann.»