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Soundcheck aus dem DachstockEin Superspreader der Liebe

Zum Auftakt der Konzerte im Oberstübli der Reithalle gab sich Berns königliche Familie die Ehre.

King Pepe und seine Queens im Dachstock.
King Pepe und seine Queens im Dachstock.
Foto: PD

Für das erste Konzert nach dem Lockdown lud der Dachstock einen König samt Königinnen ein. Ein Aufritt von Monarchen in der autonomen Oase mitten im Asphaltdschungel – gehts noch?

Nun ja, King Pepe und seine Queens tragen zwar den Anspruch auf den Thron in ihrem Namen, ansonsten verzichten sie aber auf royalistische Provokationen. Auch mit Kronen haben sie es weniger, die sind ja jetzt ohnehin überall und in dem Sinne demokratisch unterwegs. Als Ersatz trägt die Band zum Teil noch Corona-Frisur.

Der Auftakt nach der Pause im Dachstock hat ohnehin etwas Surreales: Die Eingangskontrollen samt Kontaktformular sind vorbildlich. Und das Vermummungsverbot, das von den Autoritäten gerade im Reitschule-Umfeld immer wieder gefordert wird, ist so was von passé. Nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch Teile des jugendlichen Publikums tragen nun auch im Club Maske – obschon sich der Abstand einhalten lässt: Es werden höchstens 300 Leute ins Lokal gelassen.

Weniger kann aber auch mehr sein. Der Möchtegernkönig Donald der Erste wäre jedenfalls kürzlich bei seinem einsamen Wahlkampfauftakt in den USA froh gewesen um eine solche Publikumskulisse.

Der King ist ein Zitierkünstler

Trotz der Wiedersehensfreude nach der dreimonatigen Zwangstrennung spart sich der König salbungsvolle Worte und andere Formalitäten an die Adresse seiner Fans. Er kommt gleich zur Sache. Die zu beschreiben, war im Fall von King Pepe schon immer schwierig. Ist es Chanson, Dada, Avantgarde oder gar postmoderner Berner Rock? Sagen wirs mal so: Es ist sicher kein Mainstream.

Der König hat seinem Volk genau zugehört und montiert dessen Redewendungen und Floskeln ohne falsche Hemmungen zu etwas Neuem. King Pepe ist ein Zitierkünstler. Dazu hat er viel gelesen und eine gute Plattensammlung. Er zwinkert dem Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon zu («Eigetum isch Diebstahl, aber i ghöre trötzdäm dir») und schickt einen Gruss nach Zürich zu dessen einstiger Lieblingsband Baby Jail.

King Pepe ist keiner, der das Leben auf die leichte Schulter nimmt, schon eher ein Botschafter des Galgenhumors (was bei Königen ja nicht schaden kann). Da stellen sich dann existenzielle Fragen («Us welne Löcher chöme all die Chnoche?»), die auch zu Selbsterkenntnis führen können («I bi identisch mit mir»).

Ansteckungsgefahr: gross!

Simon Hari alias King Pepe ist Jahrgang 1976. Etwa so, wie es in seinem Geburtsjahr tönte, klingt auch seine eigene Musik. Urbane New-Wave-Riffs werden von Discobeats angetrieben (die Queens haben gleich zwei Drummer in ihren Reihen!), dazu gibt es elektronische Störgeräusche, ein paar Rockeinsprengsel und als Gegenwartsbezug Rap und Autotune-Effekte. Die Queens tönen eher nach grauen Wolkenkratzern als nach der grünen Aare – und sind vor allem eine richtig gute, professionelle Begleitband.

Für den brüchigen Charme samt Lokalkolorit ist der King zuständig, mit einem für Bern nicht untypischen Nuschelsound. Nach einigen Grübeleien widmet sich der Sänger bald ganz der Liebe («Pepe gschpürt d Liebi») – und alle strahlen.

King Pepe, ein Superspreader der Liebe? Das Ansteckungsrisiko ist jedenfalls gross. Oder, wie es einem Pepe-Song heisst: «Fingi guet, fingi sehr guet, s het mer sehr guet gfalle.»